Selbstverletzung

Die Mitschüler in Sorge, ein Ansprechpartner nur schwer aufzutreiben: Die Narben sind zuerst  fein, später deutlich sichtbar. Das Kind weiß kaum, ob es gerade noch von dieser Welt ist.

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Krieg – Fortsetzung einer unendlichen Geschichte

Nicht nur auf dem Papier tobt Milos Krieg. Auch in seinem Kopf muss Krieg herrschen, das ist zumindest mein Urteil nach allem, was ich bisher mit ihm erlebt habe. Der Kunstkollege meiner Klasse ergänzt die Erlebnisse an diesem Tag um einen weiteren Punkt. Die Schüler haben in der vergangenen Woche zum Thema Winter gebastelt, Milo durfte mit zwei Mitschülern eine Winterlandschaft bauen.

Diese entstand dann auch, aber als sein Freund Niklas von Milos Plan abwich, wurde dieser wütend. Niklas hat eigentlich nichts Wildes gemacht: Die Winterlandschaft war bereits fertig und sollte auf einer mit Watte ausgestatteten Fensterbank positioniert werden. Da noch Watte übrig war, nahm Niklas sie und klebte sie in kleinen Flocken über die Landschaft ans Fenster. Auf diese Weise gab es noch Schnee dazu. Darüber wurde Milo wütend:

„Das darfst du nicht! Das ist verboten!“ Niklas sah das Problem nicht und verboten waren die Schneeflocken auch nicht, doch Milo nahm die fertige Bastelei und schmiss sie in den nächstgelegen Mülleimer. Zu heute hat Milo eine neue Winterlandschaft hergestellt, die alte sei nicht so gut gewesen, verkündet er. Niklas ist aus der Gruppe ausgestiegen, wie er mir später mitteilt.

Pausengong, große Pause, nächster Gong. Ich betrete den Klassenraum, mein Unterricht beginnt. Zu Beginn sprechen wir aber noch kurz über unsere Pläne für die gemeinsame Weihnachtsfeier, dabei geht es auch um die Dekoration.

Um die Winterlandschaft zu verschönern, hat Milo Spielzeugpanzer und andere Militärfahrzeuge mitgebracht, die er jetzt aus seiner Schultasche nimmt und ungefragt zu der Landschaft auf der Fensterbank bringt. Allerdings darf er in meinem Klassenraum keine Militärfahrzeuge aufstellen. der Junge nimmt die Panzer weg und lässt die Militärlastwagen und -Geländewagen auf der Fensterbank stehen. Milo will diskutieren:

„Aber da sind keine Panzer mehr! Das ist einfach nur ein Laster und das ist ein Jeep!“

Was weder etwas am Tarnanstrich ändert noch an dem Punkt, dass ich nicht darüber diskutiere. Er muss auch diese abräumen und in seinem Rucksack verstauen. Als Milo von der Fensterbank zurück zu seinem Tisch geht, dreht er sich kurz um und stellt blitzschnell einen Lastwagen zurück in die Winterlandschaft. Vergeblich, auch er darf nicht bleiben.

Milo knurrt mich an.

Während des Unterrichts ist wie so häufig bei ihm nicht an Mitarbeit zu denken. Er setzt kurz zum Singen an, wird aber sofort von mir gestoppt, anschließend schmeißt er Stifte aus seiner Federmappe auf den Boden. Einen nach dem anderen. Auch das unterbinde ich. Die letzten Minuten sitzt er da, schaut mich mit offenem Mund an und schlägt sich dabei mit beiden Händen ins Gesicht.