Ausflugsnotizen

Der diesjährige Klassenausflug lässt sich gut an. Ich habe für uns eine Paddeltour auf einem nahe gelegenen Fluss gebucht und im Vorfeld haben fast alle Schüler bzw. deren Eltern den nötigen Betrag bezahlt. Ein Erfolg, da ich sonst, unterstützt von der besten Schulsekretärin der Welt, einzusammelnden Geldern wochenlang hinterherlaufe.
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Schülersuche, Elternsuche

Der Sachbearbeiter bittet mich am Morgen ins Büro, ich stelle meine Schultasche ab und ziehe Janas Akte heraus. Darin sind einige Schriftstücke und Einschätzungen, die ich dem Sachbearbeiter zum Kopieren gebe. Wenige Minuten später betreten zum vereinbarten Zeitraum Janas Eltern das Büro. Wir befinden uns im städtischen Jugendamt.
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Schülerin gesucht

„Jana hat eine neue Krankheit. Sie hat Schwänzeritis!“

Finja dreht sich kurz dem Schulstart lachend zur Klasse um. Dass das Mädchen fehlt, ist mit wenigen Ausnahmen der Dauerzustand, seit ich die Klasse übernommen habe. Und die Witze der Schüler darüber werden offensiver. Heute ist es die „Schwänzeritis“. Am nächsten Tag bleibt Janas Platz ebenfalls leer, als die Mathearbeiterin den Raum betritt.

„Aber Sie wissen doch Frau Mathearbeiterin, heute ist Mathe!“

Einen Tag später lasse ich die Deutscharbeit schreiben, Jana fehlt und tags darauf folgt die Englischarbeit. Und danach? Steht wieder Mathematik auf dem Stundenplan. Ich habe es schon mehrfach erwähnt, als Schule müssen wir bei so genanntem Schulabsentismus nicht tatenlos zusehen. Schon vor geraumer Zeit habe ich die erste Anzeige geschrieben und an das zuständige Amt geschickt, es sollten viele weitere folgen. Auch ein Gespräch mit dem Jugendamt hat stattgefunden, das Amt war allerdings keine Hilfe. (Einerseits bin ich da regelmäßig wütend über die Untätigkeit des Jugendamtes, auch in anderen Fällen – andererseits beneide ich die Mitarbeiter dort nicht um ihre Fallzahlen, mit denen sie fertigwerden müssen.) Wenn das Ordnungsamt dann ein Bußgeld verhängt, bekommt die Schule eine Durchschrift davon, welche dann zusammen mit einem Rückrufwunsch von Janas Familie in meinem Fach landet. Der Inhalt ist stets gleich. Ich solle doch mal bitte schön die Sache mit dem Bußgeld erklären. Diese „Sache“ ist eindeutig: Das Kind fehlt unentschuldigt, sprich ohne ärztliche Bescheinigung. Schulen sind keineswegs gezwungen, handschriftliche Entschuldigungen von Eltern zu akzeptieren. Janas Eltern wissen das. Meistens kommt aber weder das Eine noch das Andere bei uns an. Danach folgt der zweite Teil des kurzen Telefonats. Ich soll beim Ordnungsamt anrufen und die Anzeige zurückziehen, dann wird das Bußgeld nämlich nicht erhoben. Ich rufe nicht dort an.

Gleichzeitig habe ich in der Vergangenheit versucht, den Ursachen für Janas ständiges Fehlen auf die Spur zu kommen. Um es vorweg zu nehmen, ich war erfolglos. Jedes halbe Jahr folgte eine neue Begründung. Mal waren es Trennungsschmerzen von der alten Grundschulklasse. So etwas lässt sich mit Hilfe von Akten überprüfen. Dann war Jana angeblich regelmäßig krank und je öfter sie angeblich krank war, desto schwerer wurden die behaupteten Krankheiten. Zum Schluss hatte sie mindestens zwei davon gleichzeitig. Zwischendurch war Janas Mutter so weit, zuzugeben, dass ihre Tochter sich schlicht weigere zur Schule zu gehen, ohne einen Grund dafür nennen zu können. Das kann ich nicht ändern, bitte die Frau aber, in so einem Fall morgens bei der Schule anzurufen und Janas Weigerung deutlich zu benennen. Damit ist das Kind zwar immer noch nicht in der Schule, bekommt aber keine häusliche Rückendeckung mehr für sein Verhalten. Die Mutter verspricht, dies in Zukunft so zu handhaben.

Wenige Tage später habe ich eine Anrufmitteilung in meinem Fach, Jana sei krank, weitere werden folgen.

Wer so oft fehlt wie Jana, besteht das Schuljahr nicht und muss wiederholen. Es sei denn, man wiederholt bereits und wird deshalb ins nächste Schuljahr mitgenommen. „Aufrücken“ heißt das im Behördensprech. Analog zum neuen Schuljahr gibt es neue Gründe für die altbekannten Fehlzeiten. Da gebe es einen Kurs, der bereite Jana Magenschmerzen. Warum? Weiß man nicht. Aber wenn sie den Kurs wechseln könne in einen anderen… Danach würde das Kind auch ganz bestimmt wieder regelmäßig zur Schule kommen. Passenderweise hat man da auch schon einen Wunschkurs. Den, in den Janas Freundin Ramona geht. Es gibt keinen Kurswechsel.

Einige Zeit später haben sich Jana und Ramona zerstritten und beschuldigen sich gegenseitig des Mobbings. Und kurz danach gibt es Wirbel im Sekretariat. Zwei uns Unbekannte stehen dort und wollen zur Schulleitung. Die junge Frau entpuppt sich auf Nachfrage als Janas ältere Schwester. Sie uns Untätigkeit vor, obwohl Jana so schwer gemobbt werde von Ramona.Und überhaupt, was das denn hier für eine Schule sei, da würde sie ihr Kind später nicht hingeben. In der nächsten Pause wird Ramona weinend vor mir stehen und behaupten, Janas Schwester habe sie bedroht.

Der junge Mann ist folgerichtig Janas älterer Bruder, er sorgt sich um die Zukunft seiner kleinen Schwester. Sie solle nicht so enden wie er, der gerade eine Verurteilung hinter sich habe. Eine Sache ist ihm aber neu: „Wie, Jana kommt nicht zur Schule?“

Das tut sie bis heute nur in Ausnahmefällen. Zu Beginn schrieb ich, dass wir als Schule dem nicht tatenlos zusehen müssten. Aber zur Schule habe ich Jana bis heute nicht regelmäßig bekommen.

An einem der Tage, an denen Jana ganz unvermutet vor dem Klassenraum steht, unterbreche ich irgendwann den Unterricht zu Gunsten eines Gemeinschaftsspiels. Obwohl dieses Spiel nur dann gelingen kann, wenn alle zusammen arbeiten, kümmert sich niemand um Jana, ihre Mitschüler lassen sie einfach stehen.

E-Mail für mich 2 – Nichts mit Rassismus, die persönliche Begegnung

Maikels Mutter will nicht, dass ihr Sohn an einem Projekt teilnimmt, das sich mit „ausländischer Kultur“ beschäftigt. So hat hat sie es in einer seitenlangen E-Mail an mich dargelegt. Nein, mit Rassismus habe das nichts zu tun, begründen wollte man das Ganze aber auch nicht. Es interessiere Maikel nicht, er wolle das nicht, sie als seine Mutter ebenso nicht und überhaupt. Auch wenn Maikel gegenüber der betreffenden Kollegin etwas anderes geäußert hatte. Eigentlich nahm Maikel an einem ganz anderen Projekt teil, er sollte wandern. Unglücklicherwiese wurde er krank, seine Mutter rief nicht in der Schule an und sich nachträglich um seine Versäumnisse kümmern? Nein, das kam nicht in Frage. Maikel ward die ganze Projektwoche über nicht in der Schule gesehen.

Eine Woche später findet der Klassenausflug statt. Maikel befindet sichzwar  zur angesagten Zeit nicht im angesagten Raum, aber als ich mit einer Kollegin und der Klasse das Schulgebäude verlasse, treffe ich Maikel in Begleitung seiner Mutter. Ich wünsche beiden einen guten Morgen. Die Antwort kommt prompt und grußlos:

„Sagen Sie mal Herr Alltagsarbeiter, ich hab‘ da mal ’ne Frage: Lesen Sie Ihre E-Mails nicht?“

Selbstverständlich tue ich das, weise aber darauf hin, dass ich die Kommunikation per Mail am Anfang des Schuljahres ausgeschlossen habe. Maikels Mutter war beim entsprechenden Elternabend anwesend. Auch damals grüßte sie übrigens nicht.

„Ja, man erreicht Sie ja sonst nicht!“

Ich erkläre, dass ich über unser Sekretariat sehr wohl zu erreichen bin und erkläre weiterhin, dass wir als Schule genau das letzte Woche erwartet von ihr hätten. Dann wären die Lehrer aus Maikels Projekt informiert gewesen und man hätte ihr auf dieser Grundlage alle nötigen Informationen zukommen lassen können. Dazu schweigt die Frau. Nach einem kurzen Moment der Stille setzt sie erneut an:

„Aber das mit der ausländischen Kultur ging ja auch gar nicht!“

Natürlich ging das. Abseits von gesellschaftlichen und politischen Erwägungen gibt es dafür einen einfachen Grund: die Schulpflicht. Über die Verletzung der selbigen schweigt sich Maikels Mutter erneut aus. Ich konfrontiere die Frau damit, dass die betreffende Kollegin von der „ausländischen Kultur“ Maikel darüber hinaus mehrfach gefragt habe, ob das Ersatzprojekt für ihn in Ordnung sei und dass er das ebenso mehrfach bejaht habe. Die Mutter schweigt weiterhin.

Für den heutigen Tag sind grundsätzlich warme Temperaturen und Sonnenschein angekündigt, nur am Vormittag sollen Regenfälle das frühlingshafte Bild trüben. Und just in diesem Moment ergießt der erste starke Schauer über unseren Köpfen. Leider trägt Maikel weder eine Jacke noch einen Regenschirm. Ich spanne meinen Schirm über uns beiden auf, damit er nicht nass wird. Die Klasse setzt sich in Bewegung, Maikels Mutter geht – nach wie vor schweigend – schaut uns aber noch eine Zeit lang nach.

Übrigens: Konflikte und Diskussionen um das Thema Ausländer und Rassismus trägt Lehrer nicht nur mit Erwachsenen aus, sondern selbstverständlich auch im Unterricht. Hier gibt es einen Linktipp zum Blog einer Kollegin, die ihren Weg durch das Dickicht der Vorurteile sucht:

https://errollsblog.wordpress.com/2015/10/20/grundkurs-umgang-mit-rassismus-aus-der-not-geboren/

Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht, dazu gibt es von mir an dieser Stelle später mehr.

E-Mail für mich 1 – Hat nichts mit Rassismus zu tun, aber…

Am zweiten Tag unserer Projektwoche erreicht mich eine E-Mail auf meiner Dienstadresse. Maikels Mutter hat ein dringendes Anliegen, dass aus ihrer Sicht keinen Aufschub duldet. Dazu muss ich erwähnen, dass ich mit den Eltern unserer Schüler ausschließlich telefonisch über das Schultelefon oder persönlich bei einem vereinbarten Termin kommuniziere. Die Themen E-Mail und private Telefonnumer biete ich bewusst nicht an. Die Dienstadressen für Mails kann man sich allerdings ziemlich einfach zusammenreimen, aber die Eltern wissen auch, dass ich nicht antworten werde, wenn sie mir trotzdem schreiben.

Wie gesagt, Maikels Mutter ficht das nicht, sie schreibt mir. Ich erfahre, dass Maikel, der am Wanderprojekt beteiligt ist, gestern krank war. Die von unserer Schule geforderte telefonische Krankmeldung habe ich übrigens nicht in meinem Fach gefunden. Eine Rücksprache mit unserer Sekretärin am nächsten Tag erklärt das, es hat schlicht niemand angerufen. Am zweiten Tag ist Maikel aber zu irgendeiner Uhrzeit wieder zur Schule gekommen und das Wanderprojekt ist doch tatsächlich wandern gegangen! Und zwar ohne Maikel, den am ersten Projekttag noch keiner gesehen hat, Bescheid zu sagen! Die Mutter findet, das könne nicht angehen.

Es sollte noch dicker kommen: Maikel musste keineswegs einsam vor dem Sekretariat sitzen, eine Kollegin nahm ihn mit. Unsere Schule hat eine bunte Schülerschaft verschiedenster Nationalitäten und um deren kulturelle Hintergründe geht es in ihrem Projekt. Das geht: gar nicht. Schreibt Maikels Mutter. Ihr Sohn wolle das nicht. Ein kurzes Gespräch mit der Kollegin fördert zu Tage, dass sie den Jungen mehrmals gefragt hat, ob er sich im Projekt wohlfühle und bleiben wolle und er bejahte das. Die Erziehungsberechtigte vertritt da jedoch andere Vorstellungen. Ihr Sohn solle nicht als Notlösung in so ein Projekt über „ausländische Kultur“ gesteckt werden. Sie wolle das nicht und Maikel wolle das ebenfalls nicht. Sie möchte das auch nicht erklären, „das hat nichs mit rasismus zu tun“, aber man wolle das einfach nicht, „es interesiert ihn auch nicht“.

Weiter stellt die gute Frau mir da, dass sie sich aber  auch nicht darum kümmern könne, sie habe keine Zeit selbst zur Schule kommen, um zu klären „wer, wie, was, wo“. Sie müsse arbeiten und einen Führerschein besitze sie nicht. Sie könne das im Übrigen nicht nur, sondern werde das auch nicht machen. Mein Gedanke: Maikels Mutter könnte anrufen. Am besten gleich am ersten Krankheitstag, so wie es die Schulordnung vorsieht. Dann würden der Kollege, der Maikels eigentliches Projekt betreut und ich von seiner Krankheit erfahren und könnten im Gegenzug der Familie alle nötigen Informationen zukommen lassen. Allein, das Thema Telefonieren zieht sie in Ihrem Schreiben nicht in Betracht.

Nachdem ich inzwischen eine DIN-A4 Seite lang gelesen habe, was man alles nicht getan hat, nicht kann, nicht will und nicht tun wird, robbt sich Maikels Mutter zum zentralen Punkt vor. Sie kommt ein weiteres Mal auf die „ausländische Kultur“ zu sprechen, ein Projekt, in das sie ihren Sohn auf keinen Fall weiter schicken werde. Schließlich müsse sie als Mutter sich sicher sein, dass ihr Sohn es in der Schule „auch gut und sicher habe“, ein Punkt von dem sie momentan offensichtlich nicht auszugehen scheint. Ansonsten, kündigt sie an, werde sie ihren Sohn in den kommenden Tagen zu Hause behalten. (Das ist übrigens eine Ordnungswidrigkeit, die bei Wiederholung mit einem Bußgeld belegt wird.) Die E-Mail mündet in der zentralen Frage:

„Was werden Sie Herr Alltagsarbeiter also nun tun?!????“

Zunächst klicke ich auf den Ignorieren-Button der angehängten Lesebestätigung.

Zeugnisausgabe

„Herr…!“, setzt die Schulsekretärin an, „Herr…!“ Keine Chance, der angesprochene Mann verlässt wutschnaubend das Sekretariat, grunzt etwas vor sich hin, verliert aber ansonsten kein verständliches Wort. Dieser Vater redet nicht mit Frauen über geschäftliche Dinge und damit auch nicht mit unserer Sekretärin. Konsequenterweise auch nicht mit weiblichen Lehrkräften, was die Kommunikation zwischen ihm und uns erschwert. Dabei hat er durchaus Redebedarf, denn er spricht nicht nur nicht mit Frauen, sondern er aktzeptiert auch keine Fünfen auf dem Zeugnis seines Sohnes.

In diese Situation gerate ich zusammen mit einer Kollegin hinein, eigentlich wollen wir nur an einen Aktenordner, es geht skurril zu: Der Vater hat nicht nur einen Sohn an unserer Schule, sondern auch eine Tochter. Diese stürzt jetzt in Begleitung einer Freundin auf die Kollegin zu, um im Auftrag ihres Vaters über die Zeugnisfünfen des jüngeren Bruders zu sprechen. Den meine Kollegin aber gar nicht unterrichtet. Man ahnt es, das führt zu nichts, der Vater ist weiterhin unzufrieden, knallt das Zeugnis des Sohnes auf den Tresen des Sekretariates und verschwindet. Wenn er das Zeugnis nicht annimmt ist vielleicht auch nicht gültig? Ist es natürlich doch. Es ist Zeugnisausgabetag.

In der Schule herrscht ein reges Treiben, es gibt so viele Fragen an Lehrer und Verwaltung. Eine Mutter hat für heute vorgesorgt, denn der Kollege neben mir hält bereits das erste Schriftstück in die Hand. Und auch hier: Man könne das Zeugnis so nicht akzeptieren, ein neues müsse her. Die Sport-AG des Sohnes fehle. Leider ist er dort nie erschienen, aber das ficht die Mutter nicht an. Der Kollege möge doch mal erklären, in welchem hinabgeregneten See ihr Sohn sein Sportzeug sonst versenkt habe. Jedenfalls käme er immer verschwitzt nach Hause, da sei der Fall doch bitteschön eindeutig. Dass der Kollege keine Entschuldigungen für Fehltage annimmt, die Monate zurück liegen, findet sie kleinlich. Schon klar, die Schulordnung hat da unmissverständliche Vorstellungen zu den Fristen und die hat sie auch am Schuljahresanfang unterschrieben. Aber dass er jetzt mit solchen Regeln ankäme… Die Fehltage sollen auch weg. Und wo er schon dabei sei, könne er noch mit ihr über die Klasse sprechen, sie habe da ein paar gute Tipps, die er vielleicht umsetzen sollte.

Zwischen dem wütenden Vater, der nicht mit Frauen spricht und dem schnoddrigen Schreiben einer enttäuschten Mutter treffe ich noch auf eine Mutter eines Schülers meiner Klasse. Sie ist auch nicht zufrieden. Auf dem Zeugnis sind nämlich Fehltage ausgewiesen. „Wie kann das sein? Ich bringe Milan-Luca jeden morgen mit dem Auto zur Schule, ich kann beweisen, dass er jeden Tag da war.“ Ich weise sie auf einen Zeitraum am Ende des letzten Jahres hin. „Ja, aber er hatte eine Entschuldigung!“ Aus diesem Grund stehen die Fehltage auch in der Spalte der entschuldigten Fehltage. Ein Punkt geklärt, einer bleibt. Die Fünfen. „Wie kann das sein?“ Die Frage ist rein rhetorisch, schließlich hat sie die Antwort bereits mitgebracht: „Er hat Angst vor dem Lehrer.“ Schnell möchte sie noch wissen, wie er sich denn in der letzten Zeit bei mir so mache, meine Antwort fällt allerdings nicht wie erhofft aus. Ihre Diagnose ist klar, Milan-Luca habe Angst vor mir. Ich glaube nicht, dass der Junge Angst vor irgendwem hat.

Dahinterhat sich bereits Janas Mutter eingereiht. Sie möchte das Zeugnis für ihre Tochter abholen, die heute fehlt. Gestern fehlte sie ebenfalls, den Tag davor auch. Jana fehlt regelmäßig.

Als ich gerade das Gebäude verlassen will, kommt mir Melina entgegen. Ich hatte sie im vergangenen Schuljahr in Deutsch unterrichtet, sie starte hochmotiviert und stark, fehlte aber ab Jahresmitte immer häufiger. Im neuen Schuljahr sieht das wieder deutlich besser aus und heute strahlt Melina mich an: „Herr Alltagsarbeiter, ich habe eine Zwei plus in Deutsch! Die Deutscharbeiterin hat gesagt, wenn ich so weiter mache, kann ich sogar eine Eins schaffen!“

Schulflucht

Die letzten Wochen des vergangenen Schuljahres waren in Hinblick auf Jana ein Erfolg. Bis auf wenige Ausnahmen kam das Mädchen, das keiner mehr ernsthaft in der Schule erwartete, wieder täglich genau dorthin. Meine Klasse hatte längst vergessen, dass da noch jemand dazu gehörte, so lange war Jana am Stück weggewesen.

Bekanntermaßen herrscht in Deutschland Schulpflicht. Sein Kind aus welchen Gründen auch immer (abgesehen von Krankheiten) nicht zum Unterricht zu schicken ist eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld belegt wird. Man kann sich vorstellen, dass diese Bußgelder das Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus nicht gerade verbessern. Konflikte waren also vorprogrammiert. Und doch hatten wir es mit vereinten Kräften der Schule, zweier behördlichen Stellen und letztendlich auch den dann doch zeitweise kooperationswilligen Eltern geschafft, aus Jana wieder eine Schülerin zu machen.

Und die war sie immer noch, als das neue Schuljahr begann. Nach wenigen Wochen begann die wiedererlangte Regelmäßigkeit zu bröckeln. Es ging scheinbar unscheinbar los: Jana fehlte mal einen Tag in der Woche, dann noch einmal den gleichen Tag in der folgenden Woche. Es war der Tag mit Sportunterricht. Dann kamen die ersten Klassenarbeiten. Bei der ersten war sie noch dabei. Bei der nächsten Hauptfacharbeit fehlte sie, bei der übernächsten bei mir ebenfalls. Dann kam sie für einen Tag zur Schule, um anschließend wieder zu fehlen. Es war der Tag für den ersten Nachschreibtermin. Auch an meinem Nachschreibtermin gab es von Jana keine Spur. Genausowenig wie an Tagen, an denen sie jene Fächer hatte, vor deren Klassenarbeiten sie sich drückte. Was Jana nicht wusste: Längst waren die Arbeiten mit einer 6 bewertet worden. 

Bei Jana hatte eine neue Regelmäßigkeit eingesetzt. Nicht länger die des Schulbesuchs, sondern die altbekannte des Fehlens. Und zwar gezielt an solchen Tagen, an denen sie die Fächer hat, in denen ihr die Nachschreibarbeiten drohen. Oder der Sportunterricht. Mal gibt es morgens einen Anruf, sie sei krank, mal nicht. Mal gibt es eine ärztliche Bescheinigung, mal nicht. Als Jana für wieder für einen Tag in der Schule ist, wird sie von der Kollegin zur Rede gestellt. Wenig überraschend ist das Gespräch nicht sehr ergiebig. Jana flüchtet sich ins Kranksein, erzählt von Attesten, die nie bei mir angekommen sind, von Tagen an denen sie krank war, obwohl sie da war. Längst hat das Mädchen den Überblick über sich selbst verloren.

Und ich greife zum Telefonhörer und wähle die Nummer eines zuständigen Amtes.