Hüter der Toiletten

Schülertoiletten können bestialisch riechen. Die Schüler der Abschlussklassen vermeiden sie deswegen wenn möglich, beim Rest sind sie sehr beliebt. Hier komme ich ins Spiel.

Ich führe die Pausenaufsicht im Gebäude und bewache unsere Toiletten. Zum Beispiel passe ich darauf auf, dass sich in den Jungentoiletten nicht verdächtig viele Schüler auf einmal tummeln. In so einer Einzelkabine kann man hervorragend die Pause lang auf seinem Handy spielen. Oder eine Zigarette rauchen. Oder man trifft sich mit seinen Freunden sowie deren Handys und veranstaltet ein Gruppenzocken. Diese Versammlungen löse ich dann auf. In der Mädchentoilette funktioniert das genauso, nur eben mit Mädchen. Dafür ist dann aber eine Kollegin zuständig. In die Mädchentoilette hat es auch schon eine Picknickdecke geschafft, die im Vorraum ausgebreitet wurde. Wozu? Zum Picknick, das Essen war schon angerichtet. Die dazugehörigen Schülerinnen mussten allerdings die Räumlichkeiten allerdings schnell verlassen, samt Decke unterm Arm.

Um die besagte Toilettentür geht es während meiner Aufsicht natürlich auch. Ich stehe im Gang und ermahne die hereinströmenden Jungen regelmäßig, beim Hineingehen doch aus Rücksicht auf die Schulumwelt die Tür zu schließen. Wenn sie wieder herauskommen, wiederholt sich das Spiel. Worauf Lehrer wert legen, spricht sich schnell bei den Schülern herum, jedenfalls steuert einen Tag später ein kleiner Schüler auf das Jungen-WC zu, nimmt die Klinke in die Hand und geht hinein. Bevor er die Tür schließt, schaut er mich an: „Ich habe dazu gelernt, Herr Alltagsarbeiter!“

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Erfolgserlebnisse

Nevit hatte im vergangenen Schuljahr nicht gerade erfolgreiche Stunden in meinem Deutschgrundkurs verbracht. Was die Inhalte betraf, war er häufig vollkommen durch den Wind, schaffte es kaum, den Unterricht und seine Antworten zusammenzubringen. Das Ganze mündete in katastrophalen Klassenarbeiten, wobei er regelmäßig nicht verstand, was denn das Problem sei. In Hochzeiten war Nevit allen Ernstes der Meinung, er befinde sich sich an seinem Platz und mache seine Aufgabe, während er in Wirklichkeit wie angestochen aufstand, einen Spaziergang durch den Raum machte und verträumt vor dem Fenster stehen blieb.

Die Rücksprache mit seinem Klassenlehrer ergab, dass es in anderen Fächern nicht besser stand. Nevit muss das Schuljahr wiederholen, als er das erfuhr, brach eine Welt für ihn zusammen.

Heute beginnt mein Schultag später als sonst. Ich erreiche die Schule und gehe über den Pausenhof in Richtung Gebäude. Nevit hält mit einem Freund auf mich zu. Über seinen Kopf hat er die Kapuze seiner Jacke gezogen, so dass ich nur seinen Mund sehen kann, als er mich erreicht.

Mit leiser Stimme spricht der Junge, der insbesondere gegen Schuljahresende häufig sehr aufbrausend war, mich an:

„Ich habe in Deutsch eine 2 geschrieben, Herr Alltagsarbeiter.“

Zeichen der (Un-)Ruhe

Timur dreht sich ständig zu anderen um, steht auf, bringt etwas zum Papierkorb, baut seinen Füller auseinander und wieder zusammen, erzeugt dabei einen Tintensee, steht wieder auf um Papier zu holen, steckt unterwegs seine Nase in jedes Heft, gerne auch in meinen Lehrerplaner. Die Heftbesitzer sind schon ganz genervt um pflaumen ihn an, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern. Timur versteht dann die Welt nicht, er habe doch gar nichts getan, wird sofort ausfallend, versucht etwas in hohem Bogen in den Papierkorb zu werfen, wirft daneben, versteht jetzt nicht, warum ich ihn für den Rest der Stunde in einer Nachbarklasse unterbringe. Die anderen hätten ihn doch schließlich beleidigt.

Auch wegen Schülern wie Timur bin ich ein großer Fan des Faches Sport. er ist so hibbelig, so offen für jeden Reiz, auf den er reagieren muss, dass häufig für izhn nicht an eine geordnete Teilnahme am Unterricht zu denken ist. Alles muss schnell gehen. Denn schnell ist für ihn gleichbedeutend mit gut. Das hat allerdings schon in der Grundschule nicht funktioniert und auch nicht im letzten Schuljahr bei uns, aber bisher kann er das nicht erkennen. Ich möchte den Sechstklässler gerne drei Wochen am Stück auf den Sportplatz jagen, damit er sich richtig austoben kann, seine nicht enden wollenden Kräfte endlich einmal Raum bekommen. Danach würde ich dann sehen, ob mit ihm vielleicht an Deutschunterricht zu denken ist oder ob er sich noch weiter auspowern muss.

Jede Stunde versuche ich aufs Neue, Timur zu dämpfen, ihm zuzureden, dass er sich Zeit nehmen soll. Dann sei er vielleicht nicht mehr der mit Abstand Schnellste, müsse aber anschließend nicht alles verbessern, sondern habe von vornherein gute Ergebnisse. Für die Dauer einer Minute mag er das dann auch einsehen, doch sobald ich mich einem anderen Schüler zuwende, verfällt Timur in sein altes Muster. Er rast nur so über die Arbeitsblätter, seine Augen werden wie im Rausch immer runder und größer angesichts seiner zunehmenden Schreibgeschwindigkeit, während er die Schreiblinien mit falschen Ergebnissen füllt, die Tinte verschmiert und nebenbei die Stiftfarbe wechselt: „Alles fertig!“ Die Aufgabenstellungen hat er häufig noch nicht einmal gelesen.

Timur verbringt also Zeit in der Nachbarklasse, es ist die Klasse seiner Mathematiklehrerin. Als ich ihn am Stundenende wieder abhole, damit er seine Sachen für den Heimweg packen kann, strahlt er. Das sei so ruhig da und die Matheleherin sei so entspannt gewesen. Nicht so wie unserer Klasse, wo die Kollegen immer sehr streng sein müssen, ebenso die Mathelehrerin, und dabei auch laut werden. Die 6.3 ist für ihr antisoziales Verhalten berüchtigt. Aber in der anderen Klasse, da hatten die sogar Zeit, sich noch ein bisschen persönlich zu unterhalten!

Der Junge ist angesichts der Erfahrung, dass Unterricht funktionieren kann und dass Lehrer und Schüler ein entspanntes Verhältnis zueinander haben können, vollkommen aus dem Häuschen. Strahlend hibbelt er zurück in unseren Klassenraum, geht nicht zu seinem Platz, muss erst in ein fremdes Heft gucken, einen Spruch gegen einen Mitschüler loslassen, mit einem zerknüllten Papier eine neue Zielübung in Richtung des Papierkorbs machen. Er freut sich lautstark, dass er diesmal getroffen hat.

Timur merkt erst beim dritten Mal, dass ich mit ihm spreche. Danach braucht er noch zwei weitere Anläufe von mir, um zu verstehen, was ich zu ihm sage. Zwischen meinen Worten gab es schließlich so viel anderes zu erleben! Als bei der nun fünften Ansprache mein Tonfall deutlich schärfer wird, verzieht er das Gesicht. Er versteht nicht, warum ich ihn inzwischen ziemlich unfreundlich auffordere, an seinen Platz zu gehen, um seinen Rucksack zu packen: „Ja, mach‘ ich doch!“

„Ja, aber…“

Wie gesagt, der Besuch der Stadtbibliothek war ein erfolgreicher Ausflug, auch wenn Manuel sich anstrengend benahm. Aber auch ein zweiter Schüler forderte von mir und meiner begleitenden Kollegin erhöhte Aufmerksamkeit. Dabei war Sergej zu Beginn noch gar nicht da. Er fehlt immer wieder mal sporadisch für ein oder zwei Tage, dann ist er wieder da. Für eine schriftliche Entschuldigung muss ich regelmäßig und mehrfach nachbohren und auch dann kommt sie nicht immer.

Doch mit 15 Minuten Verspätung sehe ich ihn an einem Fenster der Bibliothek vorbeigehen und in Richtung des Eingangs steuern. „Sergej schon wieder.“, kichert ein Mitschüler. Sergej kommt häufig zu spät zur ersten Stunde, so häufig, dass seine Mitschüler in der Klasse anfangen, darüber spitze Kommentare zu machen. Ich nehme ihn am Eingang in Empfang und melde ihm genau das zurück.

Nun ist der Junge also da, geht in die Leseecke, in der schon der Rest der Klasse sitzt, setzt sich auf den Boden und beginnt, sich mit einem Freund zu behakeln. Immer wieder schubsen sie sich weg. Das bringt ihnen sichtlich Lust, hat aber nichts mit dem Bibliotheksbesuch zu tun. In einer Freiphase, in der die Schüler die Bibliothek selbstständig erkunden können, beginnt Sergej, auf dem Boden Liegestütze zu machen. Ich fordere ihn auf, das zu unterlassen. Kein Problem, es gibt ja noch anderes zu unternehmen. Wenig später will er Sascha am Rucksack auf den Rücken klettern. Ich fordere ihn auf, auch das zu unterlassen. „Ja, aber Sascha hat mir das erlaubt!“, rechtfertigt er sich.

Zurück in der Abschlussrunde. Sergej möchte es scheinbar gerne bequem haben und baut sich aus mehreren Sitzpolstern ein Bett, auf dem er sich anschließend ausstreckt. Leider muss er sich wieder vernünftig hinsetzen. Auch dafür findet er einen Ausgleich. Wenig später schunkelt Sergej Arm in Arm mit einem Mitschüler durch die Räumlichkeiten. Und auch das muss er unterlassen. Dafür schunkelt er nun mit einem anderen Mitschüler weiter: „Aber das haben Sie mir nicht verboten!“, setzt er gegenüber mir an. Ich werde zunehmend ärgerlich: „Ja, aber hat jetzt Sendepause!“ Sergej fühlt sich ungerecht behandelt: „Ich habe nicht ja, aber gesagt!“, gibt er zurück. Da er nun mit niemanden mehr durch die Bibliothek schunkeln darf, sondern wie der Rest der Klasse ein angemessenes Benehmen zeigen soll, deutet Sergej jetzt nur noch an, jemanden den Arm um die Schulter zu legen. Sein Arm hält dabei immer ein paar Zentimeter Abstand zu seinen Mitschülern, denn das ist kein Umarmen, er berührt den Mitschüler schließlich nicht.

Entgegen der Besprechung im Vorfeld des Besuches schiebt Sergej auf dem Rückweg zur Schule sein Fahrrad nicht, sondern rollt auf den Pedalen durch die Gassen. Wiederum fordere ich ihn auf, das zu unterlassen. „Ja, aber ich bin nicht gefahren!“, hält er mir entgegen. „Die Ansage war, dass die Fahrräder geschoben werden.“, erinnere ich ihn. „Ja, aber das ist kein Fahren!“, beharrt er. Damit ist sein Repertoire noch nicht erschöpft. Trotzdem wir uns durch den Stadtverkehr bewegen, schiebt Sergej sein Rad, nachdem er nun absteigen musste, auf der Straße. Und wiederum fordere ich ihn auf, das auf dem Fußweg zu tun. Doch dafür fehlt ihm augenscheinlich die Kraft: „Ja, aber der Bordstein ist zu hoch!“

Der nächste Ausflug findet ohne Sergej statt.

Ich!

Vorweg muss ich festhalten: Der Besuch der örtlichen Stadtbibliothek war ein Erfolg. Die Klasse war überwiegend interessiert und neugierg bei der Sache, auch von einer Mutter kam eine positive Rückmeldung, ihrem Sohn habe es sehr gut gefallen. Einige Schüler nutzten die gerade eben erhaltene Leihkarte, um sich sogleich mit Büchern und Zeitschriften einzudecken. So nahm Felix gleich zwei Drittel des Star Wars-Bestandes mit, Alex den Rest.

Während wir dort sind, will Manuel Aufmerksamkeit. Dass er in neuen Situationen stark auf Erwachsene fixiert ist, ist mir schon aufgefallen, als ich am Anfang des Schuljahres meine Fünfer als Klasse bekommen habe. Ich musste ihn regelrecht wegschicken, damit er Kontakt zu Gleichaltrigen aufnimmt, statt nur mir gefallen zu wollen. So ist es auch jetzt, nur dass die Bibliothekarin in Beschlag genommen wird. Manuel hat immer noch eine Frage, immer noch etwas beizutragen und sei es noch so sachfremd. So wissen wir aber alle am Schluss von seinem (angeblichen) Tablet, dem PC, dem E-Book-Reader, dem Smartphone und so weiter. „Oh Mann, du hast auch alles!“, stöhnt der erste Mitschüler. Die Bibliothekarin bemüht sich redlich, dennoch mit ihrer Einführung voranzukommen, damit die Klasse nicht die ganze Zeit auf Stühlen festgenagelt ist.

„Wir haben viele unserer Bücher auch online als E-Books, die man sich auf einem E-Book-Reader ausleihen kann, außer man hat einen Amazon-Kindle, da funktioniert das nicht.“ „Warum nicht?“, will Manuel wissen. „Das ist ein geschlossenes Sytem von Amazon für die eigenen Inhalte und da…“, versucht sie geduldig zu erklären, aber Manuel kann nicht abwarten: „Doch, das geht!“, weiß er es besser, „das kann man dann auf seinen Computer laden und dann umwandeln und dann mit einem Kabel auf…“ Hier bricht die Biliothekarin ab, die Schüler sollen sich schließlich noch in der Stadtbibliothek bewegen können. Wie gesagt, Manuel will Aufmerksamkeit. Und auch später wird er sie knallhart einfordern. Für ein abschließendes Bücherspiel sitzt die Klasse wieder zusammen und macht überwiegend begeistert mit.

Manuel hat eine Lösung und will sie unbedingt ansagen, sein Arm schießt in die Höhe und reckt sich anschließend immer länger. Doch die Bibliothekarin ist ausgerechnet jetzt mit einer Mitschülerin beschäftigt! Manuel beginnt, seine Meldung durch Rufe zu unterstützen: „Hier, hier! Ich hab’s! Hier!“ Die gute Frau lässt sich nicht beirren, bleibt der Mitschülerin zugewandt, während Manuel fast vor Druck platzt. Er steigert sein Verhalten. Jetzt trappelt er mit den Füßen, unablässig trommeln sie auf den Boden ein, die Frau muss ihn doch hören! Allein, es hilft nichts – sie kümmert sich weiter um das Mädchen. Manuel greift ein. Sich nach wie vor meldend steht er auf, geht zu den beiden hin und schiebt sich zwischen Mitschülerin und Bibliothekarin, genau vor ihr Gesicht, so dass das Gespräch unterbrochen wird. Vergebens, sie schickt ihn weg, er ist jetzt nicht an der Reihe.