King Trouble

Die Einschulung meiner Klasse ist bereits eine ganze Weile her, warf aber in Bezug auf Milan-Luca ihre Schatten voraus.

Am ersten Tag an unserer Schule führen einige Achtklässler als Lotsen die neuen Schüler durchs Gebäude, zeigen wichtige Räume, beantworten Fragen. Wir kommen am Computerraum vorbei, der Kollege bittet alle herein, damit sie einen kurzen Blick in den Informatikunterricht werfen können. Milan-Luca fährt die Ellenbogen heraus, drängt sich an seinen Mitschülern vorbei: „Ey, lasst mich durch!“ Sobald er im Raum steht, schaut er auf die Computermonitore und fällt sein Urteil:

„Was macht ihr denn für schwule Sachen hier?!“

In den kommenden Tagen werden wir die wichtigsten Punkte der Schulordnung besprechen, Milan-Luca bekommt schon jetzt unter vier Augen eine ganz persönliche Einweisung in unsere Regeln. Den restlichen Einschulungstag muss er an meiner rechten Seite verbringen, denn die linke ist bereits belegt. Hier muss mir Sergej auf Schritt und Tritt folgen, denn es ist ihm nicht möglich, der Klassengruppe eigenständig und zuverlässig zu folgen. Immer wieder ist er um eine Ecke verschwunden, lässt keinen Lotsen aussprechen, seine neue Klasse ebenso nicht, von mir ganz zu schweigen. Seine Bedürfnisse haben unbedingten Vorrang.

Auch Milan-Luca fällt in den ersten Tagen durch kontinuierliche Zwischenrufe auf. Wenn er etwas sagen will, hat der Rest zu schweigen. Ihm ist zu warm, dann wieder zu kalt, pünktlich zu den Arbeitsphasen muss er auf die Toilette. Das Fenster darf niemals auf sein, sonst fängt er an zu quengeln. Innerhalb der ersten beiden Tagen reagiert er noch (scheinbar) beeindruckt ob der Tatsache, dass ich ihm das einfach nicht erlauben will. Er gewöhnt sich schnell an die schulischen Widerworte und quittiert sie zukünftig mit maliziösem Grinsen. Seine Gesprächslogik gilt natürlich nur in eine Richtung, ihn darf niemand unterbrechen. Spricht er und jemand quasselt dazwischen, herrscht er denjenigen prompt an:

„Sei still! Jetzt will ich was sagen!“

Dass er etwas zum Unterricht sagt, kommt zwar nicht häufig vor, wenn das aber der Fall ist, will er unbedingt als erster sprechen. Darf seine Meldung nicht die vorderste sein, lässt er seine Hand zurück auf den Tisch fallen, so dass sie dort knallend aufkommt. Das begleitet er mit einem genervten Stöhnen: „Maaaan ey!“

Schnell wird klar, dass Milan-Luca der restlichen Klasse zeigen will, wo es lang geht, sich an ihre Spitze setzen will. Da die anderen Kinder ihn nicht lassen, muss er nachlegen. Bereits am dritten Tag stehen Kinder einer anderen neuen Klasse vor dem Lehrerzimmer und erklären, sie seien von einigen meiner Schüler bedroht und geschlagen worden. Diejenigen sind schnell identifiziert: Milan-Luca, Sergej, Sahin. Milan-Luca streitet alles ab und muss alsbald einknicken, als Sergej seine Beteiligung zugibt. Sahin wiederum ist entlastet. Die Kinder berichten, er habe den Konflikt schlichten wollen. An dieser Stelle wird Milan-Luca hellhörig, plötzlich will er auch nur geholfen haben. Es gibt keinen Hinweis darauf.

Nach wenigen Tagen folgt also für die ersten beiden Schüler bereits ein Elternbrief. Als ich das den Jungen ankündige, rollen bei Milan-Luca augenblicklich die Tränen: „Bitte Herr Alltagsarbeiter, noch eine Chance! Bitte! Nur eine Chance!“ Es gibt sie nicht.

Dass die Schule schon in der ersten Woche Mitteilungen verschickt, erzeugt verständlicherweise Gesprächsbedarf. In Sergejs Fall hatte mich sein älterer Bruder nach der Einschulung angesprochen, man müsse den Jüngsten der Familie etwas härter anfassen. Sergejs Mutter hält im Gespräch die Vorwürfe gegen ihren Sohn für bösartige Unterstellungen fremder Kinder, wähnt sich aber am Ende vollkommen einig mit mir, Stoßgebet inklusive. Wie ich schon an anderer Stelle beschrieben habe, sollten spätere Gespräche ähnlich ablaufen.

Auch Milan-Lucas Eltern zeigen sich uneinsichtig. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass ihr Kind so etwas tun würde: „Herr Alltagsarbeiter, zu Hause er ist so ein ruhiges Kind. Er macht seine Hausaufgaben [die Kollegen werden das in Kürze anders sehen, ich selber geben keine auf], sagt nie ein böses Wort. Zu Hause alles ist gut. Im Verein er macht immer mit.“

Kann ich nicht bestätigen. Ich versuche die Eltern mit ins Boot zu holen. Dazu erkläre ich ihnen, dass es mir schließlich um Milan-Lucas schulischen Erfolg gehe und darum, dass er auch sozial gut in seiner neuen Klasse ankomme. Erneut erfahre ich, dass der Junge sehr ruhig und friedlich sei, dass man so etwas zu ersten Mal von der Schule höre: „In der Grundschule war alles gut. Er war friedlich.“ Außerdem: „Milan-Luca sagt, andere waren das auch gewesen.“

Ich spreche meine Unterrichtsbeobachtungen an, das permanente Erster sein wollen. Ein Lächeln entsteht im Gesicht der Mutter: „Jaja, manchmal er ist etwas ungeduldig.“

Einen Tag später bringt Milan-Luca einen Fußball mit, der sogleich während des Lehrerwechsels in der fünf-Minuten-Pause ausprobiert wird. Milan-Luca schießt die Tür des Klassenschranks kaputt. Zur Begründung höre ich eine abenteuerliche Geschichte, in der Timur jemanden auf Milan geschubst habe, der darauf gegen den Ball kam, welcher in Folge dessen ohne Absicht geschossen wurde und am Ende gegen die Tür kam. Er selbst habe nur helfen wollen, wobei auch immer. Milan-Luca interessiert sich brennend dafür, ob Timur jetzt einen Tadel bekäme, fragt mehrfach nach. Niemand kann seine Geschichte bestätigen und Milan-Luca muss Stück für Stück zugeben, dass seine Geschichte nicht stimmt.

Zwei Wochen später revanchiert er sich in einer Pause. Timur steht vor mir, von oben bis unten befleckt. Milan-Luca habe ihn mit einem Milchpäckchen nass gemacht, so der Vorwurf. Diesmal leugnet er seine Tat nicht, findet sie aber vollkommen in Ordnung. Andere würden auch Trinkpäckchen platzen lassen. Das ist übrigens richtig, Tetrapacks platzen zu lassen ist gerade der aktuelle Pausenspaß. Allerdings werden dazu leere Packungen genommen, nicht volle.

Als ich am Telefon mit disziplinarischen Konsequenzen im Rahmen einer Konferenz drohe, höre ich erneut vom ruhigen Jungen, der noch nie aufgefallen sei, der so friedlich in der Grundschule gewesen sei. Die Sache sei klar, das müsse ein Problem unserer Schule sein, Timur sei ein schlechter Einfluss. Und andere würden auch auf Trinkpäckchen treten.

Was ist nur aus dem unauffälligen, friedlichen Kind geworden? Ich rufe bei der Grundschule an und erfahre von Kapuzenpullis, die unter Milan-Lucas tatkräftiger Mithilfe in der Toilette landeten. Überhaupt sei er häufig an Konflikten beteiligt gewesen, habe das aber nie zugegeben, bis er überführt wurde.

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