Schuljahresendspurt II

Die Mitschüler sind störende Behinderte, die Abwesenheit beim Elternabend ein Zeichen des Protests und schlechte Noten für Unterrichtsverweigerung kann nun wirklich niemand vorhersehen. Vor den Zeugnissen liegen manche Nerven blank.

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Die Fachkollegen meiner Klasse sind häufig selbst Klassenlehrer, so auch der Sportarbeiter. Er befindet sich in den Tagen vor den Sommerferien im Gespräch. welches just endet, als ich auf dem Rückweg vom Telefon (Plausch mit dem Jugendamt, weil Jana nicht zur Schule kommt) in das Lehrerzimmer bin. Die Gemüter sind erhitzt. Linus‘ Eltern sind gekommen, um ihren Unmut über die Arbeit des Sportarbeiters kundzutun. Sie wollen die ständigen Regelübertretungen ihres Sohnes nicht glauben und sehen in den vielen schulischen Mitteilungen eher den Beweis, dass man ihren Sohn niederreden und -schreiben wolle. Deswegen haben sie in der Vergangenheit bereits ein in ihrer Wahrnehmung deutliches Zeichen gesetzt:

„Ist ihnen was beim letzten Elternabend aufgefallen?“, wollen sie von ihm wissen. Die Antwort liefern sie gleich mit. Sie seien nicht dagewesen, um ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Nun ist ein Elternabend eine freiwillige Angelegenheit, wer nicht kommt, der kommt eben nicht. Nicht im Fall von Linus‘ Familie. Der Sportkollege habe selbstverständlich von ihrem Erscheinen ausgehen und daher ihre Abwesenheit als Signal verstehen müssen. Sie waren also zu Hause geblieben und hatten erwartet, dass er bei ihnen anrufen würde, um zu fragen, warum sie nicht gekommen seien. Dann hätten sie ihm erklärt, wie enttäuscht sie von ihm seien. Aber frevelhafter Weise hat er nicht angerufen und sie mussten ihre Enttäuschung über Monate bis zum heutigen Termin für sich behalten. Deswegen sind sie noch unzufriedener.

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Eine andere Kollegin wird in den Tagen vor den Zeugnissen von einem Vater ihrer Klasse auf dem Flur abgefangen, er will es mit einem Spontangespräch versuchen. Seine Tochter ist zwar auch  Schulleistungen aufgefallen: Eine Sportkollegin musste sie schon beim Hindernislauf draußen suchen gehen, das Mädchen war einfach verschwunden, um Pommes Frites zu kaufen. Dennoch hofft der Vater darauf, dass die Kollegin zwei Augen zu drücken könne. Nur dieses eine Mal, das Mädchen sei doch schon so groß. Meine Kollegin verhandelt ihre Noten nicht.

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Andreas‘ Mutter wiederum hat keinerlei Verständnis dafür, dass ihr Sohn überhaupt versetzungsgefährdet sein soll. Andreas nutzt jede Gelegenheit für Störungen und das Engagement dieses eigentlich gar nicht dummen Jungen liegt inzwischen auch in meinem Unterricht bei nahezu null. Dennoch sieht seine Mutter den Grund ganz woanders: Daran sei einzig und allein Eugen schuld, der ihren Sohn immer nur ablenke. Die beiden müssten auseinander gesetzt werden. Dass die Jungs tatsächlich so weit auseinander sitzen, wie es der Klassenraum nur zulässt, beeindruckt die Frau nicht. Andreas habe gefälligst versetzt zu werden, ansonsten komme sie mit einem Anwalt. Und was Eugen betrifft hat sie auch schon eine neue Forderung: „Ich will jetzt, dass dieser Behinderte aus der Klasse genommen wird!“

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Milos Eltern haben sich vorsorglich zum Gespräch angemeldet, dabei ist das letzte noch gar nicht so lange her. Unabhängig von meinem Unwillen besteht aber für Eltern ein Recht, sich erklären zu lassen, wie die Zeugnisnoten zu Stande gekommen sind. Ich lege den Termin direkt in den Anschluss der Zeugnisausgabe. Die Familie ist zunächst einverstanden, fragt aber kurze Zeit später an, ob man das Gespräch nicht um 20 Minuten nach hinten verlegen könne. Ich willige ein.

Am Tag der Zeugnisausgabe bin ich zum vereinbarten Zeitpunkt am Klassenraum – allein. Ich warte kurz und als niemand erscheint, schaue ich beim Sekretariat vorbei, vielleicht sind Milos Eltern dorthin gekommen? Auch dort finde ich sie nicht. Einige Zeit später laufen wir uns dann doch im Schulgebäude über den Weg. „Wir suchen Sie seit 20 Minuten!“, halten sie mir zur Begrüßung vor. Hatten die beiden ihren eigenen Wunsch nach einer neuen Uhrzeit vergessen?

Das Gespräch selbst bietet keine Überraschungen. Ich habe nicht Neues zu berichten und wiederhole das Bekannte: Milos Singen und Brabbeln, seine unablässigen Aktionen, den Unterricht zu verhindern und Aufmerksamkeit zu erzwingen, seine Kriegsspiele, seine generelle Arbeitsverweigerung. Im Sportunterricht, der eine vergleichsweise offene Situation darstellt, darf mein Kollege ihn keine Sekunde aus den Augen lassen. Ansonsten ist Milo hinter irgendwelchen Geräten verschwunden oder baumelt hoch oben an Seilen und Gerüsten. Beweglich ist er ohne Frage.

Die Reaktion seiner Eltern ist mir ebenso bekannt. Erstaunte Gesichter, gefolgt von strengen Blicken in Richtung ihres Sohnes, der zunehmend unruhig auf dem Stuhl hin- und herrutscht, die zweifelnde Nachfrage, ob es denn wirklich so schlimm sei, der anschließende Themenwechsel. Dazu tippt der Vater dem Finger auf das Zeugnis, das zwischen uns auf dem Tisch liegt. Er zeigt auf eine der vielen bescheidenen Noten, die dort eingetragen sind. Sie ist ihm nicht gut genug: „Also das kann ja so auch nicht sein.“ Seine Frau nickt. Hat das Ehepaar meine Ausführungen über Milos Unterrichtsverhalten innerhalb weniger Minuten bereits wieder vergessen? Mir ist aufgefallen, dass auch Milo Informationen innerhalb kürzester Zeit wieder entfallen. Wenn ich oder ein Mitschüler ihn daran erinnern, ist er ernsthaft überrascht…

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Es geht auch anders. In den letzten Wochen vor den großen Ferien spricht Niklas mich an, seine Mutter frage nach einem Gesprächstermin. Eigentlich gibt es zu Felix nicht viel zu sagen, er hat sich an unserer Schule gut entwickelt und wird am Letzten Schultag ein anständiges Zeugnis mit nach Hause bringen. Das ist seiner Mutter auch schon aufgefallen und ihre Freude darüber ist groß. Nur eine Sache beschäftigt sie. Ihr sei aufgefallen, dass die Rechtschreibung ihres Sohnes nicht sehr gut sei. Ein Arzt habe ihr gesagt, dass sei ganz bestimmt eine Lese- und Rechtschreibschwäche. Da könne man dann ein Attest bekommen und schon würde die Rechtschreibleistung nicht mehr gewertet.

Felix‘ Rechtschreibung ist in der Tat schwach, die Worte des erwähnten Arztes lassen mich indes nur den Kopf schütteln. Ein unterschriebenes Papier und schon ist eine Hürde aus dem Weg geräumt? Es handelt sich um eine glatte Falschberatung. Auch Felix‘ Mutter war angesichts der Art und Weise der Mitteilung stutzig geworden, außerdem sehe sie darin keine Hilfe. Es sei doch besser, wenn man dafür sorgen würde, dass die Rechtschreibung ihres Sohnes sich verbessere. Ob ich ihr etwas empfehlen könne? In so einem Fall sind mehrere Dinge möglich: Im Fall einer wirklichen Lese- und Rechtschreibschwäche bzw. einer isolierten Rechtschreibschwäche gibt es spezielle Trainingsansätze, die es den Betroffenen ermöglichen sollen, zumindest ein fehlerfreieres Schriftbild zu erlangen. Abgesehen davon, dass es sich um eine Therapie für Bedürftige handelt, ist das auch eine Kostenfrage.

In Felix‘ Fall bin ich jedoch skeptisch, was eine Schreibschwäche betrifft. Sein Fehlerbild ist zu regelmäßig, im Prinzip haben alle seine Rechtschreibfehler dieselben drei Ursachen. Seine Mutter fragt, ob es erst einmal reichen könne, dass sie mit ihrem Sohn zu Hause übe. Wenn das nicht helfe, könne man sich dann erneut melden? Ich schreibe ihr zwei Übungshefte auf. Und tatsächlich, je weiter die Zeit voran schreiten wird, desto mehr kann ich die Rechtschreiberfolge während des Unterrichts beobachten.

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