Mädchenarbeit

Der Kochunterricht ist bei den meisten Schülern beliebt. Kein theoretischer Unterricht mit Buchaufgaben und drögen Arbeitsblättern, stattdessen Bewegung, praktische Arbeit und am Ende ein Ergebnis, das einigen sogar schmeckt. Wie gesagt, meistens ist der Kochunterricht beliebt.

Bis 20 Minuten vor Schluss trifft das auch auf die heutige Praxisstunde zu. Das von eigener Hand zubereitete Essen ist längst verzehrt und die meisten Schüler machen sich an den Abwasch. Nur eine Kochstation wartet mutterseelenallein vor sich hin. Auf ihr thront ein Stapel aus Geschirr und Kochtöpfen, doch weit und breit ist kein Schüler zu sehen, der sie von ihrer Last befreien will. Nadir und Rhami scheinen sich in irgendwelchen Ecken herumzudrücken, in denen ich sie nicht auf den ersten Blick finden kann. Dafür läuft mir Jorik bei bester Laune über den Weg. Die verdreckte Kochstation, seine Kochstation, kümmert ihn nicht. Ich weise ihn darauf hin.

„Das können Nadir und Rhami machen!“, verkündet er und dreht sich gleich wieder weg, sein angeregtes Gespräch ist wichtig. Ich spreche ihn erneut an, erinnere ihn daran, dass der Abwasch auch zu den Aufgaben der Kochgruppen gehört und sichere ihm zu, dass ich die beiden fehlenden Jungs, die ich inzwischen entdeckt habe, heranhole.

„Nöö, ich habe mich schon die ganze Zeit um den Ofen gekümmert!“ Was konkret heißt, dass er drei Brötchen 10 Minuten lang beim Warmwerden zugeguckt hat. „Die anderen können auch mal was machen!“ Er ist überzeugt, seine Pflicht getan zu haben.

„Die anderen“ flöten mir tagtäglich durch die Ohren. Wann immer etwas ist, es waren „die anderen“. Ich muss mich teilweise ganz schön zusammen nehmen, um nicht selber dünnhäutig zu reagieren, wenn gefühlt alle auf „die anderen“ zeigen, statt selbst Verantwortung zu übernehmen und sei es für einen Teller. Vorerst bleibe ich ruhig, spreche Jorik ein weiteres Mal an. Das ist gar nicht so leicht, denn eigentlich ist er nicht bereit, seine Unterhaltung für mich zu unterbrechen: „Warte, ich muss hier noch was bereden!“

Die Sache ist die: Jorik provoziert gerne und regelmäßig, diskutiert um jede bekannte Regel und Grenze. Manchmal glaube ich, geradezu die Lust in seinem Gesicht zu erkennen, wenn er wieder und wieder austestet, ob man ihm einen Regelverstoß durchgehen lässt. Gleichzeitig ist er schnell gereizt und laut. In weiten Teilen hat er sein Verhalten nicht unter Kontrolle, dieser Teil seines Hirns ist seit Geburt außer Kraft. Eigentlich seit der Schwangerschaft, als seine Mutter trotz Kind im Bauch weiter Drogen nahm. Ein Verfahren, das sie schon bei seiner älteren Schwester „erprobt“ hatte. Vom Vater keine Spur. Und eigentlich ist Jorik ein intelligenter Junge, der differenzierte Überlegungen anstellen kann, wenn er sich darauf einlässt. Und eigentlich kann er auch Humor zeigen, wenn er sein Gegenüber nicht gerade als Provokationsobjekt begreift. Seiner älteren Schwester geht es kaum besser. Sie will sich gerne am Unterricht beteiligen, zeigen, dass sie etwas kann. Doch allzu oft verschwinden ihre gerade noch vorhandenen Gedanken in einem schwarzen Loch, dass Teile ihres Kopfes beherrscht. Sie kann die Ideen und Ergebnisse nicht behalten.

Zurück in die Kochstunde. Ich habe Jorik inzwischen am Wickel, zeige ihm die anderen Stationen, an denen seine Mitschüler abwaschen, obwohl sie sich ebenso wie er um den Ofen, den Herd, die gedeckten Tische gekümmert haben. Das beeindruckt ihn nicht.

„Das sind ja auch Mädchen!“

Solche Weltanschauungen haben in meinem Unterricht keinen Platz, auch wenn ich derartige Sprüche gelegentlich thematisiere. Wenn Mädchen nämlich kochen und abwaschen können und (einige) Jungen nur kochen, können die Mädchen folglich mehr als die Jungen. Und das wollen die gerade noch großspurigen möchtegern-Männer nicht auf sich sitzen lassen. Mit solchen Ansichten kann man mich allerdings auch zur Weißglut treiben. Und das heißt in dieser Situation: Ob geplant oder ungeplant, Jorik hat mich dran bekommen. Ich werde nämlich ärgerlich und damit laut:

„Entweder du nimmst dir wie deine Mitschüler ein Handtuch in die Hand und kümmerst dich mit deiner Gruppe um die Station oder du kannst gleich rausgehen. Dann findet die nächste Kochstunde ohne dich statt!“

Es passiert, was passieren muss. Jorik knallt ein Geschirrtuch auf den Boden, brüllt los:  „Dann geh ich halt raus, ist eh scheiße, dieses scheiß Kochen hier!“

Ein totaler Fehlgriff von mir. Komplett dämlich. und ich hätte es besser wissen müssen. Wie hätte dieser Junge sonst reagieren sollen, als ich ihn angeschnauzt habe? Artig das Tuch in die Hand nehmen und anstandslos Teller und Töpfe abtrocknen? Ja, wenn Herr Alltagsarbeiter schon so böse ist, dann gehorche ich doch lieber mal! Sicher nicht. Bisher war das Verhältnis zwischen Jorik und mir halbwegs friedlich, auch wenn er in den letzten Wochen deutlich abgelenkter und abweisender wurde. Nach diesem Zusammenstoß ist der Bruch komplett.

Zur nächsten Stunde kommt er zu spät, was er mit demonstrativer Leichtigkeit nimmt und er setzt in seiner Begrüßung gleich nach: „Yo, moin!“, winkt er mir zu. Eine Entschuldigung, eine Erklärung für die Verspätung? Nicht nötig. Jorik setzt sich, die Schulsachen bleiben eingepackt, dafür holt er sein Handy raus und fängt an, damit unter dem Tisch zu spielen. Ich nehme ihm das Gerät ab, sofort beschwert er sich: „Ey, die anderen zocken auch ständig Handy! Aber nein, gibt natürlich nur wieder bei mir Mecker! Is‘ ja klar! Immer nur ich! Geben Sie das wieder, das ist mein Eigentum!“

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2 Gedanken zu “Mädchenarbeit

  1. Hm, du bist auch nur ein Mensch… mein Großer ist eigentlich ein lieber und zuverlässiger, aber auch er legt manchmal so eine Attitüde an den Tag… und Du kannst nicht die grundlegenden Fehler der Eltern ausbügeln. Wie reagieren denn bei solchen Ereignissen die anderen Schüler der Klasse?

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