Selbstverletzung

Die Mitschüler in Sorge, ein Ansprechpartner nur schwer aufzutreiben: Die Narben sind zuerst  fein, später deutlich sichtbar. Das Kind weiß kaum, ob es gerade noch von dieser Welt ist.

„Jasmin sagt ihre mutter kümert sich nicht. von Xea“, hat die Schülerin der Klassenlehrerin auf einen Schnipsel geschrieben, den sie aus ihrem Block gerissen hat.

Ich erinnere mich an Jasmin noch gut, schließlich ging sie mal in meine Klasse. Am Einschulungstag stand ein kleines, schmales Mädchen vor mir, die Motorik kaum unter Kontrolle, die Aussprache verwaschen, aber nach der dritten Nachfrage kam ich meistens darauf, was sie gerade von mir wollte.

Bei ihr waren verschiedene Leistungsstörungen diagnostiziert worden, ADHS inklusive. Jasmin war (und ist) ein hochgradig unsicheres Mädchen, bis obenhin mit Medikamenten vollgepumpt und guckte folglich wie ein Gespenst aus der Wäsche. Wenn ich sie während der Unterrichtsaufgaben ansprach, zuckte sie jedesmal zusammen. Ich habe sie genau einmal lächeln gesehen.

Es dauerte etwas, doch mit der Zeit fand sie sich in meinem Unterricht zurecht, traute sich, etwas zu sagen und eigene Ideen anzubringen. Dabei zeigte sich, dass Jasmin gerade dann auftrumpfen konnte, wenn Fantasie oder begründete eigene Ideen gefordert waren. Beeindrucken ließ sie sich davon nicht: Wenn sie in einer Aufgabe nicht voran kam, war der Fall für sie klar: Sie konnte es einfach nicht. Lob für ihre Ideen, die unsere Unterrichtsgespräche weiter brachten, ließ sie im Gegenzug kalt. Das ist ein verbreiteter Mechanismus, der bei vielen Schülern, die an sich selbst zweifeln, zu beobachten ist: Alles Schlechte kommt aus einem selbst, das Gute ist nur ein bedeutungsloser Zufall oder etwas, das einem von außen eingeredet wird und gar nicht wahr sein kann.

Jasmins Mutter, die sich laut Xea nicht um ihre Tochter kümmern soll, habe ich ebenfalls kennengelernt. Sie kam zum Elternabend, auch zum ersten Elternsprechtag und als Jasmin mit dem hibbeligen Timur, der jedem einen Spruch reindrückte, den er für schwächer hielt, aneinander geriet, kam sie mit in die Schule. Jasmin hatte sich in ihrer grenzenlosen Unsicherheit nicht getraut, mich anzusprechen, also erklärte mir ihre Mutter das Problem, so dass ich reagieren konnte. Auch bezüglich der Leistungsstörungen kam die Frau zum  Gespräch und in diesem Zuge erfuhren wir mehr über Jasmins Kindheit und konnten unsere Beobachtungen besser einordnen.

Sie wirkte stellenweise selbst etwas verplant, aber keinesfalls unwillig auf mich, ihrem Kind zu helfen. Was ist passiert, dass Xea ihrer Klassenlehrerin einen Hilferuf über Jasmin schreibt? Ich weiß es nicht wirklich, deswegen klammere ich diese Frage aus, aber die ersten Anzeichen bekomme ich in der Schule mit.

Auch zum zweiten Elternabend meldeten die Eltern sich an, erschienen aber nicht. Später kam der Frühling, die Temperaturen stiegen, die Klamotten der Mädchen schrumpfen dann analog dazu. Man zeigt Bauchnabel und auch das neueste Piercing oder in Jasmins Fall zahlreiche Narben von Selbstverletzungen. Den Mitschülern blieb das nicht verborgen („Warum macht man das?“), sie kümmerte das nicht. Als Hilfsmittel diente und dient alles, was so da ist – ein spitzer Bleistift, ein Messer, Stacheldrahtzaun.

Mit dem neuen Schuljahr besucht Jasmin eine neue Klasse, die ich zwischenzeitlich in Vertretung unterrichte. Sie sieht noch bleicher aus, ist noch schreckhafter, als ich sie ohnehin schon kannte, ihre Selbstverletzungen halten an. Jamin hat weiterhin keine Scheu, das öffentlich zu zeigen.

Und eines Tages bricht das Mädchen in der Schule einfach zusammen. Ich erfahre später, dass es ein eiskalter Auftritt gewesen sein soll. Das Kind nerve, ständig sei irgendwas, bekommt der anwesende Kollege mitgeteilt und beinahe hätte die Frau ihr völlig entkräftetes Kind nicht mitgenommen. Kein Bock. Das passt ins Bild, denn für schulische Belange ist die Frau schon seit geraumer Zeit kaum ansprechbar. In der Klasse herrscht nacktes Entsetzen und Xea greift zu Stift und Papier.

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4 Gedanken zu “Selbstverletzung

  1. Schwierig. Man kann natürlich die einen informieren, sofern die die Selbstverletzungen noch nicht mitbekommen haben. Da kann man dann Hilfestellen empfehlen. Im Zweifelsfall macht man dadurch aber alles nur noch schlimmer. Wenn du das Gefühl hast, dass die Ursachen in der aktuellen Familiensituation leben, kannst du dich ans Jugendamt wenden und hoffen, dass dort jemand aktiv wird. Wenn das z.B. Folgen eines (früheren) sexuellen Missbrauchs (in der Familie) sind, dann bist du endgültig nur noch Zuschauer.

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