Kindermund tut …

Kurz nach dem der Schulfotograf da war, liegen auch schon die Ergebnisse bereit, die ich an meine Klasse austeile. Die Reaktionen fallen gemischt aus – so will Damian nicht, dass irgendjemand seine Fotos sieht -, aber in Niklas‘ und Sarinas Fall ist der Trend klar:


„Ich sehe aus wie ein Model!“, verkündet Sarina lauthals.

„Ich seh‘ immer schön aus!“, präsentiert sich Niklas selbstbewusst, noch bevor er seine Fotos gesehen hat.

„Alter, wie du guckst!“, brüllt ihm schon Ben entgegen. Niklas lässt sich nicht beirren, er sieht schön aus. Punkt.

Karya trägt derweil ihre Bilder wie eine Trophäe zum Platz. Sehen dürfen sie nur ausgewählte Mitschüler.

In jedem Fall gilt: Die Pubertät ist voll im Gang. Was tun sie also, meine schönen und pubertierenden Schafe? Natürlich haben sie weniger Zeit für meinen Unterricht als noch im vergangenen Schuljahr. Schließlich muss beispielsweise Karya diesen mit ihrem Interesse für Semyan unter einen Hut bringen, für Semyan gilt selbiges. Bei der Klassensprecherwahl bekommt Semyan dann auch eine Stimme von Karya und Karya wiederum eine Stimme von Semyan. Beide begleiten das während der Stimmenauszählung mit verschämtem Gekicher. Dass sie etwas aufschreiben muss, kann da schon für Entrüstung sorgen:

„Ey nee! Warum muss ich immer schreiben?!“ Am Ende tut sie es doch.

Deutlich besser funktionieren in diesem Alter der Technik- und Kochunterricht. Meditatives Feilen und Rühren sorgen für kurzzeitige Beruhigung. Auch hier ist Karya dabei und bereitet mit ihrer Gruppe erfolgreich ein Gericht zu. Auf dem Weg zum Esstisch geht sie mit dem Teller in der Hand an mir vorbei, dreht den Kopf zu mir, schaut mich an. Sie klappert mehrfach mit den Zähnen.

Deutet sie ihren Appetit an? Erklärt sie einfach nonverbal, dass sie jetzt essen wird? Ist das eine Drohung? Oder hat sie ihren Lehrer doch zum Fressen gern?  Ich weiß es nicht. Ob sie es tut? Immerhin ist die Pubertät eine Phase, die Forscher als Neuverdrahtung des Gehirns beschreiben. Zur Pause reißt sie als erste die Küchentür auf und rennt unter lautem Gebrüll nach draußen:

„Waschmaschinen leben länger mit Calgon!“

Auf dem Schulhof hakt sie sich schnell bei ihrer Freundin Laira ein, die im Gegensatz zu Karya eher schweigsam ist und sie damit gut ergänzt. Bleibt mehr Redezeit für Karya. Ununterbrochen blubbert sie vor sich hin, das tut sie übrigens auch, wenn sie allein durch das Schulgebäude geht. Es ist wie ein dauerhaftes Betriebsgeräusch, ähnlich einem Automotor. Je länger ich sie beobachte, desto mehr verfestigt sich mein Eindruck. Aber das Betriebsgeräusch zeigt auch: Diese Schülerin ist in Betrieb.

Und das kann ich als Lehrer nur gut finden.

Nachtrag: Zwei Wochen später schreibt Karya wieder Sätze ohne Protest in ihr Deutschheft.

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