Flucht und Flüchtende im Unterricht

„Am Wochenende…also auf meinem Dorf gibt es ja auch so Asylanten. Da hab‘ ich nachts einen auf der Straße getroffen, der hat mich dann angemacht, dann hab‘ ich erstmal eine gelangt.“

Steffen erzählt von seiner Erstbegegnung mit einem Asylbewerber. Ich frage sicherheitshalber noch einmal nach:

„Hast du ihn geschlagen oder er dich?“

„Nee, ich hab‘ ihm eine gelangt, der ist mir ja blöd gekommen.“

„Was hat er denn zu dir gesagt?“

„Ja keine Ahnung, ich konnt‘ ihn ja nicht verstehen.“

Das Thema Flucht und die Menschen, die nach Europa strömen, sind im Unterricht angekommen und spalten auch die Meinungen der Schülerschaft. Während die eine Hälfte in den Flüchtenden vor allem Schutzsuchende sieht, die vor dem sicheren Tod fliehen (und dabei ebenfalls Todesgefahren auf sich nehmen), sehen andere vorrangig Kriminelle und Betrüger. Steffens Aussage ist für die zweite Hälfte symptomatisch. Er hat sein Gegenüber nicht verstehen können – derjenige hat ihn übrigens auch nicht körperlich bedroht – war sich aber sicher, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Auch sonst meinen die Schüler, so einiges zu wissen.

„Das ist ungerecht!“, steht zu Beginn einer anderen Stunde an der Tafel. Es dauert nicht lange, bis sich das Gespräch von angeblich bevorzugten Geschwistern und nicht erfüllten Wünschen zu den Flüchtlingen vorgearbeitet hat. Auch Alex findet etwas ungerecht:

„Also im Park, da sitzen immer die Asylanten rum und die haben iPhone 6 – ich hab‘ nur iPhone 4! Die können sich das hier leisten und ich nicht!“ Er ist empört. Zugegeben, ich kann auf einige Meter Entfernung kaum erkennen, welches iPhone ein Mensch besitzt, sie sehen dann schon gleich für mich aus. Aber zumindest steht fest, dass Alex eine Ungerechtigkeit darin sieht, dass jemand ein neueres Handy als er selbst zu besitzen scheint. Und dieser jemand hat als Fremder und mutmaßlicher Asylbewerber keinesfalls das Recht, das zu tun.

„Woher hat ‚der Flüchtling‘ sein iPhone?“, frage ich die Klasse.

„Das bekommen die, wenn die hierher kommen!“, ruft Ben in den Raum. „Das bekommen die von dem Provider an der Grenze. Und den Vertrag bezahlen die auch!“

„Wie soll ich mir das vorstellen? Steht da an der Grenze ein LKW von einem Mobilfunkanbieter und die Mitarbeiter reichen jedem Flüchtling dann ein iPhone 6 von der Ladefläche?“, frage ich zurück.

„Keine Ahnung.“ Ben zuckt mit den Schultern. Keine Ahnung – schon zum zweiten Mal nicht, obwohl man sich gerade eben doch so sicher war. Kurze Zeit später kommt jemand auf die Idee, dass es Handys bzw. Smartphones wahrscheinlich auch in anderen Ländern als Deutschland gibt. Und dass die Menschen, die hierher geflüchtet sind, sich vor der Zerstörung ihrer Heimat ja ein Smartphone gekauft haben könnten. Moment – neueste Mobilfunkgeräte gibt es auch außerhalb von Deutschland? Das versetzt einige kurzzeitig in Erstaunen.

„Ja stimmt – das ist voll günstig da!“ Das ist wieder Alex.

„Welches Land meinst du denn mit ‚da‘?“, frage ich wieder.

„Keine Ahnung, da wo die herkommen eben.“

„Die soll’n sich erstmal integrieren und unsere Regeln lernen!“ Das ist wieder Steffen. Er selbst kommt übrigens höchst selten zur Schule.

Alex, der einerseits immer noch sauer ist, dass Flüchtlinge ein angeblich besseres Handy als er besitzen und andererseits zu wissen meint, dass es in deren Heimatländer günstige iPhones gibt, wil noch eine weitere Ungerechtigkeit loswerden:

„Ich find’s ungerecht, dass ich am Wochenende zu meinem Vater muss, obwohl ich ihn nicht sehen will. Also, ich will das schon, aber dann wenn ich das will und nicht dann, wenn ich muss. Der meint eh, dass ich ein Versager bin. Mein Bruder ist von der Schule geflogen und trotzdem hat er zu ihm gesagt, dass er stolz auf ihn ist. Ich hab‘ nur wem ’ne Ohrfeige gegeben und tickt der gleich aus. Zu mir hat er noch nie gesagt, dass er stolz auf mich ist.“

Es kommt mir so prototypisch vor: Das Gefühl, nicht ausreichend akzeptiert und geliebt zu werden, verwandelt sich in Wut gegen Schwächere. Sie werden die mit Argusaugen darauf untersucht, ob sie es etwas besitzen oder bekommen, dass ihnen nicht zuzustehen hat. ‚Ich bin auch mal dran!‘ scheint mir das dahinterstehende Motto zu sein. Alex ist noch nicht fertig:

„Zu Hause meine Mutter immer zu mir, ‚Nimm das Poster ab.‘, wenn ich was an die Wand klebe, sie sagt ‚Das ist meine Wohnung.‘ Und dann kommt sie wieder in mein Zimmer und schimpft, dass es  nicht aufgeräumt ist. ‚Räum‘ dein Zimmer auf.‘, meint sie dann und dann sag‘ ich zu ihr, ‚Nö, das ist doch deine Wohnung, hast du gesagt, räum‘ doch selber auf.‘ Und dann meckert sie wieder rum, dass man mit mir nicht reden kann. Aber ist doch ihre Wohnung, hat sie doch selbst gesagt.“

E-Mail für mich 1 – Hat nichts mit Rassismus zu tun, aber…

Am zweiten Tag unserer Projektwoche erreicht mich eine E-Mail auf meiner Dienstadresse. Maikels Mutter hat ein dringendes Anliegen, dass aus ihrer Sicht keinen Aufschub duldet. Dazu muss ich erwähnen, dass ich mit den Eltern unserer Schüler ausschließlich telefonisch über das Schultelefon oder persönlich bei einem vereinbarten Termin kommuniziere. Die Themen E-Mail und private Telefonnumer biete ich bewusst nicht an. Die Dienstadressen für Mails kann man sich allerdings ziemlich einfach zusammenreimen, aber die Eltern wissen auch, dass ich nicht antworten werde, wenn sie mir trotzdem schreiben.

Wie gesagt, Maikels Mutter ficht das nicht, sie schreibt mir. Ich erfahre, dass Maikel, der am Wanderprojekt beteiligt ist, gestern krank war. Die von unserer Schule geforderte telefonische Krankmeldung habe ich übrigens nicht in meinem Fach gefunden. Eine Rücksprache mit unserer Sekretärin am nächsten Tag erklärt das, es hat schlicht niemand angerufen. Am zweiten Tag ist Maikel aber zu irgendeiner Uhrzeit wieder zur Schule gekommen und das Wanderprojekt ist doch tatsächlich wandern gegangen! Und zwar ohne Maikel, den am ersten Projekttag noch keiner gesehen hat, Bescheid zu sagen! Die Mutter findet, das könne nicht angehen.

Es sollte noch dicker kommen: Maikel musste keineswegs einsam vor dem Sekretariat sitzen, eine Kollegin nahm ihn mit. Unsere Schule hat eine bunte Schülerschaft verschiedenster Nationalitäten und um deren kulturelle Hintergründe geht es in ihrem Projekt. Das geht: gar nicht. Schreibt Maikels Mutter. Ihr Sohn wolle das nicht. Ein kurzes Gespräch mit der Kollegin fördert zu Tage, dass sie den Jungen mehrmals gefragt hat, ob er sich im Projekt wohlfühle und bleiben wolle und er bejahte das. Die Erziehungsberechtigte vertritt da jedoch andere Vorstellungen. Ihr Sohn solle nicht als Notlösung in so ein Projekt über „ausländische Kultur“ gesteckt werden. Sie wolle das nicht und Maikel wolle das ebenfalls nicht. Sie möchte das auch nicht erklären, „das hat nichs mit rasismus zu tun“, aber man wolle das einfach nicht, „es interesiert ihn auch nicht“.

Weiter stellt die gute Frau mir da, dass sie sich aber  auch nicht darum kümmern könne, sie habe keine Zeit selbst zur Schule kommen, um zu klären „wer, wie, was, wo“. Sie müsse arbeiten und einen Führerschein besitze sie nicht. Sie könne das im Übrigen nicht nur, sondern werde das auch nicht machen. Mein Gedanke: Maikels Mutter könnte anrufen. Am besten gleich am ersten Krankheitstag, so wie es die Schulordnung vorsieht. Dann würden der Kollege, der Maikels eigentliches Projekt betreut und ich von seiner Krankheit erfahren und könnten im Gegenzug der Familie alle nötigen Informationen zukommen lassen. Allein, das Thema Telefonieren zieht sie in Ihrem Schreiben nicht in Betracht.

Nachdem ich inzwischen eine DIN-A4 Seite lang gelesen habe, was man alles nicht getan hat, nicht kann, nicht will und nicht tun wird, robbt sich Maikels Mutter zum zentralen Punkt vor. Sie kommt ein weiteres Mal auf die „ausländische Kultur“ zu sprechen, ein Projekt, in das sie ihren Sohn auf keinen Fall weiter schicken werde. Schließlich müsse sie als Mutter sich sicher sein, dass ihr Sohn es in der Schule „auch gut und sicher habe“, ein Punkt von dem sie momentan offensichtlich nicht auszugehen scheint. Ansonsten, kündigt sie an, werde sie ihren Sohn in den kommenden Tagen zu Hause behalten. (Das ist übrigens eine Ordnungswidrigkeit, die bei Wiederholung mit einem Bußgeld belegt wird.) Die E-Mail mündet in der zentralen Frage:

„Was werden Sie Herr Alltagsarbeiter also nun tun?!????“

Zunächst klicke ich auf den Ignorieren-Button der angehängten Lesebestätigung.

Die Freundin ist weg – Nachtrag

Yara hat viel geweint, als ihr klar wurde, dass sie nicht mit ihrer Freudin in eine Klasse gekommen war. Während Yara dem Hauptschulzweig zugeordnet wurde, geht ihre Freundin ab jetzt in den Realschulzweig.

Es ist die erste Stunde, Religion in der 8.2. Auch Yara steht auf der Klassenliste. Sie war schon vergangene Woche in der ersten Religionsstunde des Schuljahres nicht dagewesen und auch heute fehlt sie. Gestern hatte ich sie noch auf dem Schulhof gesehen, nach wie vor zog sie ein unglückliches Gesicht. Später noch in Begleitung ihrer Famile in Richtung Schulleitung. „Ist Yara bei Werte und Normen, wisst ihr das?“, frage ich die Klasse. „Nein, aber sie kommt nicht zum Unterricht.“, antwortet der erste. Ich bin kurz verwirrt. Was macht sie dann in der Schule?

„Sie kommt immer nur her, aber sie geht nie in die Klasse.“, ergänzt eine Mitschülerin, „Wenn die Stunde anfängt, ist sie weg.“

„Ich habe sie heute morgen im Bus gesehen.“, weiß noch jemand.

„Sie mag die Klasse nicht so.“, erfahre ich noch. Schade, ich fand die 8.2 nach der ersten Begegnung absolut in Ordnung. Aber Yara kann das nicht wissen, wenn sie die Klasse nicht betritt.

Noch ein Nachtrag, einige Tage später: Ich gehe am Klassenraum der 8.2 vorbei und schaue dabei durchs Fenster hinein. Zwischen den Schülern entdecke ich Yara, sie ist in ihrer neuen Klasse angekommen.

Die Freundin ist weg

Yara weint. Seit Tagen. Angefangen hat alles mit dem neuen Schuljahr und den neuen Klassen. Wobei – begonnen hat die Sache eigentlich schon im vergangenen Schuljahr.

Nach drei Jahren gemeinsamem Unterricht wurden die Siebtklässler nicht nur in neue Klassen, sondern auch in Schulzweige eingeteilt und darin sollte die Wurzel allen Weinens liegen. Jeder Schüler durfte sich einen anderen Schüler wünschen, mit dem er oder sie auf jeden Fall in eine Klasse kommen wollte. Auch Yara wählte, bedachte aber nicht die Schulzweigzuweisungen. Während sie also nun in Anlehnung an die Lehrpläne der Hauptschule unterrichtet werden wird, sollte Yaras Freundin den Realschulzweig besuchen.

Nicht, dass ihre Klassenlehrerin sie nicht vor den Folgen gewarnt hätte. Yara war das egal, sie wollte schließlich mit ihrer Freundin in eine Klasse. Und nur mit dieser! Es kam wie es kommen musste – zwei Schulzweige, zwei Klassen, getrennte Freundinnen. Kaum waren die neuen Klassenzusammensetzungen am ersten Schultag verkündet worden, wurde auch Yara gewahr, dass sie nicht mit ihrer Freundin in eine Klasse gehen würde. Yara begann zu weinen. Das war letzte Woche.

Seitdem sind ein paar Schultage und ein Wochenende vergangen. Und Yara weint. Als sie schon ganz leergeweint sein muss, besucht sie die Schulleitung. Erfolglos. Yara weint.