Kindermund tut …

Kurz nach dem der Schulfotograf da war, liegen auch schon die Ergebnisse bereit, die ich an meine Klasse austeile. Die Reaktionen fallen gemischt aus – so will Damian nicht, dass irgendjemand seine Fotos sieht -, aber in Niklas‘ und Sarinas Fall ist der Trend klar:

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Projektwoche – Der zweite Tag

Da sitzen sie also in der Schulküche, die Schüler meiner Klasse. Wie bereits erwähnt, haben einige Kochschürzen von zu  Hause mitgebracht, die sie vor Unterrichtsbeginn bereits angezogen haben. Darüber hinaus ist der Vorteil einer solchen Schürze, dass Sarina etwas mehr Stoff am Körper hat. Auch heute sonnt sie sich ansonsten in der Aufmerksamkeit der Jungenblicke, wenn sie ihre frühpubertäre bauchfreie Niedlichkeit zur Schau trägt. Außerdem stelle ich fest, dass alle pünktlich sind – so wie gestern. Das wäre was Feines für reguläre Unterrichtstage! Nur Sergej fehlt erneut.

In der ersten Hälfte des Tages soll Gebäck entstehen, das dann in der Pause an die anderen Klassen verkauft werden soll, um die Klassenkasse aufzufüllen. Da ich in vergangenen Kochkursen die Erfahrung gemacht habe, dass die Kochgruppen sich schnell streiten, weil jeder meint, er habe schon genug getan, arbeite ich in der Projektwoche mit Arbeitsplänen. In so einen Plan tragen die Schüler ein, welche Zutaten sie für jeden Rezeptteil brauchen, welches Küchenzubehör nötig ist und wer für jeden Arbeitsschritt zuständig ist. Auf diesem Weg entsteht eine klare Aufgabenverteilung. Gestern war das sehr erfolgreich. Und heute? Alles vergessen! Die Gruppen zeigen mir Arbeitspläne vor, die zu zwei Dritteln leer sind. Küchenmaterial und Zuständigkeiten sind nicht ausgefüllt. Ich lasse nacharbeiten. Wieder kommen die Schüler zu mir, es fehlt immer noch ein Drittel des Planes, die Aufgaben sind immer noch nicht auf die Gruppenmitglieder verteilt. Der Plan muss ein weiteres Mal ergänzt werden. Abermals stehen die Schüler vor mir. „Jetzt ist alles richtig!“, verkündet der erste freudig und…in zwei Spalten fehlen Namen. Ich schicke sie ein weiteres Mal an ihre Tische, um den Plan zu vervollständigen.

Bei den ersten macht sich Frust breit. Jetzt kann man argumentieren, dass dieser Frust von den Kindern hausgemacht ist, da sie eine bekannte Aufgabe mehrfach nicht erledigt haben. Aber diesen Punkt sehen junge Schüler nicht. Sie wollen, dass es voran geht und das muss immer schnell gehen.

Dieser Punkt hat uns eine Menge Zeit gekostet, doch nun werden die Zutaten verteilt und die Gruppen machen sich an den Kuchenteig. Nicht jeder Teig sieht so aus wie erwartet. „Herr Alltagsarbeiter, der Teig sieht komisch aus!“, schreit es mir bereits von einer Kochstation entgegen. Ich erblicke ein Stück Butter neben der Teigschüssel. „Warum habt ihr denn die Butter nicht hinzugegeben?“, frage ich daher. Schulterzucken. An einer anderen Station steht der Zucker noch neben dem Teig, der jetzt in eine Kuchenform gegossen werden soll. „Habt ihr bereits Zucker am Teig?“, frage ich die Schüler. „Keine Ahnung.“, kommt es zurück.

Auch hier gilt: Die Kuchenformen sind irgendwann im Ofen, nur den Verkauf müssen wir jetzt aus Zeitgründen auf eine andere Pause verschieben. Wie gestern putzt Milo, der sonst so auffällig ist, die Küche wie ein Weltmeister. Doch über den Kuchen hinaus hatte ich für heute auch noch ein warmes Gericht geplant, Spaghetti Bolognese. Das ist zwar für den Einstig ins Kochen recht aufwendig, gleichzeitig aber hauptsächlich Schnippel- sprich Fleißarbeit. Und außerdem beliebt. Bevor ich die Schüler Gemüse schneiden lasse, üben wir noch einmal den Arbeitsplan an einem Beispiel, es funktioniert, die Gruppen sollen den Plan wie gestern selbstständig fertig stellen, es geht schief. Es zeichnet sich ab, dass aus der Bolognese heute nichts mehr wird. Aber das Gemüse kann ja zumindest für den kommenden Tag vorbereitet werden. Wir besprechen das Schneiden einer Möhre, die Ordnung am Arbeitsplatz, anschließend schicke ich die Schüler los, um Schneidebretter und Küchenmesser zu holen.

Sie holen Töpfe aus den Schränken. Warum? „Aber wir sollen doch jetzt Nudeln kochen!“ , sind sie überzeugt. Nein, sie sollen Gemüse schneiden. Als scheinbar alle endlich mit Brettern, Messern und Schürzen versammelt sind, fällt den ersten auf, dass sie die Schürzen vergessen haben. Erneutes Laufen. Dazwischen spricht mich Francois an: „Aber ich muss doch jetzt die Nudeln kochen!“ Armer Francois! In diesem Moment habe ich den bösen Gedanken, dass die Spaghetti seine einzige Mahlzeit heute gewesen wären. Sichtlich beleidigt setzt er sich mit verschränkten Armen an einen Tisch und macht einfach gar nichts. Während meine Kollegin und ich Hilfestellung leisten, damit das Gemüse auch möglichst fein geschnitten wird, taut er wieder auf und hüpft um uns herum: „Aber wir kochen doch noch Nudeln!“, ist er überzeugt.

Projektwoche – Der erste Tag

Als Hauswirtschaftslehrer war mein Thema der diesjährigen Projektwoche schnell gefunden: Meine Klasse geht in die Küche! So versammeln sich an einem Montagmorgen knapp über 20 Schüler in der Schulküche, sogar Jana, die nur selten zur Schule kommt, steht pünktlich vor der Küchentür. Wir hätten noch ein, zwei Leute mehr sein können, doch Sergej fehlt an diesem Morgen. Auch ihn sehe ich immer seltener im Unterricht.

Einige Kinder haben bereits Vorerfahrungen, sei es weil sie zu Hause mit Geschwistern oder Eltern backen oder weil sie mit für den Abwasch zuständig sind. Für andere ist die Welt der Herdplatten Neuland – sei’s drum, heute wird geschnippelt, jeder muss ran. Drei Beobachtungen bleiben am Ende des Tages:

Es wird langsam Frühling. Das bedeutet Schaulaufen für frühpubertierende Mädchen. Konkreter: Mit steigenden Temperaturen werden Sarinas Oberteile kürzer, Aufmerksamkeit ist ihr damit sicher. Wohin sie geht, tanzt und springt, die Blicke der Jungen folgen ihr zuverlässig. Ich bin überzeugt, dass Sarina dass weiß.

Küchenschürzen besitzen für manche Schüler eine magische Anziehungskraft. Besonders ein paar Jungen finden sie so toll, dass sie sich am nächsten Tag eine eigene von Zuhause mitbringen werden. Die Schürze hängen sie sich dann aber nicht um den Hals, sondern binden sie nur auf Gürtelhöhe fest. Chefkoch-Chic.

Auch flippige Schüler wie Ture, der gerne mal das ganze Schulgebäude beturnt und dessen „Pausenspiele“ nur daraus zu bestehen scheinen, dass er Mitschülerinnen und Mitschüler berammelt, sind ganz vom Obstschneiden eingenommen. Selbiges gilt für Milo, der aus jeglichem Unterricht eine Blödelsituation macht, durch die er alle anderen Schüler zu dominieren versucht. Beide erledigen konzentriert ihre Aufgabe und ständig verschwindet ein Stück Obst in ihrem Mund. Dadurch wird der spätere Obstsalat zwar immer kleiner, aber das Obst wird garantiert gegessen. Schneidet mehr Obst!

Oder um es mit Tures Worten zu sagen: „Ich wusste gar nicht, dass Kochen so viel Spaß machen kann!“

Auch Sarinas Begeisterung erreicht mich lautstark: „Ich hab‘ noch nie was in der Küche gemacht! Sind Sie stolz auf mich, Herr Alltagsarbeiter?!“

Später werden Manuel und Milo die Schulküche wienern, als lieferten sie sich einen Wettbewerb darum, wessen Waschbecken am besten spiegelt.

Peinlich!

Nachdem Sarinas Klassenarbeiten in der Vergangenheit häufig schwach ausfielen, hellt sich ihre Miene bei der Rückgabe der Religionsarbeit sichtbar auf. Sie hat eine gute Drei geschrieben und die Erklärung dafür ruft sie voller Staunen über die Note in den Raum:

„Ich hab‘ zum allerersten Mal gelernt! Ich hab‘ mir am Wochende gesagt: ‚Sarina, du musst dich jetzt hinsetzten und lernen!'“

Eine Woche später findet der Elternsprechtag an unserer Schule statt, Sarinas Mutter ist zusammen mit ihrer Tochter und deren Großmutter erschienen. Ein echtes Familiengespräch. Und zumindest für meinen Unterricht kann ich berichten, dass die Dinge eigentlich ganz gut laufen. Klar, Sarina ist im sechsten Jahrgang inzwischen ein frühpubertäres Mädchen, dass sich ganz bestimmt darüber bewusst ist, dass alle Jungen der Klasse ihr bereitwillig hinterher laufen. Aber während der letzten Stunden erlebte ich  eine weitgehend unproblematische Schülerin, das war in der Vergangenheit nicht immer so.

Sarinas Mutter strahlt, mit solchen Nachrichten hatte sie nicht gerechnet. „Hab‘ ich dir doch gesagt, dass Herr Alltagsarbeiter das schon zu mir gesagt hat!“, setzt Sarina in ihre Richtung nach. Auch die Großmutter bricht in Freude über ihre Enkelin aus, will sie in den Arm nehmen und küssen. Schnell schiebt Sarina sie weg und verzieht das Gesicht:

„Oma! Nicht hier!“

Süße Jugendzeit

Mit dem kommenden Herbst sinken die Temperaturen rapide, die ersten Schüler kommen in den frostigen Morgenstunden in dicken Jacken zur Schule. Es gilt die einfache Faustregel „Je kälter die Temperaturen, desto wärmer die Kleidung“. Doch im Alter von frischgebackenen Sechstklässlern (und insbesondere Sechstklässlerinnen) gelten andere Grundsätze.

Niklas, ein bisher so besonnener wie auch gleichzeitig witziger Schüler, pubertiert. Stark. Gegen die Mädchen der Klasse hat mein Deutschunterricht momentan keine Chance. Insbesondere nicht gegen Vivien. Sie wird ganz sicher mal ein niedliches Mädchen werden, das hat auch Niklas erkannt und Vivien erkennt wiederum langsam Niklas‘ Interesse. Es gilt also – ganz temperaturunabhängig – ein neues Gesetz innerhalb und außerhalb des Klassenraums:

„Je kürzer Viviens Kleidung, desto höher Niklas‘ Aufmerksamkeit.“