Soldat sein

Während Anna das Ende des Zweiten Weltkrieges feiert, spielt Milo selbigen – wie so oft. Im Religionsunterricht lege ich der Klasse ein Bild eines Kindersoldaten vor. Die Schüler beschreiben ihn und seine Ausrüstung kurz und kommen zur Deutung. Ihre Vermutungen liegen nah an der Realität:

„Er sieht traurig aus.“

„Vielleicht sieht er so traurig aus, weil seine Eltern tot sind. Oder weit weg.“

„Vielleicht hat man ihn von seinen Eltern entführt.“

„Der muss ja andere töten. Das können ja auch Kinder sein.“

„Vielleicht wird der geschlagen. Vielleicht haben die, die ihn schlagen, das auch mit seinen Eltern gemacht.“

„Oder man gibt ihm Drogen, damit er andere tötet.“

„Bestimmt will er das eigentlich gar nicht.“

„Oder die drohen ihm, dass sie seine Eltern töten, wenn er nicht für sie kämpft.“

Meine Klasse erfasst die Zwangslage von Kindersoldaten verschiedenen Seiten und das innerhalb von wenigen Wortbeiträgen. Sobald sich die Schüler auf einen Unterrichtsgegenstand eingelassen haben fällt mir außerdem auf, dass sich die sprachliche Qualität ihrer teilweise reichlich schräg formulierten Meldungen verbessert. Sie sind fokussiert. Auch Milo ist fokussiert, aber auf etwas anderes als seine Mitschüler. Er meldet sich und kommt dran:

„Das ist ein Kindersoldat. In der Hand hält er ein Gewehr, das ist eine Kalaschnikow. Auf die Kalashnikow ist ein Messer montiert, das nennt man Bajonett. Er trägt eine sandfarbene Uniform mit dem Abzeichen der Befreiungsarmee von Ruanda. Auf dem Kopf trägt er ein grünes Barett. Aus dem Dschungel hinter ihm lugen zwei weitere Kalaschnikows hervor und wenn man ganz genau hinschaut sieht man weiter hinten einen Mörser, der aus dem Busch hervorlugt.“

So doziert er uns über die soldatische Ausstattung des abgebildeten Jungen. Ich bin von zwei Dingen „fasziniert“: Milo selbst begegnet dem Bild des Kindersoldaten vollkommen empathielos. Sein Vortrag ist von kühler Präzision und Systematik gekennzeichnet – vom Zentrum zur näheren Umgebung und weiter zur ferneren Umgebung –  was mich innerlich in Kombination mit seiner Empathielosigkeit schaudern lässt.

Während sich die restlichen Kinder weiterhin Gedanken über die bitteren Lebensumstände eines afrikanischen Kindersoldaten in ihrem Alter machen, meldet sich Milo erneut. Er will uns noch etwas zum Gewehr erklären. Ich lasse ihn nicht. Milos Kopf läuft hochrot an. Damit versinkt er in sein altbekanntes Unterrichtsverhalten, was bedeutet, dass er sich vom Unterricht abschottet.

Er beginnt in seinem Block zu blättern, bis er ein freies Blatt findet. Er trennt es aus dem Block und fährt damit fort, darauf die Kalaschnikow des Kindersoldaten zu zeichnen und sie in passenden Farben auszumalen. Auf ein weiteres Blatt zeichnet er Kriegsziele: Einen Panzer, eine Barriere, ein Gebäude. Er schneidet das Gewehr und die Ziele aus, stellt sie auf seinem Tisch auf und zielt mit dem Papiergewehr darauf. Den eigentlichen Arbeitsauftrag ignoriert er wie gewohnt. Da ich in meinem Unterricht keine Kriegsspiele erlaube, fordere ich ihn auf, das ausgeschnittene Papier in seinen Rucksack zu stecken. Er stellt die Sachen auf dem Tisch zur Seite. Ich wiederhole meine Aufforderung. Nun legt er sie unter das Religionsbuch. Ich wiederhole meine Aufforderung erneut. Die Dinge landen neben seinem Rucksack. Erst nach der vierten Ansage steckt er das Papier in seine Schultasche, ein von Milo regelmäßig betriebenes Spiel.

Er hat die Aufmerksamkeit, die ich ihm zuvor verweigert habe, zurück.

Projektwoche – Der zweite Tag

Da sitzen sie also in der Schulküche, die Schüler meiner Klasse. Wie bereits erwähnt, haben einige Kochschürzen von zu  Hause mitgebracht, die sie vor Unterrichtsbeginn bereits angezogen haben. Darüber hinaus ist der Vorteil einer solchen Schürze, dass Sarina etwas mehr Stoff am Körper hat. Auch heute sonnt sie sich ansonsten in der Aufmerksamkeit der Jungenblicke, wenn sie ihre frühpubertäre bauchfreie Niedlichkeit zur Schau trägt. Außerdem stelle ich fest, dass alle pünktlich sind – so wie gestern. Das wäre was Feines für reguläre Unterrichtstage! Nur Sergej fehlt erneut.

In der ersten Hälfte des Tages soll Gebäck entstehen, das dann in der Pause an die anderen Klassen verkauft werden soll, um die Klassenkasse aufzufüllen. Da ich in vergangenen Kochkursen die Erfahrung gemacht habe, dass die Kochgruppen sich schnell streiten, weil jeder meint, er habe schon genug getan, arbeite ich in der Projektwoche mit Arbeitsplänen. In so einen Plan tragen die Schüler ein, welche Zutaten sie für jeden Rezeptteil brauchen, welches Küchenzubehör nötig ist und wer für jeden Arbeitsschritt zuständig ist. Auf diesem Weg entsteht eine klare Aufgabenverteilung. Gestern war das sehr erfolgreich. Und heute? Alles vergessen! Die Gruppen zeigen mir Arbeitspläne vor, die zu zwei Dritteln leer sind. Küchenmaterial und Zuständigkeiten sind nicht ausgefüllt. Ich lasse nacharbeiten. Wieder kommen die Schüler zu mir, es fehlt immer noch ein Drittel des Planes, die Aufgaben sind immer noch nicht auf die Gruppenmitglieder verteilt. Der Plan muss ein weiteres Mal ergänzt werden. Abermals stehen die Schüler vor mir. „Jetzt ist alles richtig!“, verkündet der erste freudig und…in zwei Spalten fehlen Namen. Ich schicke sie ein weiteres Mal an ihre Tische, um den Plan zu vervollständigen.

Bei den ersten macht sich Frust breit. Jetzt kann man argumentieren, dass dieser Frust von den Kindern hausgemacht ist, da sie eine bekannte Aufgabe mehrfach nicht erledigt haben. Aber diesen Punkt sehen junge Schüler nicht. Sie wollen, dass es voran geht und das muss immer schnell gehen.

Dieser Punkt hat uns eine Menge Zeit gekostet, doch nun werden die Zutaten verteilt und die Gruppen machen sich an den Kuchenteig. Nicht jeder Teig sieht so aus wie erwartet. „Herr Alltagsarbeiter, der Teig sieht komisch aus!“, schreit es mir bereits von einer Kochstation entgegen. Ich erblicke ein Stück Butter neben der Teigschüssel. „Warum habt ihr denn die Butter nicht hinzugegeben?“, frage ich daher. Schulterzucken. An einer anderen Station steht der Zucker noch neben dem Teig, der jetzt in eine Kuchenform gegossen werden soll. „Habt ihr bereits Zucker am Teig?“, frage ich die Schüler. „Keine Ahnung.“, kommt es zurück.

Auch hier gilt: Die Kuchenformen sind irgendwann im Ofen, nur den Verkauf müssen wir jetzt aus Zeitgründen auf eine andere Pause verschieben. Wie gestern putzt Milo, der sonst so auffällig ist, die Küche wie ein Weltmeister. Doch über den Kuchen hinaus hatte ich für heute auch noch ein warmes Gericht geplant, Spaghetti Bolognese. Das ist zwar für den Einstig ins Kochen recht aufwendig, gleichzeitig aber hauptsächlich Schnippel- sprich Fleißarbeit. Und außerdem beliebt. Bevor ich die Schüler Gemüse schneiden lasse, üben wir noch einmal den Arbeitsplan an einem Beispiel, es funktioniert, die Gruppen sollen den Plan wie gestern selbstständig fertig stellen, es geht schief. Es zeichnet sich ab, dass aus der Bolognese heute nichts mehr wird. Aber das Gemüse kann ja zumindest für den kommenden Tag vorbereitet werden. Wir besprechen das Schneiden einer Möhre, die Ordnung am Arbeitsplatz, anschließend schicke ich die Schüler los, um Schneidebretter und Küchenmesser zu holen.

Sie holen Töpfe aus den Schränken. Warum? „Aber wir sollen doch jetzt Nudeln kochen!“ , sind sie überzeugt. Nein, sie sollen Gemüse schneiden. Als scheinbar alle endlich mit Brettern, Messern und Schürzen versammelt sind, fällt den ersten auf, dass sie die Schürzen vergessen haben. Erneutes Laufen. Dazwischen spricht mich Francois an: „Aber ich muss doch jetzt die Nudeln kochen!“ Armer Francois! In diesem Moment habe ich den bösen Gedanken, dass die Spaghetti seine einzige Mahlzeit heute gewesen wären. Sichtlich beleidigt setzt er sich mit verschränkten Armen an einen Tisch und macht einfach gar nichts. Während meine Kollegin und ich Hilfestellung leisten, damit das Gemüse auch möglichst fein geschnitten wird, taut er wieder auf und hüpft um uns herum: „Aber wir kochen doch noch Nudeln!“, ist er überzeugt.

Krieg – Fortsetzung einer unendlichen Geschichte

Nicht nur auf dem Papier tobt Milos Krieg. Auch in seinem Kopf muss Krieg herrschen, das ist zumindest mein Urteil nach allem, was ich bisher mit ihm erlebt habe. Der Kunstkollege meiner Klasse ergänzt die Erlebnisse an diesem Tag um einen weiteren Punkt. Die Schüler haben in der vergangenen Woche zum Thema Winter gebastelt, Milo durfte mit zwei Mitschülern eine Winterlandschaft bauen.

Diese entstand dann auch, aber als sein Freund Niklas von Milos Plan abwich, wurde dieser wütend. Niklas hat eigentlich nichts Wildes gemacht: Die Winterlandschaft war bereits fertig und sollte auf einer mit Watte ausgestatteten Fensterbank positioniert werden. Da noch Watte übrig war, nahm Niklas sie und klebte sie in kleinen Flocken über die Landschaft ans Fenster. Auf diese Weise gab es noch Schnee dazu. Darüber wurde Milo wütend:

„Das darfst du nicht! Das ist verboten!“ Niklas sah das Problem nicht und verboten waren die Schneeflocken auch nicht, doch Milo nahm die fertige Bastelei und schmiss sie in den nächstgelegen Mülleimer. Zu heute hat Milo eine neue Winterlandschaft hergestellt, die alte sei nicht so gut gewesen, verkündet er. Niklas ist aus der Gruppe ausgestiegen, wie er mir später mitteilt.

Pausengong, große Pause, nächster Gong. Ich betrete den Klassenraum, mein Unterricht beginnt. Zu Beginn sprechen wir aber noch kurz über unsere Pläne für die gemeinsame Weihnachtsfeier, dabei geht es auch um die Dekoration.

Um die Winterlandschaft zu verschönern, hat Milo Spielzeugpanzer und andere Militärfahrzeuge mitgebracht, die er jetzt aus seiner Schultasche nimmt und ungefragt zu der Landschaft auf der Fensterbank bringt. Allerdings darf er in meinem Klassenraum keine Militärfahrzeuge aufstellen. der Junge nimmt die Panzer weg und lässt die Militärlastwagen und -Geländewagen auf der Fensterbank stehen. Milo will diskutieren:

„Aber da sind keine Panzer mehr! Das ist einfach nur ein Laster und das ist ein Jeep!“

Was weder etwas am Tarnanstrich ändert noch an dem Punkt, dass ich nicht darüber diskutiere. Er muss auch diese abräumen und in seinem Rucksack verstauen. Als Milo von der Fensterbank zurück zu seinem Tisch geht, dreht er sich kurz um und stellt blitzschnell einen Lastwagen zurück in die Winterlandschaft. Vergeblich, auch er darf nicht bleiben.

Milo knurrt mich an.

Während des Unterrichts ist wie so häufig bei ihm nicht an Mitarbeit zu denken. Er setzt kurz zum Singen an, wird aber sofort von mir gestoppt, anschließend schmeißt er Stifte aus seiner Federmappe auf den Boden. Einen nach dem anderen. Auch das unterbinde ich. Die letzten Minuten sitzt er da, schaut mich mit offenem Mund an und schlägt sich dabei mit beiden Händen ins Gesicht.

Wohin geht es?

Francois hat wieder zugeschlagen. Es war eine Nichtigkeit. Jungsgruppen, die Fußball spielen. Man kickt sich gegenseitig den Ball weg, mal die einen, mal die anderen. Doch als Francois den Ball vor den Füßen hat und ein andere den vom Feld schießt, passiert es. Francois springt dem Kontrahenten auf den Rücken, schlägt auf ihn ein, springt ihn wieder an. Er lässt gar nicht ab, auch andere bekommen was ab. Eine Kollegin greift ein, muss seinen Schlägen ausweichen, bis sie Francois aus der Situation herauszerren kann.

„Nein, ich komme nicht mit! Du kannst mir gar nichts sagen! Du bist nicht mein Chef! Was willst du machen? Willst du mich hier wegtragen?!“ Francois brüllt sich aus, wenn er schon nicht weiter prügeln kann. Wie auch bei vergangenen Fällen will er sich anschließend nicht äußern.

Oh Francois! Seit einiger Zeit befindet er sich in einem Antiaggressionstraining. So etwas wirkt natürlich nicht von heute auf morgen, auch nicht von heute auf übermorgen. Aber natürlich machen sich alle, die mit ihm zu tun haben, Hoffnung, dass dieser kleine 11jährige Junge, der so viel Potential hat und immer wieder in Gewalt und Verzweiflung versinkt, dadurch stabilisiert wird. Und doch muss ich eingestehen, dass ich in letzter Zeit den Eindruck habe, dass das Gegenteil der Fall ist. Immer häufiger steht er morgens muffelig vor dem Klassenraum. Während des Schuljahrs hat er den Weg zum Klassenraum gerne genutzt, um schnell noch etwas loszuwerden, Dinge, die er erlebt hat und die ihn beschäftigen. Teilweise waren seine Erzählungen schwer verdaulich. Nun ist er wie gesagt muffelig und brummig, seine manchmal verstrubbelten Haare unterstützen diesen Eindruck noch. Nicht mal eine Reaktion auf mein „Guten Morgen!“ ist drin.

Nicht, dass ich nicht vorgewarnt worden bin – zumindest indirekt, aber ich wusste die Zeichen nicht zu deuten. Wenn ein Junge einem erzählt, dass die älteste Schwester ausgezogen sei, dann ist sie auf den ersten Blick ausgezogen. Aber ein Gespräch mit einer Kollegin, die einst Francois‘ älteste Schwester unterrichtete, weitet den Blick: Offenbar war sie der Stabilitätsanker, diejenige, die sich zu Hause um alles kümmerte und das schloss auch die jüngeren Geschwister mit ein. Damit sie wusste, was anstand, bekam sie jeden Tag von ihrer Mutter eine Nachricht, was sie zu tun habe, während diese abwesend war. Wofür auch immer.

In letzter Zeit hat Francois immer wieder gefehlt. Mal einen Tag, dann zwei, manchmal auch mehr. Er behauptet dann, dass er zu Hause habe helfen müssen. Aufräumen und putzen. Eine schriftliche Entschuldigung bekomme ich nie. Ob das stimmt oder nicht, ob das teilweise stimmt oder ob er diese Behauptung heranzieht, weil er keine Lust auf die Schule hatte? Ich weiß es nicht genau, von zu Hause bekomme ich keine Erklärung, die weiterhilft.

Wie gesagt, vor einigen Wochen ist seine Schwester ausgezogen. Und seit einigen Wochen kommt er muffelig zur Schule gebrummelt. Und schlägt zu.

Zu Hause geblieben – Teil 2

Nicht nur bei meiner Deutschkollegin aus der Parallelklasse herrscht nach dem verlängerten Wochenende noch der Kehraus der letzten Woche, auch ich habe noch manchen Klärungsbedarf. Zum Beispiel mit Francois – am Freitag war er erst zu früh zur Schule erschienen und ward anschließend nicht mehr gesehen.

Heute sitzt er zur ersten Stunde vor dem Lehrerzimmer, wie immer, als sei nichts geschehen.“Francois, ich habe dich am Freitag in Deutsch vermisst. Und die Kollegen danach haben dich auch vermisst.“ Francois weiß genau um was es geht, er versucht auch gar nicht, mir irgendeine Erklärung à la „Ich habe das mit dem Entfall nicht verstanden, ich dachte, dass wäre der ganze Tag.“ anzubieten.

„Ich weiß“, antwortet er, „ich hatte so viel Stress zu Hause, ich wusste gar nicht mehr, ob ich dann noch kommen soll oder nicht.“ Morgens noch fröhlich angesichts der Freistunden und 90 Minuten später Stress, der einen an der Schulpflicht zweifeln lässt? So ganz mag ich das nicht glauben. Mal liegen seine Erklrärungen im Bereich des Möglichen, mal wirken sie ausgedacht, um die Verantwortung auf andere abzuschieben. Er versucht da, eine Nebelwand aufzubauen. „Francois, du kannst dir das nicht aussuchen, ob du hierher kommst, das ist  deine Pflicht.“ Sehr belehrend von mir. „Ich weiß“, setzt er wieder an, „ich…“ Sein restliches Gebrummel ist nicht zu verstehen. Ich fühle praktisch die Wut in ihm aufsteigen, weil er sich nicht herausreden kann. Francois‘ Frustrationsgrenze liegt bei null und scheint in letzter Zeit trotz außerschulischer Unterstützung nicht gestiegen zu sein, eher ist das Gegenteil der Fall. Gibt es einen Bruch im Verhältnis zum geschiedenen Vater? Ich meine, was gehört zu haben. Obwohl ich häufig ein Ohr an seinen Lebensumständen zu haben glaube, blicke ich genauso häufig nicht durch.

Fünf Minuten später sind die sonderpädagogische Teamarbeiterin und ich auf dem Weg zum Raum meiner Klasse. Francois folgt uns, er ist bisher noch nicht in den Raum gegangen, wozu ich ihn für die Zukunft auffordere. Fröhlich möchte er uns erzählen, wie er amWochenende so viel auf Achse war, dass sich nun eine Blase gelaufen hat.

War was gewesen?