Schuljahresendspurt II

Die Mitschüler sind störende Behinderte, die Abwesenheit beim Elternabend ein Zeichen des Protests und schlechte Noten für Unterrichtsverweigerung kann nun wirklich niemand vorhersehen. Vor den Zeugnissen liegen manche Nerven blank.

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Schuljahresendspurt I

Die Zeit bis zum Schuljahresende scheint inzwischen dahinzurasen, die letzten Arbeiten sind geschrieben und benotet, die Zensuren ins Notenprogramm eingegeben, die Versetzungskonferenzen stehen vor der Tür.

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Zeugnisausgabe

„Herr…!“, setzt die Schulsekretärin an, „Herr…!“ Keine Chance, der angesprochene Mann verlässt wutschnaubend das Sekretariat, grunzt etwas vor sich hin, verliert aber ansonsten kein verständliches Wort. Dieser Vater redet nicht mit Frauen über geschäftliche Dinge und damit auch nicht mit unserer Sekretärin. Konsequenterweise auch nicht mit weiblichen Lehrkräften, was die Kommunikation zwischen ihm und uns erschwert. Dabei hat er durchaus Redebedarf, denn er spricht nicht nur nicht mit Frauen, sondern er aktzeptiert auch keine Fünfen auf dem Zeugnis seines Sohnes.

In diese Situation gerate ich zusammen mit einer Kollegin hinein, eigentlich wollen wir nur an einen Aktenordner, es geht skurril zu: Der Vater hat nicht nur einen Sohn an unserer Schule, sondern auch eine Tochter. Diese stürzt jetzt in Begleitung einer Freundin auf die Kollegin zu, um im Auftrag ihres Vaters über die Zeugnisfünfen des jüngeren Bruders zu sprechen. Den meine Kollegin aber gar nicht unterrichtet. Man ahnt es, das führt zu nichts, der Vater ist weiterhin unzufrieden, knallt das Zeugnis des Sohnes auf den Tresen des Sekretariates und verschwindet. Wenn er das Zeugnis nicht annimmt ist vielleicht auch nicht gültig? Ist es natürlich doch. Es ist Zeugnisausgabetag.

In der Schule herrscht ein reges Treiben, es gibt so viele Fragen an Lehrer und Verwaltung. Eine Mutter hat für heute vorgesorgt, denn der Kollege neben mir hält bereits das erste Schriftstück in die Hand. Und auch hier: Man könne das Zeugnis so nicht akzeptieren, ein neues müsse her. Die Sport-AG des Sohnes fehle. Leider ist er dort nie erschienen, aber das ficht die Mutter nicht an. Der Kollege möge doch mal erklären, in welchem hinabgeregneten See ihr Sohn sein Sportzeug sonst versenkt habe. Jedenfalls käme er immer verschwitzt nach Hause, da sei der Fall doch bitteschön eindeutig. Dass der Kollege keine Entschuldigungen für Fehltage annimmt, die Monate zurück liegen, findet sie kleinlich. Schon klar, die Schulordnung hat da unmissverständliche Vorstellungen zu den Fristen und die hat sie auch am Schuljahresanfang unterschrieben. Aber dass er jetzt mit solchen Regeln ankäme… Die Fehltage sollen auch weg. Und wo er schon dabei sei, könne er noch mit ihr über die Klasse sprechen, sie habe da ein paar gute Tipps, die er vielleicht umsetzen sollte.

Zwischen dem wütenden Vater, der nicht mit Frauen spricht und dem schnoddrigen Schreiben einer enttäuschten Mutter treffe ich noch auf eine Mutter eines Schülers meiner Klasse. Sie ist auch nicht zufrieden. Auf dem Zeugnis sind nämlich Fehltage ausgewiesen. „Wie kann das sein? Ich bringe Milan-Luca jeden morgen mit dem Auto zur Schule, ich kann beweisen, dass er jeden Tag da war.“ Ich weise sie auf einen Zeitraum am Ende des letzten Jahres hin. „Ja, aber er hatte eine Entschuldigung!“ Aus diesem Grund stehen die Fehltage auch in der Spalte der entschuldigten Fehltage. Ein Punkt geklärt, einer bleibt. Die Fünfen. „Wie kann das sein?“ Die Frage ist rein rhetorisch, schließlich hat sie die Antwort bereits mitgebracht: „Er hat Angst vor dem Lehrer.“ Schnell möchte sie noch wissen, wie er sich denn in der letzten Zeit bei mir so mache, meine Antwort fällt allerdings nicht wie erhofft aus. Ihre Diagnose ist klar, Milan-Luca habe Angst vor mir. Ich glaube nicht, dass der Junge Angst vor irgendwem hat.

Dahinterhat sich bereits Janas Mutter eingereiht. Sie möchte das Zeugnis für ihre Tochter abholen, die heute fehlt. Gestern fehlte sie ebenfalls, den Tag davor auch. Jana fehlt regelmäßig.

Als ich gerade das Gebäude verlassen will, kommt mir Melina entgegen. Ich hatte sie im vergangenen Schuljahr in Deutsch unterrichtet, sie starte hochmotiviert und stark, fehlte aber ab Jahresmitte immer häufiger. Im neuen Schuljahr sieht das wieder deutlich besser aus und heute strahlt Melina mich an: „Herr Alltagsarbeiter, ich habe eine Zwei plus in Deutsch! Die Deutscharbeiterin hat gesagt, wenn ich so weiter mache, kann ich sogar eine Eins schaffen!“