Selbstbegeisterung

„Herr Alltagsarbeiter, warum sind die Reichen so reich?“ Sarinas Frage platzt unvermutet aus ihr heraus. Liebe Sarina, erinnere dich doch mal hieran, du hast es dir nämlich schon selbst erklärt:

https://alltagsarbeiter.wordpress.com/2016/01/02/alles-nur-geerbt

Sie vertrat im Geschichtsunterricht die Meinung, dass die Reichen ihren Reichtum erben würde (und auch diese platzte einfach aus ihr heraus). Das ist eine These, die auch von Thomas Piketty vertreten wird. Sarina erinnert sich, ein Grinsen macht sich in ihrem Gesicht breit:

„Wow, ich bin voll schlau!“

Hüter der Toiletten

Schülertoiletten können bestialisch riechen. Die Schüler der Abschlussklassen vermeiden sie deswegen wenn möglich, beim Rest sind sie sehr beliebt. Hier komme ich ins Spiel.

Ich führe die Pausenaufsicht im Gebäude und bewache unsere Toiletten. Zum Beispiel passe ich darauf auf, dass sich in den Jungentoiletten nicht verdächtig viele Schüler auf einmal tummeln. In so einer Einzelkabine kann man hervorragend die Pause lang auf seinem Handy spielen. Oder eine Zigarette rauchen. Oder man trifft sich mit seinen Freunden sowie deren Handys und veranstaltet ein Gruppenzocken. Diese Versammlungen löse ich dann auf. In der Mädchentoilette funktioniert das genauso, nur eben mit Mädchen. Dafür ist dann aber eine Kollegin zuständig. In die Mädchentoilette hat es auch schon eine Picknickdecke geschafft, die im Vorraum ausgebreitet wurde. Wozu? Zum Picknick, das Essen war schon angerichtet. Die dazugehörigen Schülerinnen mussten allerdings die Räumlichkeiten allerdings schnell verlassen, samt Decke unterm Arm.

Um die besagte Toilettentür geht es während meiner Aufsicht natürlich auch. Ich stehe im Gang und ermahne die hereinströmenden Jungen regelmäßig, beim Hineingehen doch aus Rücksicht auf die Schulumwelt die Tür zu schließen. Wenn sie wieder herauskommen, wiederholt sich das Spiel. Worauf Lehrer wert legen, spricht sich schnell bei den Schülern herum, jedenfalls steuert einen Tag später ein kleiner Schüler auf das Jungen-WC zu, nimmt die Klinke in die Hand und geht hinein. Bevor er die Tür schließt, schaut er mich an: „Ich habe dazu gelernt, Herr Alltagsarbeiter!“

Zeichen der (Un-)Ruhe

Timur dreht sich ständig zu anderen um, steht auf, bringt etwas zum Papierkorb, baut seinen Füller auseinander und wieder zusammen, erzeugt dabei einen Tintensee, steht wieder auf um Papier zu holen, steckt unterwegs seine Nase in jedes Heft, gerne auch in meinen Lehrerplaner. Die Heftbesitzer sind schon ganz genervt um pflaumen ihn an, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern. Timur versteht dann die Welt nicht, er habe doch gar nichts getan, wird sofort ausfallend, versucht etwas in hohem Bogen in den Papierkorb zu werfen, wirft daneben, versteht jetzt nicht, warum ich ihn für den Rest der Stunde in einer Nachbarklasse unterbringe. Die anderen hätten ihn doch schließlich beleidigt.

Auch wegen Schülern wie Timur bin ich ein großer Fan des Faches Sport. er ist so hibbelig, so offen für jeden Reiz, auf den er reagieren muss, dass häufig für izhn nicht an eine geordnete Teilnahme am Unterricht zu denken ist. Alles muss schnell gehen. Denn schnell ist für ihn gleichbedeutend mit gut. Das hat allerdings schon in der Grundschule nicht funktioniert und auch nicht im letzten Schuljahr bei uns, aber bisher kann er das nicht erkennen. Ich möchte den Sechstklässler gerne drei Wochen am Stück auf den Sportplatz jagen, damit er sich richtig austoben kann, seine nicht enden wollenden Kräfte endlich einmal Raum bekommen. Danach würde ich dann sehen, ob mit ihm vielleicht an Deutschunterricht zu denken ist oder ob er sich noch weiter auspowern muss.

Jede Stunde versuche ich aufs Neue, Timur zu dämpfen, ihm zuzureden, dass er sich Zeit nehmen soll. Dann sei er vielleicht nicht mehr der mit Abstand Schnellste, müsse aber anschließend nicht alles verbessern, sondern habe von vornherein gute Ergebnisse. Für die Dauer einer Minute mag er das dann auch einsehen, doch sobald ich mich einem anderen Schüler zuwende, verfällt Timur in sein altes Muster. Er rast nur so über die Arbeitsblätter, seine Augen werden wie im Rausch immer runder und größer angesichts seiner zunehmenden Schreibgeschwindigkeit, während er die Schreiblinien mit falschen Ergebnissen füllt, die Tinte verschmiert und nebenbei die Stiftfarbe wechselt: „Alles fertig!“ Die Aufgabenstellungen hat er häufig noch nicht einmal gelesen.

Timur verbringt also Zeit in der Nachbarklasse, es ist die Klasse seiner Mathematiklehrerin. Als ich ihn am Stundenende wieder abhole, damit er seine Sachen für den Heimweg packen kann, strahlt er. Das sei so ruhig da und die Matheleherin sei so entspannt gewesen. Nicht so wie unserer Klasse, wo die Kollegen immer sehr streng sein müssen, ebenso die Mathelehrerin, und dabei auch laut werden. Die 6.3 ist für ihr antisoziales Verhalten berüchtigt. Aber in der anderen Klasse, da hatten die sogar Zeit, sich noch ein bisschen persönlich zu unterhalten!

Der Junge ist angesichts der Erfahrung, dass Unterricht funktionieren kann und dass Lehrer und Schüler ein entspanntes Verhältnis zueinander haben können, vollkommen aus dem Häuschen. Strahlend hibbelt er zurück in unseren Klassenraum, geht nicht zu seinem Platz, muss erst in ein fremdes Heft gucken, einen Spruch gegen einen Mitschüler loslassen, mit einem zerknüllten Papier eine neue Zielübung in Richtung des Papierkorbs machen. Er freut sich lautstark, dass er diesmal getroffen hat.

Timur merkt erst beim dritten Mal, dass ich mit ihm spreche. Danach braucht er noch zwei weitere Anläufe von mir, um zu verstehen, was ich zu ihm sage. Zwischen meinen Worten gab es schließlich so viel anderes zu erleben! Als bei der nun fünften Ansprache mein Tonfall deutlich schärfer wird, verzieht er das Gesicht. Er versteht nicht, warum ich ihn inzwischen ziemlich unfreundlich auffordere, an seinen Platz zu gehen, um seinen Rucksack zu packen: „Ja, mach‘ ich doch!“

Wandertag

„Ich habe nichts zu essen und zu trinken mit!“, ruft mir Jennifer zur Begrüßung entgegen. Als hätte es unsere Vorbesprechung nicht gegeben. In unserem Fall bedeutet der Wandertag auch Wandertag und das bedeutet wiederum angemessene Kleidung angesichts der angekündigten Regenfälle am Vormittag, festes Schuhwerk, ausreichend Proviant.

Wirklich überrascht bin ich über Jennifers Begrüßung nicht, bereits die Vorbereitung des Wandertags hakte: Ursprünglich sollte es mit dem Zug ins nächste Bergland gehen, doch eine Handvoll Schüler hatten trotz schriftlicher Elterninformation und Zahlungsfrist auch einen Tag vorher kein Geld für das Zugticket dabei. Kurze Besprechung mit meiner Koklassenlehrerin, dann die Umplanung. Nun wandern wir also in das Umland unserer Schule, Treffpunkt (die Schule) und Uhrzeit (09.00 Uhr) haben wir beide über den Vortag immer wieder wiederholt.

Am Wandertag selbst steht das Telefon unserer Sekretariatsarbeiterin nicht still. Immer wieder rufen Eltern an, um nach dem Treffpunkt und der Uhrzeit zu fragen. Ihre Kinder konnten es ihnen zuvor nicht sagen. Und irgendwie hat es doch funktioniert. Um 09.00 trifft sich der überwiegende Teil meiner Klasse an der Schule, manche waren aus Unsicherheit bereits um 08.00 Uhr gekommen. Andere fehlen unabgemeldet, darunter sind auch gerade die, die im Vorfeld nicht bezahlt haben, was für den Rest besonders bitter ist. Denn so sieht es aus, als hätte die Zugfahrt eigentlich doch stattfinden können.

Wie gesagt, wir haben uns gesammelt: Einige in Regenjacke und Regenschirm, einige nur im T-Shirt bzw. (bauchfreien) Top und kurzer Hose, während der erste Platzregen über uns niedergeht. Einige eben ohne Essen und Michelle in Ballerinas. Während der 12 Kilomter langen Wanderung lösen sie sich in Einzelteile auf, ein Stück Schuh reißt, eine Sohle geht verloren, das Mädchen humpelt bald hinter der restlichen Gruppe her. Kurz vor dem Ziel bekennt sie:

„Herr Alltagsarbeiter, heute habe ich eine Sache gelernt: Ich gehe nie wieder in Ballerinas Wandern!“

Natürliche Haltung

„…und in der Küche garte schon das Bio-Huhn, das dann zum großen Familienessen…“, lese ich aus einer Geschichte vor. „Was ist ein Bio-Huhn?“, ruft der erste dazwischen. Fünftklässler leiben Fünftklässler und das bedeutet, dass Gesprächsregeln mitunter ein schweres Geschäft sind. Wenn etwas drängt, bleibt für’s Melden häufig schlicht keine Zeit. Nun ist das Thema auf dem Tablett und soll auch geklärt werden.

Felix kann weiterhelfen (meldet sich dafür) und erklärt: „Also, das Huhn hat eben nicht nur in einem Stall ohne Sonnenlicht gelebt, sondern auch draußen. Also auf der Wiese aber auch mal im Dreck und im Schlamm.“

„Iiehhh!“ Sergej verzieht das Gesicht (ohne sich zu melden). „Und das essen die dann?!“

Ich bin erstaunt – half Sergej nicht angeblich regelmäßig seinem Großvater im Garten? Und steuere etwas nach: „Mit dem Begriff ‚Bio-Huhn‘ ist im besten Fall gemeint, dass das Huhn mit so viel Natur wie möglich gehalten wurde und damit so, wie es für ein Huhn eben am besten ist.“

„Ach so!“ Das findet Sergej gut.