Schuljahresendspurt I

Die Zeit bis zum Schuljahresende scheint inzwischen dahinzurasen, die letzten Arbeiten sind geschrieben und benotet, die Zensuren ins Notenprogramm eingegeben, die Versetzungskonferenzen stehen vor der Tür.

In dieser Phase stehen viele Schüler unter Dampf, für manche geht es darum, ob sie noch die erhoffte Note erreicht haben, für nicht wenige um viel mehr: Ist die Versetzung ins nächste Schuljahr geschafft oder nicht? Eine Klasse wiederholen zu müssen, ist immer ein Erlebnis des Scheiterns, welches obendrein bedeutet, aus seiner vertrauten Klasse und Sozialgruppe herausgerissen zu werden. Ich habe in manchen Dokumentationen gelesen, dass Schüler bereits die erste Klasse erneut belegen mussten. Das Versagen als Einstieg in die Schullaufbahn, die in Deutschland mindestens zehn Jahre umfasst. Ein bitterer Start.

Die Beteiligten gehen mit der drohenden Nichtversetzung im speziellen und den Zeugnissen im Allgemeinen unterschiedlich um. Manche verstummen – hat sich eh alles nicht gelohnt – andere kommen nach den Versetzungswarnungen besonders selten zur Schule. So zum Beispiel Pavel, dessen Eltern nur Informationsschreiben der Schule unterzeichnen, nicht aber unangenehme Mitteilungen. Sein Fehlen decken sie konsequent. Ähnliches gilt für Jana, die seit Wochen keiner mehr gesehen hat. Wiederum andere drehen noch einmal so richtig auf. So zum Beispiel Manuel.

Bei Manuel hat sich das Sitzenbleiben schon früh angekündigt. Eigentlich bereits mit den ersten Klassenarbeiten des Schuljahres. Doch je lauter die Warnschüsse wurden, desto mehr flüchtete er sich in seine Traumwelt. In dieser Traumwelt ist er der Alleinunterhalter des Schulgebäudes, der Lustigste, der, der überall mitmischt. Alles ist eine lautstarke Bemerkung wert, sogar das Geschirrtuch im Hauswirtschaftsunterricht: „Ey, das sieht aus wie Frauen-String! FSK 12!“ Niemand lacht. Manuel macht unbeirrt weiter.

Zur nächsten Stunde habe ich während der Pause im Raum etwas vorbereitet, bin also folglich zum Klingeln bereits da und öffne die Tür von innen. Auftritt Manuel: „Häh? Was ist’n jetzt los? Warum sind sie schon da?“ Die Klasse strömt in den Raum, Manuel hält sich mit seiner scheinbar unlösbaren Verwirrung auf: „Aber Herr Alltagsarbeiter, warum sind sie schon da? WHAT’S GOING ON?“ Seine Englischlehrerin hätte sich gefreut, jemals einen so vollständigen englischen Satz von ihm zu hören.

Auch bei den Pausenaufsichten ist er bekannt, denn ob sie ihn unterrichten und damit kennen oder nicht, jeder bekommt seine absurden Geschichten zu hören. er berichtet von Einkäufen im Umfang mehrer tausend Euro, von den ständig wichtiger werdenden Jobs seines Vaters, den er zum Promi-Anwalt werden lässt. Tatsächlich ist sein Vater ein beschäftigter Mann. Beschäftigt damit, nach den Zensuren seines Sohnes zu fanden. Zu Hause habe er eine versteckte Sammlung Klassenarbeiten gefunden, berichtet mir Manuels Vater bei einer Begegnung. Ein großer Stapel Papier wurde unter dem Kleiderschrank hervorgeangelt. Der Junge selber hatte behauptet, seit sechs Monaten keine Arbeit mehr geschrieben zu haben.

Alles Leugnen der Wirklichkeit hilft nichts, als Manuel im Fach Mathematik seine Unternote mitgeteilt bekommt. Die ist real. Eine von vielen realen Unternoten. Er leugnet weiter: „Ach das macht nichts,“ erklärt er der Mathematikarbeiterin, „das kann ich ausgleichen. Herr Alltagsarbeiter gibt mir ’ne Drei in Deutsch.“ Auf Nachfrage muss er zugeben, bei mir ausschließlich Fünfen geschrieben zu haben. Und dann die Note Drei? „Ja, klaro!“Manuel weiß es zu diesem Zeitpunkt besser.

Sein Traumgebäude bricht am letzten Schultag zusammen, als er sein Zeugnis ausgehändigt bekommt. Alles pseudo-lustige Lärmen hat nichts geholfen, mit erstickter Stimme steht er vor mir, bittet darum, kurz raus gehen zu dürfen. Er darf und rettet sich vor die Tür, bevor die Tränen in Strömen fließen.

Natürlich versuchen auch immer wieder Familien, eine Nichtversetzung zu verhindern. Benjamin verkündet seinem Klassenlehrer lapidar, dass sein Vater wolle, dass er trotz seiner vielen Fünfen ins nächste Schuljahr aufrückt (das ist ein Übergang ins nächste Schuljahr ohne dass die Bedingungen für eine Versetzung erfüllt wurden). Ein Aufrücken ist nur unter bestimmten Bedingungen möglich, hauptsächlich dann, wenn das laufende Schuljahr bereits wiederholt. Eine Wunschoption ist das also nicht, auch nicht auf Zuruf. Wie ernst es Benjamin mit der Schule ist, zeigt er in der folgenden Stunde bei mir. Als ich ihn auf sein permanentes Stören anspreche, legt er sich seine Sweatjacke auf das Gesicht. Meinen Kollegen geht es nicht besser. Eine Stunde später wirft er im nächsten Unterricht mehrfach mit dem Deckel seiner Trinkflasche um sich. Ich bin als Teamlehrkraft dabei und nehme ihm die Flasche samt Deckel ab. Daraufhin startet er ein langes Lamento, dass immer nur er an allem Schuld sein würde, andere dürften alles, nur er nicht. Ansonsten ist das kein Problem für ihn, er hat eine zweite Flasche Cola mitgebracht. Wir setzen Benjamin vor die Tür. Erneutes Lamento, bevor er in Zeitlupe den Raum verlässt.

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2 Gedanken zu “Schuljahresendspurt I

  1. Sven schreibt:

    Ich glaube, aus Lehrerperspektive ist das alles sehr furchtbar und aussichtslos. Als Schüler oft auch.
    Ich denke, ich war als Schüler ähnlich wie viele der hier von dir geschilderten Fälle (z.B. Manuel): Absolut keine Lust auf Lernen, immer Spaß an allem was nichts mit lernen zu tun hatte, lange Zeit der Klassenclown. Mit den meisten meiner Lehrern und Lehrerinnen kam ich immer gut aus, weil ich „so nett“ war. Bei vielen Mitschülern(innen) war ich beliebt. Aber mir war immer klar, dass ich an einem ganz dünnen Seil hänge und ich hatte viele schlecht geschlafene Nächte und häufig Schulangst. Nur anmerken lassen habe ich mir das nicht. Niemandem gegenüber. Meine Eltern haben ein kleines Vermögen in Nachhilfeunterricht versenkt.
    Es hat nichts geholfen: Die 8. Klasse auf der Realschule musste ich dann mit 4 Fünfern (Schnitt: 4,5) wiederholen. Das hat mir sehr weh getan, da ich mit vielen Schülern aus meiner alten Klasse seit der 1. Klasse befreundet war. Dann wurde ich mittelmäßig gut (hauptsächlich weil mir der Stoff bekannt vorkam) und habe die 10. Klasse ohne Quali beendet.
    Danach habe ich immerhin ein ordentliches Fachabi (E-Technik) gemacht, Zivildienst und tatsächlich angefangen zu studieren. Studium nach 4 Semestern abgebrochen, lange gejobbt, nichts gemacht, ratlos, lustlos. Schließlich mit 27 Jahren auf einem (selbst zu zahlendem) privaten Berufskolleg in 2 Jahren Informatik gelernt. Erst da habe ich wirklich verstanden was Lernen bedeutet. Und wofür ich das mache. Abschluss mit 1,4.
    Mittlerweile bin ich über 40 Jahre alt und seit einigen Jahren sogar Abteilungsleiter in einem internationalen Softwareunternehmen.
    Erst jetzt, wo ich eigene schulpflichtige Kinder habe, verstehe ich wie sich meine Eltern und meine Lehrer gefühlt haben mussten.

    Aber aus meiner Erinnerung kann ich nur sagen: mir war es damals einfach nicht möglich mich anders zu verhalten. Mir war immer klar: so geht es nicht. Aber ich hatte nicht die Kraft es zu ändern.
    Trotzdem: es hat lange gedauert, aber ich habe meinen Weg gefunden.
    Vielleicht geht es einigen deiner heutigen „schwierigen“ Schülern ebenso.

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    • Schule und die Frage was und wofür lerne ich hier eigentlich sind ja manchmal wirklich ein Thema für sich. Abseits von Schülern wie Manuel, der sich auch in seiner neuen Klasse nicht geändert hat, haben wir auch einige dabei, die eben nicht wissen, warum sie hier etwas lernen sollen und was ihnen ein Schulabschluss bringen soll. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber aus Schülersicht ist das logisch: Wenn mir nicht einleuchtet, warum ich in der Schule bin, verweigere ich mich konsequenterweise. Einige kommen dann auch einfach gar nicht mehr.
      Aber was „schwierige“ Schüler und die Suche nach dem eigenen Weg betrifft, unterrichte ich einen Jungen, der im klassischen Unterricht auch jede Gelegenheit sucht, die Stunde zu zerlegen. Kaum ist er im Praxisunterricht (z. B. mein Kochkurs) oder im Praktkum ist er wie verwandelt, zupackend, hilfsbereit, interessiert. Die Praktikumsstelle war voller Lob für sein Engagement.
      Ein anderer Junge musste das Gymnasium verlassen und geht nun bei uns zur Schule, seine Lehrer haben ihn als „geistesgestört“ bezeichnet (wobei ich von so einem Tonfall nichts halte). Kaum ist er bei uns, erlebe ich im Unterricht einen witzigen, zugewandten Schüler, der viel beizutragen hat. Von „gestört“ kann keine Rede sein.

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