Frühgeburt

Neues Schuljahr, alte Sorgen. Wo es schon im vergangenen Jahr hakte, kämpfen wir auch im neuen Jahrgang weiter. Ob Versorgung, Pflege, Kleidung oder Schulmaterial – manches diskutiert man regelmäßig aufs Neue aus.

Moment mal, schreibt der Alltagsarbeiter im Dezember ernsthaft vom „neuen Schuljahr“? Neu ist am Jahr natürlich gar nichts mehr, die Herbstferien sind längst durch und Weihnachten rückt unaufhaltsam näher. Das ändert nichts daran, dass Jerome dieses Jahr immer noch nicht vollständig im Unterricht angekommen ist. Er ist dafür schlicht nicht ausgestattet. Also für die meisten Fächer schon, aber nicht für alle.

Wie in den meisten anderen Bundesländern und Schulen auch, kann man bei uns die Schulbücher über die Schule ausleihen. Zu Beginn des Schuljahres gibt es dann einen großen Stapel, der am Ende wieder zurückgegeben wird. Das kostet eine Gebühr, deren Höhe sich nach der Anzahl der schulpflichtigen Kinder eines Haushaltes richtet. Das ist für finanzschwache Familien eine alljährliche Belastung und soweit ich informiert bin, ist im Rahmen der ALG II-Leistungen dafür auch keine Erstattung vorgesehen. Wer mehr weiß – ich nehme Berichtigungen dankbar an.

Im Umgang mit Jeromes Familie ist alles, was mit Geld zu tun hat, schwierig. Ob Kopiergeld, Ausflugskosten, Projekte, neue Hefte oder Zirkel – es wird grundsätzlich erst einmal nichts bezahlt bzw. angeschafft. Wann immer die Schule Geld einsammelt, ruft die weltbeste Schulsekretärin an und überzeugt Jeromes Mutter, selbiges einzuzahlen. Mit unerschütterlicher Beharrlichkeit kämpft sie sich durch das Dickicht von Nebelkerzen: Nie kommen die schulischen Mitteilungen und Briefe an , das Amt hat nicht gezahlt, der Unterhalt fehlt, ob sie nicht irgendwann später zahlen könne, bald, ganz bestimmt.

So wurden auch die Leihgebühren für die neuen Schulbücher nicht gezahlt. Wir erleben das an der Schule regelmäßig und sind darauf eingestellt. Bisher wurde noch für jeden eine Lösung gefunden, etwa eine Ratenzahlung. Jeromes Familie hat das Problem diesmal selbst gelöst: Der Junge steht am ersten Schultag mit einer Tüte voll frischer Schulbücher im Klassenraum.

„Meine Mama ist jetzt ein bisschen Pleite wegen den Büchern.“, verkündet er dazu. Man hat sie fast alle selbst für rund 250€ angeschafft. Genau, fast alle.

Die Mathematiksachen fehlen in der Sammlung. Kein Buch, kein Arbeitsheft, kein Schulheft, kein Zirkel, kein Geodreieck, kein Radiergummi. Im Gegenzug besitzt er dafür jetzt ein Französischbuch, das er gar nicht braucht, da er das freiwillige Zusatzfach nicht belegt. So sitzt er in den ersten Stunden hilflos da. Und in den Stunden danach. Mitschüler borgen ihm etwas, wenn sie es gerade selbst nicht brauchen. Ein Mathebuch und das Arbeitsheft können aber auch sie nicht herbeizaubern. Meine Bitte in Richtung seiner Mutter, sie möge sich doch mit der Schulverwaltung in Verbindung setzen, man könne sicher auch nachträglich ein einzelnes Buch ausleihen, verhallt. Schriftliche Mitteilungen der Mathematikarbeiterin werden nicht unterschrieben. Auf eine spätere Nachfrage hin gibt sich die Mutter unwissend. Sie habe nicht einen einzigen Brief erhalten. Ein Ausflucht, den ich bereits aus früheren Gesprächen kenne. Auf wundersame Weise kommt unangenehme Post nie in ihrem Briefkasten an.

An Jeromes mangelnder Unterrichtsausstattung ändert sich indes auch nach zwei Monaten nichts. Ein ein langweilendes und frustrierendes Erlebnis für ihn, dem er mal mit fröhlichen Nebengesprächen, aber zunehmend mit finsterer Miene und Laune begegnet, die sich auch in andere Stunden hineinzieht. Ein falscher Blick, eine Frage, die ihm gerade nicht passt – sei sie noch so harmlos – und er verschränkt die Arme, verhärtet das Gesicht und weigert sich, mit mir oder meinen Kollegen zu sprechen.

Ich hatte in der Vergangenheit deswegen schon einmal Kontakt mit dem Jugendamt aufgenommen, doch das sieht nach über zwei Jahren Mangelaustattung, Mangelversorgung und Mangelhygiene nun wirklich keinen akuten Handlungsbedarf. Weitere Druckmittel habe ich nicht. Ich lade mit der Mathematikarbeiterin und weiteren Kollegen zu einem letzten Gespräch, dazu habe ich einen Brief verschickt.

Derweil meldet sich Jeromes leiblicher und von ihm getrennt lebender Vater bei der Schule. Er habe mitbekommen, dass seinem Sohn einige Schulsachen fehlten und möchte diese für ihn anschaffen. Wenige Tage später finde ich in meinem Fach im Lehrerzimmer eine Tüte mit allem, was Jerome für den Mathematikunterricht benötigt.

Meine schriftliche Gesprächseinladung hat es wie durch ein Wunder in den richtigen Briefkasten geschafft, Jeromes Mutter erscheint samt Jerome und ihrem Lebensgefährten. Der Inhalt des Gesprächs ist hier nicht weiter wichtig, im Prinzip höre ich nur weitere Ausflüchte und durchsichtige Lügen. Als wir fertig sind spricht mich der Lebensgefährte vor der Tür noch einmal an.

„Der Jerome hat plötzlich ein Mathebuch mit nach Hause gebracht, wo kommt das denn her?“

„Wie ich bereits im Gespräch geschildert habe, hat sich Jeromes leiblicher Vater bei mir gemeldet und sich bereit erklärt, das fehlende Material zu kaufen. Dann habe ich ihm die Bestellnummern gegeben und er hat die Sachen gekauft.“

„Und warum erfahren wir davon nichts? Wir sind extra mit Jerome in die Stadt gegangen und haben das alles bestellt. Das ist jetzt alles umsonst.“

Alles bestellt? Nach über zwei Monaten? Was für ein Teufelskerl! Da haben er und seine Angetraute sich ja richtig Mühe um den Jungen gegeben… Diesen Sarkasmus spare ich mir allerdings, Beschimpfungen bringen hier niemanden weiter. Ich merke an, dass der Zeitpunkt reichlich spät gewählt ist, dass Jerome bereits eine Arbeit schreiben musste, ohne vorher adäquat am Unterricht teilnehmen zu können. Der Lebensgefährte wiederholt die Leier von der Bestellung, die ich ihm nicht glaube, und hat ansonsten nichts zu sagen.

Einige Meter weiter unterhält sich eine Kollegin mit Jerome und dessen Mutter. Die Frau streicht sich über den hochschwangeren Bauch, stützt sich mit der Hand den Rücken.

„Oh nein ! Ich glaube, das Kind kommt! Hoffentlich wird es kein Frühchen! Bitte kein Frühchen! Nicht wie bei meinem Partner, der hat gerade ein Frühchen mit seiner Ex bekommen! Wenn ich ein Frühchen bekomme, verlässt er mich!“

Ihr Wunsch wird erhört, denn die Geburt vollzieht sich dann doch nicht in den Gängen des Schulgebäudes. Wie gesagt, Sarkasmus und Beschimpfungen bringen kein Gespräch voran und schäumt der Ärger angesichts des leidenden Kindes noch so sehr in mir. Den Wutanfall halte ich noch zurück, bis die Tür des Lehrerzimmers hinter mir zufällt.

Einige Wochen später lasse ich für den Deutschunterricht einen Jugendroman anschaffen. Jerome sitzt zum Stichtag ohne Buch da. Er ist damit nicht allein, Anschaffungs- oder Zahlungsfristen sind wie erwähnt bei manchen so eine Sache. Doch nach zwei Wochen ist er der Einzige, der den Roman nicht besitzt. Und so wird es bleiben.

♦♦♦

(Genau genommen ist Jerome nicht der einzige, denn auch Jana besitzt das Buch nicht. Das liegt aber daran, dass sie kaum zur Schule kommt und deswegen viele Mitteilungen und Zusammenhänge nicht erfährt. Aber das ist eine andere und ewige Geschichte…)

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2 Gedanken zu “Frühgeburt

  1. Ganz ehrlich, das zu lesen tut mir so sehr weh. Ich habs nun wirklich nicht so mit Kindern, aber hier kam mir spontan der Gedanke „Gäbe es für so etwas ein Patenschaftsprogramm, ich wäre dabei.“ Damit solche Kinder wenigstens von irgendeiner Seite erfahren dürfen, dass jemandem was an ihnen und ihrer Schulgeschichte liegt …
    Nachdenklichen Gruß
    AnnJ

    Gefällt 1 Person

    • Ja, so ein Programm lief mir auch schon mal durch den Kopf – irgendwem sollten diese Kinder doch wichtig sein! Am besten gleich ab dem ersten Kindergartenjahr, denn der Junge hier ist inzwischen in einem Alter, in dem er die „alles scheißegal“-Tour fährt.

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