Jugendamts-Blues

Kontakt mit dem Amt. Leider erfolglos.

Jana.

Das Mädchen, das zwar auf meiner Klassenliste steht, aber nicht zur Schule kommt. Seit Jahren. Das muss einen Grund haben, doch alle Fragen zu ihr sind unbeantwortet. Die Eltern geben sich hilflos und (so weit ich das beurteilen kann) belassen es auch dabei.

„Jaja, ohne Abschluss bekommt man heute keine Ausbildung mehr.“, hatte mir ihr Vater einst treuherzig zugestimmt, ohne dass sich etwas änderte.

Einzig: Sie finden irgendwann in Alltagsstadt einen Doc Holiday, der ihr Kind jede Woche aufs Neue krankschreibt. Doch auch der stellt nach einigen Monaten die Arbeit ein. So muss ich nicht den Amtsarzt bemühen, um Doc Holiday auszuhebeln.

Ansonsten mache ich jede Woche eine kurze Meldung ans Ordnungsmt und das kümmert sich dann um den Rest. Damit ist dem Gesetz genüge getan. Dem Kind natürlich nicht.

Wer nicht zur Schule geht, macht folglich auch keinen Abschluss. Die Chancen auf einen Ausbildungsplatz oder überhaupt irgendeinen Beruf sind mit Fähigkeiten auf frühem Grundschulniveau nahe null. Ein Leben in Hartz IV und Unzufriedenheit ist geradezu zwingend vorprogrammiert. Menschen, die lange Zeit in Erwerbslosigkeit (bzw. ohne sinnstiftende Tätigkeit) verbringen, leben mit einem erhöhten Risiko für Krankheiten und soziale Isolation. Ihre Lebenserwartung liegt unter dem Bevölkerungsdurchschnitt, ihre Anfälligkeit für Depressionen weit darüber. Und da Jana sich schon in jungen Jahren aus sämtlichen sozialen Kontakten zurückgezogen hat, scheint sie mir prädestiniert dafür zu sein. Dabei reagierte meine Klasse (mit dem Ruf als unzähmbare Chaotentruppe) lange nachsichtig und entgegenkommend.

Neue Schüler kommen in die Klasse, andere ziehen weg, ohne ihre Mitschülerin jemals kennengelernt zu haben. Auch die neuen Fachlehrer wissen nur dank der Klassenliste von Jana.

„Die ist noch in den Herbstferien!“, verkündet die Klasse ihnen frech.

„Ich hab‘ sie gestern wieder bei KFC gesehen!“, weiß Ismael zu berichten.

Da Janas Eltern in Sachen Schulverweigerung nicht aktiv werden, übernehme ich das für sie und stelle wiederholt Anzeige wegen Kindewohlgefährdung. Ich erkläre dem Jugendamt, dass mit jedem weiteren Fehltag eine Reintegration in die Klasse schwieriger werde und folglich Janas Hemmungen, überhaupt zu kommen ebenfalls stiegen. Ein Teufelskreislauf. Auftritt des Jugendamtes:

Ich solle mich mal nicht so aufregen, bekomme ich zu hören. Jana brauche viel Unterstützung von Lehrern, insbesondere sei es meine Pflicht sie zu integrieren. Für meine Anzeige bestehe kein Grund. So (wenn auch ausführlicher, das hat dann aber hier nichts mehr zu suchen) verkündet es mir der Sachbearbeiter und staatliche Hüter des Kindeswohles.

Sie ist nicht integriert. Nein, wirklich! Das Konzept der Fernintegration wäre mir allerdings auch neu gewesen.

Ich soll Jana unterstützen, im Unterricht mitzuarbeiten. Na fein, aber mein Unterricht findet in einer Schule statt, sprich dem Gebäude, um dass sie eisern einen großen Bogen macht.

„Da kommt die monatelang nicht zur Schule und dann verlangt dass Amt, dass ich mich mit ihr hinsetze und den Stoff von vor zwei Jahren mache?“, regt sich der Englischarbeiter auf. Der Mathematikkollege stößt ins selbe Horn. Sie werden nicht in diese Verlegenheit kommen, denn auch sie halten ihre Stunden im Schulhaus.

Übrigens erkennt das Jugendamt an, dass Janas Schulbesuch wichtig ist. Puh, da sind wir uns gerade nochmal einig! Diesbezüglich etwas unternehmen möchte man denn aber lieber nicht. Ansonsten hofft der Amtskollege auf weiterhin gute Zusammenarbeit. Was an unserer Kommunikation gut ist, vermag ich nicht zu sagen.

„Och, das Amt. Mit denen habe ich schon vor 20 Jahren gekämpft, da wurde nichts gemacht.“, winkt eine erfahrene Kollegin ab. Ich werde mich scheinbar an solche Antworten vom Amt gewöhnen müssen. Dennoch muss ich zugeben: Ich ärgere mich nach dem Gespräch maßlos.

„Drecksverein!“, tippe ich aus Wut in den Computer und übersende das der Sekretariatsarbeiterin, die mir gerade eine Mail weitergeleitet hat. Als ob sie etwas daran ändern könnte. Der Schulleiter liest mit. Upsi.

Eines steht für mich fest: Einen besseren Verbündeten als dieses Amt kann sich die Familie nicht wünschen.

Deutlichere Worte findet eine Kollegin: „Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn man tote Babys in den Wohnungen findet.“

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2 Gedanken zu “Jugendamts-Blues

  1. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben – aber ich konnte auch nicht herausfinden, was dahinter steckt. Weder bei dem Mädchen noch bei den Eltern.
    Das Amt hofft übrigens auf weitere „gute Zusammenarbeit“.

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  2. Und ich frage mich beim Lesen des Posts mal wieder, wie die Eltern in diese Rolle der Nicht-Haltung und Nicht-Autorität gegenüber der Tochter – oder gegenüber dem Leben – geraten sind.
    Aber das Amt ist ja wohl die Höhe!

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