Familienzuwachs

Nachwuchs macht Freude. So sollte es zumindest sein. Oder er kommt so regelmäßig, dass es sogar den schon vorhandenen Kindern auffällt.

„Herr Alltagsarbeiter, meine Mama hat schon wieder… ähm, hat ein neues Kind bekommen!“, verkündet Jerome mir beim Ausflug. „Ich habe es gestern den ganzen Tag auf dem Arm gehabt.“
„Hast du denn jetzt einen neuen Bruder oder eine neue Schwester?“, frage ich nach.

„Einen Bruder! Es hat den ganzen Tag Hunger und ich habe die Flasche gehalten.“

„Und wie heißt dein Bruder?“

„Ähm, Jason-Jere…Jeremy, glaube ich. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich habe es den ganzen Tag herumgetragen.“

„Schon wieder ein Kind.“ – Die Formulierung bleibt bei mir hängen. Jerome hat in der Tat viele Geschwister.

„Ist dir das aufgefallen?, ergänzt die Kollegin, die mich begleitet, „Er redet immer nur von ‚es‘. Er sagt nie ‚mein Bruder‘ oder benutzt seinen Namen.“ Den er augenscheinlich auch nur ansatzweise kennt. Jerome baut Distanz auf. Ich glaube, dass er zu Hause seine Bedürfnisse wieder weit hinten anstellen muss – so wie eigentlich immer, seit dem ich ihn kenne.

Abseits von diesem irritierenden (Jerome verkündet auch schlechte Nachrichten oder bedrückende Zusammenhänge mit fröhlicher Stimme) wie erhellenden Gespräch ist die Stimmung beim Ausflug gut.

Einen Tag später schlägt Jerome in der Pause zu. Dazu reichen ein verlorenes Pausenspiel und eine (wenn auch schnippisch gestellte) Nachfrage von Mitschülern, was denn „nun schon wieder“ los sei. Sein letzter Gewaltausbruch ist noch gar nicht lange her. Verdammt. Der Inhalt der daraus folgenden Disziplinarkonferenz ist wie bei jeder schulischen Konferenz geheim und hat hier nichts zu suchen. Viel interessanter ist auch das Drumherum.

Jeromes Geschwisterchen, das beim vergangenen Treffen noch beinahe in unseren Gemäuern geboren worden wäre, ist wie eingangs berichtet auf der Welt. Auch der Lebensgefährte der Mutter hat es zu uns geschafft. Und das trotzdem er seiner Geliebten mit der Trennung gedroht hatte, sollte sie es wagen, das Kind zu früh zu gebären. Beide riechen nach Rauch. Gesundheitlich sind das kaum optimale Bedingungen für den Start ins Leben. Mutter und Vater spielen vor dem Termin in einer Tour an dem Baby herum. So bleibt ihnen keine Zeit, sich mit Jeromes weiteren Geschwistern – oder Jerome selbst –  zu beschäftigen, die sie mitgebracht und vor der Tür geparkt haben. Auch wir werden vorerst geflissentlich ignoriert. Wie auf einer Insel stehen die beiden Eltern da, die Umwelt scheint für sie nicht zu existieren. Ein Kollege kommt vorbei und bietet an, den Kinderwagen per Aufzug hinterherzuholen. Er erntet ein undefinierbares Grunzen als Antwort. Der Kollege fragt noch einmal nach. Grunzen. Weiterspielen am Baby.

Ich sehe die anderen kleinen Mäuse friedlich auf dem Flur sitzen und kurz geht es mir durch den Kopf: So liebe Kollegen, jetzt nimmt jeder von uns eines der Kinder mit und dann wird alles gut. Ganz bestimmt.

Wenn es doch nur so einfach wäre.

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2 Gedanken zu “Familienzuwachs

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