Soldat sein

Während Anna das Ende des Zweiten Weltkrieges feiert, spielt Milo selbigen – wie so oft. Im Religionsunterricht lege ich der Klasse ein Bild eines Kindersoldaten vor. Die Schüler beschreiben ihn und seine Ausrüstung kurz und kommen zur Deutung. Ihre Vermutungen liegen nah an der Realität:

„Er sieht traurig aus.“

„Vielleicht sieht er so traurig aus, weil seine Eltern tot sind. Oder weit weg.“

„Vielleicht hat man ihn von seinen Eltern entführt.“

„Der muss ja andere töten. Das können ja auch Kinder sein.“

„Vielleicht wird der geschlagen. Vielleicht haben die, die ihn schlagen, das auch mit seinen Eltern gemacht.“

„Oder man gibt ihm Drogen, damit er andere tötet.“

„Bestimmt will er das eigentlich gar nicht.“

„Oder die drohen ihm, dass sie seine Eltern töten, wenn er nicht für sie kämpft.“

Meine Klasse erfasst die Zwangslage von Kindersoldaten verschiedenen Seiten und das innerhalb von wenigen Wortbeiträgen. Sobald sich die Schüler auf einen Unterrichtsgegenstand eingelassen haben fällt mir außerdem auf, dass sich die sprachliche Qualität ihrer teilweise reichlich schräg formulierten Meldungen verbessert. Sie sind fokussiert. Auch Milo ist fokussiert, aber auf etwas anderes als seine Mitschüler. Er meldet sich und kommt dran:

„Das ist ein Kindersoldat. In der Hand hält er ein Gewehr, das ist eine Kalaschnikow. Auf die Kalashnikow ist ein Messer montiert, das nennt man Bajonett. Er trägt eine sandfarbene Uniform mit dem Abzeichen der Befreiungsarmee von Ruanda. Auf dem Kopf trägt er ein grünes Barett. Aus dem Dschungel hinter ihm lugen zwei weitere Kalaschnikows hervor und wenn man ganz genau hinschaut sieht man weiter hinten einen Mörser, der aus dem Busch hervorlugt.“

So doziert er uns über die soldatische Ausstattung des abgebildeten Jungen. Ich bin von zwei Dingen „fasziniert“: Milo selbst begegnet dem Bild des Kindersoldaten vollkommen empathielos. Sein Vortrag ist von kühler Präzision und Systematik gekennzeichnet – vom Zentrum zur näheren Umgebung und weiter zur ferneren Umgebung –  was mich innerlich in Kombination mit seiner Empathielosigkeit schaudern lässt.

Während sich die restlichen Kinder weiterhin Gedanken über die bitteren Lebensumstände eines afrikanischen Kindersoldaten in ihrem Alter machen, meldet sich Milo erneut. Er will uns noch etwas zum Gewehr erklären. Ich lasse ihn nicht. Milos Kopf läuft hochrot an. Damit versinkt er in sein altbekanntes Unterrichtsverhalten, was bedeutet, dass er sich vom Unterricht abschottet.

Er beginnt in seinem Block zu blättern, bis er ein freies Blatt findet. Er trennt es aus dem Block und fährt damit fort, darauf die Kalaschnikow des Kindersoldaten zu zeichnen und sie in passenden Farben auszumalen. Auf ein weiteres Blatt zeichnet er Kriegsziele: Einen Panzer, eine Barriere, ein Gebäude. Er schneidet das Gewehr und die Ziele aus, stellt sie auf seinem Tisch auf und zielt mit dem Papiergewehr darauf. Den eigentlichen Arbeitsauftrag ignoriert er wie gewohnt. Da ich in meinem Unterricht keine Kriegsspiele erlaube, fordere ich ihn auf, das ausgeschnittene Papier in seinen Rucksack zu stecken. Er stellt die Sachen auf dem Tisch zur Seite. Ich wiederhole meine Aufforderung. Nun legt er sie unter das Religionsbuch. Ich wiederhole meine Aufforderung erneut. Die Dinge landen neben seinem Rucksack. Erst nach der vierten Ansage steckt er das Papier in seine Schultasche, ein von Milo regelmäßig betriebenes Spiel.

Er hat die Aufmerksamkeit, die ich ihm zuvor verweigert habe, zurück.

Projektwoche – Der Abschluss

Mit dem Abschluss der Projektwoche präsentiert sich unsere Schule den Eltern möglicher neuer Schüler. Und unser Projekt präsentiert sich mit, jemand muss sich um die Verköstigung kümmern, da ist die Küchengruppe wie gemacht für. Auf dem Programm stehen Sandwiches im englischen Stil. Dazu braucht es Aufstriche, gebratene Beläge, geschnittenes Gemüse und vorbereiteten Salat. All dies muss heute zubereitet werden, nichts soll fertig hergestellt aus dem Supermarkt kommen. Nicht alle freuen sich darauf:

„Warum?“, murmelt Joris vor sich hin, „Warum nur?“ Er wendet sich an Maikel: „Warum bin ich hier? Warum bloß?“ Kaltherzig teile ich ihm mit, dass das Schulsystem seine Anwesenheit in der Schule während eines Schultages erwartet. „Jaa…“, seufzt es mir entgegen, „Warum nur, warum ich?“

Einmal mehr geht es an die Arbeitspläne, die die Gruppen langsam aber immerhin stetig diskutieren und ausfüllen. Milos Gruppenzwist des vergangenen Tages ist (vorläufig) vergessen, heute arbeitet man wieder ohne wenn und aber gemeinsam. Am Nachbartisch sieht das schon anders aus. Die Kochgruppe dort hat kaum angefangen, die Aufgaben zu besprechen, da ist Francois schon wieder unzufrieden. Auch heute bedeutet das, dass er die Arme verschränkt, die Backen aufbläst – augenblicklich fahren die Mundwinkel nach unten – und finster dreinschaut. Auch wenn die anderen ihn ansprechen, er redet nicht mit ihnen. Da er mit mir und meiner Kollegin genauso verfährt, übergeht ihn die restliche Gruppe im Arbeitsplan.

An dieser Stelle beginnt die eigentliche Arbeit der Schüler. Die Hände waschen, die Klamotten richten, Sarinas Oberteil ist zur Feier des Tages sogar etwas länger ausgefallen, die Aufmerksamkeit der Jungs ist dennoch nicht gesunken, und ran an die Schürzen. Ab jetzt werden Pasten angerührt und püriert, Salat gewaschen und geschnitten, Gemüse eingelegt. Die ersten schwingen die Pfannen, um Geflügel anzubraten, das später aufgeschnitten wird.

Im Nebenraum erwacht Francois aus seiner mir heute unerklärlichen Wutstarre. Das Gewusel in der Küche macht ihn neugierig, vielleicht gibt es ja auch etwas für ihn zu tun? Ursprünglich hatte ich für den Fall vorgesorgt, dass eine Gruppe besonders schnell fertig wird, und Basilikumsträucher, Tomaten und Mozzarella mitgebracht. Jetzt gebe ich die Zutaten an Francois, der daraus Spieße herstellt. Eine Aufgabe nur für ihn allein, das ist ganz nach seinem Geschmack. Ich habe schon in der Vergangenheit den Eindruck gehabt, dass Gruppensituationen im Unterricht ihn schnell überfordern können und er darauf mit Abschottung reagiert. Und schon ist der erste Teller mit Spießen fertig, Francois steht vor mir: „Ich bin fertig, was kann ich jetzt machen?“ Ich habe noch Zutaten für weitere Spieße, mit denen er wieder zu seinem Tisch zieht. Sie reichen, um ihn 15 Minuten lang zu beschäftigen, dann steht er wieder vor mir und will eine neue Aufgabe, die nur für ihn allein da ist. Jetzt habe ich aber keine Einzelaufgaben mehr, die ich ihm geben könnte, der Junge ist enttäuscht. Sich nachträglich in seine Kochgruppe einklinken will er sich heute nämlich nicht mehr.

Während dessen setzt in der Küche der Obstsalat-Effekt des ersten Projekttages ein. Sprich, die Kinder schneiden das Gemüse zur Hälfte in eine Schale und zur Hälfte in ihren Mund. Ich freue mich natürlich darüber, dass meine Schüler freiwillig Gemüse essen. Gleichzeitig merken sie selbst aber, dass mehr gegessenes Gemüse weniger Sandwiches bedeutet und damit weniger Einnahmen für die Klassenkasse. Die Schüler entscheiden sich für mehr Sandwiches, alle bis auf einen. Milo entdeckt, dass er die Situation nutzen kann, um die Situation an sich zu reißen. Munter futtert er ein Stück Gemüse nach dem anderen, je unwilliger die anderen darauf reagieren, desto offensiver geht er vor. Felix versucht den Weg zum Gemüse zu versperren, Milo bekommt sich vor Albernheit kaum noch ein, versucht, über seinen Mitschüler hinwegzuklettern. In der Pause wird Milo Felix‘ Brotdose zerstören.

Diesem Konflikt zum Trotz stapeln sich langsam die Sandwiches auf den Verkaufstabletts, die ersten putzen ihre Kochstationen. Joris‘ Gruppe bereitet das letzte Sandwich zu, doch die Zutaten reichen nur für die Hälfte, ratlose Blicke. Sie könnten das halbe Sandwich einfach aufessen, schlage ich vor. Bevor ich ausgeredet habe, fällt Joris mir ins Wort: „Das esse ich nicht!“ Ist klar, sind ja auch keine Meeresfrüchte. Kurze Zeit danach murmelt Joris beim aufräumen erneut vor sich hin: „Dass der Mülleimer immer so tief sein muss.“

Sergej, der erneut zur Schule erschienen ist, hat heute übrigens auf schlechte Laune verzichtet und engagiert sich beim Verkauf. Welcher außerdem hervorragend läuft. Am Ende wird es viel Lob für den Geschmack der Sandwiches geben und keines übrig bleiben, die Klassenkasse ist nach dem Tag der offenen Tür prall gefüllt.

Nach allen Konflikten und Wutausbrüchen, die während dieser Tage ausgefochten wurden, bei aller schlechten Laune, die einzelne zu verbreiten versuchten bin ich geschafft. Aber nach außen hin steht das Projekt glänzend da.

Projektwoche – Der dritte Tag

Sergej ist wieder da. In den vergangenen Wochen kam er immer seltener zur Schule, doch heute steht er pünktlich vor der Schulküche. Damit haben wir einen der seltenen Tage, an denen meine Klasse vollständig in der Schule versammelt ist.

Nachdem die Schüler es gestern nur noch geschafft hatten, Gemüse für eine Bolognesesoße vorzubereiten, soll das Gericht heute Wirklichkeit werden. Vorab soll die Klasse aber noch einen Nachtisch herstellen. Heute funktioniert der Umgang mit dem Arbeitsplan wieder besser, am vergangenen Tag konnten die Kochgruppen ihn nur unter größten Mühen ausfüllen. Kurz bevor sie an die Arbeit gehen, gibt es in einer Gruppe Probleme. Francois ist plötzlich beleidigt. Mit verhärtetem Gesicht, hängenden Mundwinkeln und verschränkten Armen sitzt er am Tisch und ist weder für seine Gruppe noch für mich oder meine Kollegin ansprechbar. „Nein, ich mache da nicht mehr mit!“, stellt er uns vor vollendete Tatsachen. Bis zur ersten Pause verharrt er in seiner Position. Raphael droht ihn zu triezen, doch wir greifen schnell ein. Bei jemandem, der sich gerade zurückzieht, noch nachzutreten ist an sich schon daneben, aber Francois schlägt in solchen Situationen auch schnell zu. Er gibt sich redlich und immer häufiger auch erfolgreich Mühe, aber die Frustrationsschwelle liegt niedrig bei ihm.

Inzwischen ist der Nachtisch beinahe fertig, da verbreitet Sergej schlechte Stimmung. Das Problem ist Folgendes: Für die Nachspeise wird Vanillezucker verwendet und damit meine ich echten Vanillezucker mit Bestandteilen der Vanilleschote, nicht das weiße Vanillinzeug. Daher finden sich dunkle Spuren im Nachtischglas. Sergejs Befund ist eindeutig: „Das sieht aus wie Kotze!“ Und Kotze isst er nicht.

Vor der Pause bricht in einer zweiten Kochgruppe ein Konflikt aus, es ist Milos Gruppe. Gruppenarbeiten mit Milo „funktionieren“ auf zwei Art und Weisen. Entweder hat er für Gruppenvergleiche kein Ergebnis vorbereitet und versucht dann, seine Mitschüler durch übertriebene Albernheit an der Arbeit zu hindern. Oder eine Gruppe soll etwas herstellen, dann bedeutet Gruppenarbeit, dass die Gruppe macht was Milo will. Es klingt hart, aber ich habe ihn noch nie als zu Kompromissen fähig erlebt. Das führt zu Streit und Milo stellt jedes Mal fest: „Die Gruppe schließt mich aus. Ich bin nicht mehr Teil der Gruppe.“ Da er nicht mehr Teil der Gruppe ist, hilft er ihr heute auch folgerichtig nicht beim Abwasch.

Eine halbe Stunde später sind gerade alle wieder in der Schulküche versammelt, als Francois wortlos aus dem Raum stürmt und verschwunden ist. Eine Kollegin, die ihn bereits aus Grundschulzeiten kennt, wird ihn finden und beruhigen. Genauso kommentarlos wie er verschwunden ist, taucht er nach einiger Zeit wieder auf und schmollt am Tisch weiter. Es dauert noch ein paar Minuten, dann taut er auf und klinkt sich wieder in die Arbeit seiner Kochgruppe ein.

In der Küche werden unterdessen Gemüse und Hackfleisch angebraten, Kräuter gehackt, die Tische gedeckt, zwei Mädchen stellen eine vegetarische Bolognese her und Francois kann sich endlich um die Nudeln kümmern, auf die er gestern schon so sehr bestanden hatte. Auch der Konflikt in Milos Kochgruppe ist vorläufig gelöst, dem Arbeitsplan sei Dank. So erledigt Milo einfach seinen Part und als das Essen fertig ist, trägt er stolz die Pfanne zum Tisch. Während die meisten zufrieden ihr erstes eigenes warmes Gericht essen, das ihnen überdies gut gelungen ist, stänkert Sergej weiter. Der Tisch ist ihm nicht schön genug hergerichtet, die Teller passen ihm nicht. Nein, da will er nicht mitessen. Am selben Tisch kommt es unterdessen zu Joris‘ Schrimps-Monolog, über den ich bereits geschrieben habe. 

Jetzt noch den Nachtisch hinterher und die ersten Schüler liegen satt und glücklich in ihren Stühlen, leichte Müdigkeit macht sich breit. Gleichzeitig bricht erneuter Streit in Milos Gruppe aus. Schließlich hat Milo sich selbst aus der Gruppe und den damit verbundenen Gruppenpflichten entlassen, der Abwasch nach dem Essn fällt für ihn nicht in seine Zuständigkeit. Seine Mitschüler sehen wiederum nicht ein, warum er mitgegessen hat, sie aber seinen Teller samt Besteck für ihn putzen sollen. Sie lassen beides an seinem Platz stehen. Milo lässt sich davon in seinem Verhalten nicht stören, schließlich habe ihn die Gruppe ausgeschlossen, damit ist er das Opfer und dass die anderen nicht für ihn abräumen und abwaschen führt er als Beweis an, wie gemein sie zu ihm seien. Meine Aufforderungen, seinen Verpflichtungen nachzukommen, ignoriert er, wie er es auch im regulären Unterricht tut, wenn er singend oder brabbelnd unter dem Tisch hockt.

Für Ture lautet die Erkenntnis des Tages: „Ich wusste gar nicht, dass man das mit Gemüse macht!“

Im Krieg

Milo ist auf militärische Themen fixiert. Wenn er nicht gerade auf dem Hintern durch den Klassenraum robbt, seine Stifte zu einer Pfeife umbaut, sich versteckt oder vor sich hinbrabbelt, ist er im Krieg unterwegs. Neuerdings auch literarisch. Dazu hat sich Milo von zu Hause einen Bogen schweres Briefpapier mitgebracht, den er auspackt, als der Rest der Klasse die Deutschsachen aus den Rucksäcken holt. Während für die anderen der Unterricht beginnt, fängt Milo an zu schreiben. Wenn man ihn auffordert, das zu unterlassen, ignoriert er das oder setzt sein Verhalten nach kurzer Zeit fort. Es ist nicht daran zu denken, dass Milo und der Unterricht zusammenkommen. Schule wird so zur reinen Verwahranstalt. Also, Milo schreibt:


 

Im Krieg – Kapitel 1

Ich bin Pete und ich bin 9 Jare alt. Wir wonen in deutschland, genaugenomen in Alltagsstadt. Bei uns ist krig. Mein Opa und meine Oma sind bei einem Bombenangrif auf ihr Haus ums Leben gekomen. Die die Bomben geworfen haben waren die asiatischen Stuka. Mein Fater ist im Feldlazarett. Er hatt einen Durchschuss an der Knischeibe abbekommen und ist verlezt. Und mein Bruder ist im krig, mein Onkel ist gefallen. Meine Muter ist krank aber wir haben kein geld für Medizin. Ich bin der einzige, der noch nicht versert ist.


 

Hier endet das erste Kapitel aus Milos geplantem Kriegsroman. Am Stundenende faltet er das Blatt und steckt es in einen passenden Briefumschlag, den er ebenfalls mitgebracht hat, und überreicht ihn Felix. Der öffnet den Umschlag, liest den Inhalt und gibt ihn verständnislos guckend mir. Felix kann damit nichts anfangen.

Kriegsspiele

Schüler haben vielleicht in bestimmten Fächer keine Lust auf Unterricht. Manche auch grundsätzlich nicht. Manche kommen erst gar nicht zur Schule. Aber eine Sache ist noch langweiliger, als der langweiligste Unterricht: Gar nichts zu tun. Wenn man sich mehrere Stunden am Tag in einem Klassenraum aufhält und dabei vollständig aus dem Geschehen ausklinkt, wird so ein Schultag schnarchlangweilig. Stunden um Stunden müssen daher mit anderen Dingen gefüllt werden, um sich Beschäftigung zu verschaffen.

Milo beteiligt sich nicht am Unterricht. Milo singt, malt, quietscht, brabbelt und blödelt sich der kleine Junge durch den Schulalltag. Wenn er nach mehreren Aufforderungen doch beginnt, eine Aufgabe auszuführen, dann nach seinen Vorstellungen und Regeln. Das endet meist damit, dass er sie nur teilweise erledigt, aber gegenüber mir und meinen Kollegen darauf besteht, ein angemessenes Ergebnis zu haben.

In Milos vielseitigen Nebenbeschäftigungen hat sich inzwischen eine thematische Konstante herausgebildet: Panzer, Kanonen, Soldaten. Milo spielt Krieg im Klassenraum. Dabei hat er keine Spielzeugpistolen oder -Gewehre dabei, aber ein Lineal oder ein Schulbuch tun es auch. Dann sitz er auf seinem Stuhl, nimmt eines von beiden längs in seine Hände, hält sie in den Raum und spielt Gewehr. „Pfft! Pfft! Piuu! Peng! Pfft!“ Milo unterlegt sein Spiel lautmalerisch. Da er für sich alleine spielt, übernimmt er den Part seiner Opfer gleich mit. Er spielt die von seinen Kugeln getroffenen Gegner, fasst sich im Todeskampf an den Hals – „Arrggh!“ – und kippt wie tot unter den Tisch. Dort verweilt er dann, während der Unterricht voranschreitet. Aber die Feinde sind besiegt.

Später am Tag geht das Spiel bei einer Kollegin weiter, schließlich ist ein Soldat mit mehr als einem Gewehr ausgestattet. Milo hat eine Thermoskanne dabei, er nimmt sie, wirft sie – Achtung, Granate! – in seiner Fantasie explodiert sie und wieder liegt er tot unter dem Tisch. Oder hat sich dort in seinem Schützengraben verschanzt. Die Feinde sind ein weiteres Mal besiegt. Ausgeräuchert, alle miteinander.

Regression

Auf sämtlichen Unterricht an einer Regelschule treffen ein paar Eckpunkte zu, die stets gleich sind: Schüler und Lehrer betreten den Raum, es gibt eine Begrüßung, es kommt mehr oder weniger zu Unterricht, mit dem alle Beteiligten mehr oder weniger zufrieden sind, der Unterricht endet zur Freude oder zum Missfallen der Beteiligten irgendwan, man verabschiedet sich. In der nächsten Stunde beginnt das Spiel von vorne.

Das ist auch in meinem Unterricht grundsätzlich nicht anders, manchmal aber schon. Die Stunde beginnt, ich betrete meine Klasse, die meisten Schüler befinden sich an ihrem Platz, der ein oder andere fehlt. Wir begrüßen uns und gerade will ich mit dem Stundenthema anfangen, da geht wie von Geisterhand die Tür des Klassenschranks auf. Milo kommt zum Vorschein. Er ist klein genug, um in ein Schrankfach zu passen und er prustet vor Lachen. Das kann er nicht immer machen, denn in der Regel ist der Klassenschrank abgeschlossen. Dann versteckt sich Milo ab und an hinter der Gardine. Natürlich sieht man seine Füße, aber er wartet, bis er aufgefordert wird, sich an seinen Platz zu begeben. Ich mache dieses Spiel seit geraumer Zeit nicht mehr mit, also steht er eine Viertelstunde hinter dem Vorhang, bis es ihm schließlich zu langweilig wird und er zu seinem Platz trottet. Dann schlurft er laut und zieht so doch wieder Aufmerksamkeit auf sich, einige Mitschüler sind genervt.

Auch das tut er nicht jede Stunde. Meistens geht er mit seinen Klassenkameraden zusammen in den Raum und zu seinem Tisch. Dabei nimmt er Anlauf, wirft sich auf den Boden und schlittert über selbigen zum Ziel. Bei anstehenden Klassenarbeiten kommt eine auf diese Situation abgestimmte Ausbaustufe zum Einsatz, sein Auftritt wird dann von einem langgezogenen und theatralisch vorgebrachten „NEEIIIN!!“ oder „OH MEEIIIN GOOOTT!!“ begleitet. Sein Unterrichtsmaterial holt er oft als letzter hervor, regelmäßig wird zuerst ein Spielzeug hervorgeholt.

Meine Klasse hat mir in sozialer Hinsicht schon mehrfach Kummer bereitet, aber auf eine Sache ist Verlass: In den ersten beiden Stunden läuft der Unterricht wie am Schnürchen. Vielleicht sind die Kinder noch zu müde zum Reden, Beleidigen, sich gegenseitig Fertigmachen, sich über andere Erheben. Jedenfalls arbeiten sie hervorragend mit, die Stunden bringen tolle Ergebnisse.

Milo arbeitet nicht mit. Er liest im Schulbuch oder Heften, die er sich von zu Hause mitgebracht hat. Er zerschneidet Tintenpatronen, produziert Tintenseen auf seinem Tisch, die er dann wegwischen muss. Er nimmt ein Blatt Papier und malt ein Gewehr oder einen Panzer. Je ruhiger und konzentrierter seine Mitschüler arbeiten, desto geräuschvoller tut er das. Immer heftiger klappert er mit dem Bleistift auf dem Blatt. Solange bis man ihn auffordert, das zu unterlassen oder den Stift wegnimmt und erste Mitschüler wieder genervt reagieren. Ab und an dreht er sich zu einem Jungen hinter ihm und oder einfach allgemein zur Klasse. Dann lautmalert er los: „Dadadadadadada!“ Milo singt gerne.

Aufmerksamkeit!

„Herr Alltagsarbeiter, ich freue mich schon voll auf morgen!“ Sabine hat sich während der Pausenaufsicht an mich dran ehängt. „Was kochen wir nochmal?“, „Ich hab‘ das von letzter Woche zu Hause auch gekocht. Ich hab‘ dann aber Schinkenwürfel statt Oliven genommen.“, „Treffen wir uns dann an der Küche?“, „Das wird bestimmt voll gut.“

Sabine blubbert wie ein Wasserfall und dafür ist mein Kochkurs ein jederzeit willkommener Anlass. Sabine sucht augenscheinlich Aufmerksamkeit bei uns Lehrern. Sabine fällt auf. Ihre Kleidung wirkt nicht immer passend zu ihrer Körpergröße, regelmäßig ist sie etwas zu weit oder zu kurz. Auch ihre langen Haare sind nicht immer gepflegt, insbesondere im letzten Schuljahr standen sie machmal schon morgens struppig vom Kopf ab. Der Eindruck, den sie bei mir hinterlässt, ist für mich schwer zu fassen. Sie wirkt irgendwie grau auf mich.

„Herr Alltagsarbeiter, ich muss erstmal meine Hände waschen.“ Es ist einen Tag später, wir befinden uns im Unterricht, Sabine geht zum Waschbecken, wäscht ihre Hände. „Die Hände sind jetzt ganz nass.“, stellt das Mädchen fest, „Ich brauche ein Handtuch. Jetzt sind sie wieder trocken.“

Sabine beteiligt sich meistens eifrig am Kochen, findet aber auch dabei genug Zeit, mich Feststellungen und Fragen zu löchern. „Gucken Sie mal Herr Alltagsarbeiter, ich habe die Paprika entkernt. Gucken Sie mal, das ist das ganze Kerngehäuse. Herr Alltagsarbeiter, wie schnell können Sie eine Paprika entkernen?“ Ich möchte keinen Entkernungswettbewerb antreten, sondern dass Sabine sich jetzt weiter in ihrer Kochgruppe beteiligt. Heute entsteht ein Chili. Das Gericht ist Sabines Gruppe gut gelungen, doch wenig später kommt jemand auf die Idee, es noch etwas nachzuschärfen. Es ist nach wie vor essbar, wenn auch nun sehr scharf.

„Herr Alltagsarbeiter, probieren Sie mal unser Chili! So ein scharfes Chili haben Sie bestimmt noch nie gegessen!“, setzt Sabine an. „Das ist ganz schön scharf, oder?“ Beim Aufräumen verfolgt Sabine mich durch die Schulküche, sie ist immer noch fasziniert vom Chili: „Aber das war auch ganz schön scharf.“

Kaum bin ich in der anschließenden Pause draußen, habe ich auch schon Sabine wieder im Schlepptau. Es geht um scharfes Chili. Und: „Aber das Rezept ist ja auch falsch. Da war zu wenig Salz dran.“ Ein neues Thema ist eröffnet.

Ich wende mich an ihren Klassenlehrer und frage ihn, ob Sabine zu Hause genug Aufmerksamkeit bekäme.

„Nein.“