Zeichen der (Un-)Ruhe

Timur dreht sich ständig zu anderen um, steht auf, bringt etwas zum Papierkorb, baut seinen Füller auseinander und wieder zusammen, erzeugt dabei einen Tintensee, steht wieder auf um Papier zu holen, steckt unterwegs seine Nase in jedes Heft, gerne auch in meinen Lehrerplaner. Die Heftbesitzer sind schon ganz genervt um pflaumen ihn an, er solle sich um seinen eigenen Kram kümmern. Timur versteht dann die Welt nicht, er habe doch gar nichts getan, wird sofort ausfallend, versucht etwas in hohem Bogen in den Papierkorb zu werfen, wirft daneben, versteht jetzt nicht, warum ich ihn für den Rest der Stunde in einer Nachbarklasse unterbringe. Die anderen hätten ihn doch schließlich beleidigt.

Auch wegen Schülern wie Timur bin ich ein großer Fan des Faches Sport. er ist so hibbelig, so offen für jeden Reiz, auf den er reagieren muss, dass häufig für izhn nicht an eine geordnete Teilnahme am Unterricht zu denken ist. Alles muss schnell gehen. Denn schnell ist für ihn gleichbedeutend mit gut. Das hat allerdings schon in der Grundschule nicht funktioniert und auch nicht im letzten Schuljahr bei uns, aber bisher kann er das nicht erkennen. Ich möchte den Sechstklässler gerne drei Wochen am Stück auf den Sportplatz jagen, damit er sich richtig austoben kann, seine nicht enden wollenden Kräfte endlich einmal Raum bekommen. Danach würde ich dann sehen, ob mit ihm vielleicht an Deutschunterricht zu denken ist oder ob er sich noch weiter auspowern muss.

Jede Stunde versuche ich aufs Neue, Timur zu dämpfen, ihm zuzureden, dass er sich Zeit nehmen soll. Dann sei er vielleicht nicht mehr der mit Abstand Schnellste, müsse aber anschließend nicht alles verbessern, sondern habe von vornherein gute Ergebnisse. Für die Dauer einer Minute mag er das dann auch einsehen, doch sobald ich mich einem anderen Schüler zuwende, verfällt Timur in sein altes Muster. Er rast nur so über die Arbeitsblätter, seine Augen werden wie im Rausch immer runder und größer angesichts seiner zunehmenden Schreibgeschwindigkeit, während er die Schreiblinien mit falschen Ergebnissen füllt, die Tinte verschmiert und nebenbei die Stiftfarbe wechselt: „Alles fertig!“ Die Aufgabenstellungen hat er häufig noch nicht einmal gelesen.

Timur verbringt also Zeit in der Nachbarklasse, es ist die Klasse seiner Mathematiklehrerin. Als ich ihn am Stundenende wieder abhole, damit er seine Sachen für den Heimweg packen kann, strahlt er. Das sei so ruhig da und die Matheleherin sei so entspannt gewesen. Nicht so wie unserer Klasse, wo die Kollegen immer sehr streng sein müssen, ebenso die Mathelehrerin, und dabei auch laut werden. Die 6.3 ist für ihr antisoziales Verhalten berüchtigt. Aber in der anderen Klasse, da hatten die sogar Zeit, sich noch ein bisschen persönlich zu unterhalten!

Der Junge ist angesichts der Erfahrung, dass Unterricht funktionieren kann und dass Lehrer und Schüler ein entspanntes Verhältnis zueinander haben können, vollkommen aus dem Häuschen. Strahlend hibbelt er zurück in unseren Klassenraum, geht nicht zu seinem Platz, muss erst in ein fremdes Heft gucken, einen Spruch gegen einen Mitschüler loslassen, mit einem zerknüllten Papier eine neue Zielübung in Richtung des Papierkorbs machen. Er freut sich lautstark, dass er diesmal getroffen hat.

Timur merkt erst beim dritten Mal, dass ich mit ihm spreche. Danach braucht er noch zwei weitere Anläufe von mir, um zu verstehen, was ich zu ihm sage. Zwischen meinen Worten gab es schließlich so viel anderes zu erleben! Als bei der nun fünften Ansprache mein Tonfall deutlich schärfer wird, verzieht er das Gesicht. Er versteht nicht, warum ich ihn inzwischen ziemlich unfreundlich auffordere, an seinen Platz zu gehen, um seinen Rucksack zu packen: „Ja, mach‘ ich doch!“

Urlaubsverlängerung

Die Schule ist wieder gestartet, meine Fünfer kehren fast allesamt als frischgebackene Sechser aus den Sommerferien zurück. Einzig Sergej fehlt, sein Platz bleibt vorläufig leer. Einen Tag später hat aber auch er es in die Schule geschafft, ich stelle ihn zur Rede:

„Ich habe dich gestern beim Schulstart vermisst.“

„Ja, ich war nicht da.“

„Das habe ich gemerkt und ich möchte den Grund dafür wissen.“

„Wir waren noch im Urlaub.“

„So etwas geht nicht, wenn die Schule wieder startet.“ Dafür ist Sergej natürlich der falsche Ansprechpartner, er wird wohl kaum den Familienurlaub geplant haben. Dennoch versucht er, mich zu beruhigen:

„Naja, wir sind ja nicht hingefahren. Wir waren auf dem Rückweg. Die Entschuldigung habe ich vergessen, die bringe ich Ihnen noch.“

Die Entschuldigung braucht mir Sergej nicht mehr zu bringen, da ich sie nicht annehmen werde. Allerdings ist es Zeit, mal wieder mit seinen Eltern Kontakt aufzunehmen.

Freizeit – Teil 2

Inzwischen hatte ich Gelegenheit, mich mit Sergej zu unterhalten. Der Junge, der immer wieder kurz fehlt, war vor Kurzem mittags zur besten Schulzeit vor dem örtlichen Schwimmbad in Begleitung seines Longboards gesichtet worden.

„Sergej, ich habe dich letzten Freitag vermisst.“

„Jaa… Ich war krank.“

„Du warst also krank, ich nehme an, deswegen konntest du nicht zur Schule kommen.“

„Ja, ich war krank, ich habe Asthma und deswegen konnte ich nicht….das stimmt! Ich habe wirklich Asthma!“

„Schon gut, das glaube ich dir ja. Was mich wundert: Wenn du so krank warst, wie konnte dich eine Kollegin mittags um 12.00 Uhr vor dem Schwimmbad sehen?“

„Um 12.00 Uhr? Warte…was habe ich da gemacht? Nee, da war ich nicht draußen…“

„Naja, ich dachte, du wärst krank? Sonst wärst du doch sicher zur Schule gekommen?“

„Aber um 12.00 Uhr, da war ich nicht…“

„Sergej, es geht nicht darum, was du um genau zwölf Uhr gemacht hast, sondern darum, dass du von einer Lehrerin vor dem Schwimmbad gesehen wurdest und dabei ganz offensichtlich bei bester Gesundheit warst.“

„Aber um 12.00 Uhr habe ich nicht…“

„Es geht nicht um 12.00 Uhr, sondern dass du in der Stadt während der Schulzeit gesehen wurdest.“

„Vielleicht hat sie ja meinen Bruder gesehen. Der musste um halb eins zur Nachhilfe.“

„Du hast also einen Bruder, der aussieht wie du und vor dem Schwimmbad zur Nachhilfe musste.“

„Nee, aber er hatte um halb eins Nachhilfe…“

„Und da musste er am Schwimmbad vorbei?“

„Nein, aber…aber ich war auch nciht um 12.00 Uhr…“

„Es geht nicht um 12.00 Uhr.“

„Hm…die Lehrerin muss sich verguckt haben.“

„Sie weiß wie du aussiehst, sie unterrichtet dich.“

„Nee, sie muss sich verguckt haben, ich war da nicht.“

Natürlich war zu erwarten, dass Sergej die Beobachtung meiner Kollegin nicht zugibt, aber sein Herumreiten auf Nebensachen und der Bruder, der nun auch noch mitmischt, werte ich als Indizien.

Zusammengefasst: Sehr verdächtig. Mal sehen, was ein Anruf zu Hause ergibt.

Freizeit – Teil 1

In letzter Zeit hat Sergej immer wieder gefehlt. Nur kurz, mal eine Tag, dann zwei, dann war er wieder da. Wenig später wieder war er wieder einen Tag weg und anschließend wieder. Nur unregelmäßig wird er morgens von seinen Eltern abgemeldet, auf die schriftlichen Entschuldigungen für die Fehltage habe ich nun schon mehrfach gedrängt. Angeblich schreibt Sergejs Mutter die Entschuldigungen neu, damit verschiedene Tage auf einen Zettel kommen. Allein, die versprochenen Zettel kommen nicht bei mir an.

Genausowenig wie Sergej es schafft, regelmäßig pünktlich zur Schule zu kommen. Immerhin hatten seine Eltern in der Vergangenheit eine Erklärung: Die Grundschule startete fünf Minuten später als wir.

Am Ende der vergangenen Woche fehlte Sergej wieder, keine telefonische Abmeldng am morgen, keine Entschuldigung am Beginn dieser Woche. In der großen Pause spricht mich eine Kollegin an:

“ Du Alltagsarbeiter, ich habe gerade gehört, dass Sergej Freitag nicht in der Schule war? Ich habe den um 12 Uhr vor dem Schwimmbad gesehen, als ich da mit meiner Schwimmgruppe war.“

„Hm, Sergej hat heute morgen behauptet, er sei am Freitag krank gewesen.“

„Das sah nicht so aus. Der war ziemlich fit, sein Longboard hatte er auch dabei.“

Es gibt Gesprächsbedarf.