Ausflugsnotizen

Der diesjährige Klassenausflug lässt sich gut an. Ich habe für uns eine Paddeltour auf einem nahe gelegenen Fluss gebucht und im Vorfeld haben fast alle Schüler bzw. deren Eltern den nötigen Betrag bezahlt. Ein Erfolg, da ich sonst, unterstützt von der besten Schulsekretärin der Welt, einzusammelnden Geldern wochenlang hinterherlaufe.

In Einzelfällen sogar Monate.

Einzig Francois interessiert sich schon bei der Verkündung des Ausflugsplans dafür, was eigentlich wäre, wenn man keine Lust hätte. Praktischerweise wird sein Elternhaus nicht bezahlen – wie so oft. In Janas Fall kündigt mir die Mutter auch frühzeitig an, dass ihr Kind sich weigern werde – aber immerhin kommt sie seit einiger Zeit wieder regelmäßig zur Schule. Auch Maikel wird fehlen, was ich insgeheim schon erwartet habe. Er ist ein freundlicher Schüler, der vor allem Unbekanntem und Neuem zurückschreckt. Das können bereits der Kochlöffel oder die Teigkelle im Kochunterricht sein. Seine Eltern leisten ab und an ihr Übriges dazu. Am nächsten Tag finde ich in meinem Fach eine Mitteilung, Maikel sei krank gewesen. Ich denke, dass ihm etwas entgangen ist.

Und damit bricht der Paddeltag an und siehe da, alle sind pünktlich, hören der Einweisung des Veranstalters zu und schon befinden wir uns im Kanu und dieses wiederum im Fluss. Eine Zeit lang müssen die Boote dabei einem Mitarbeiter des Unternehmens hinterherpaddeln, bevor er uns in die Selbstständigkeit entlässt. Das heißt, dass auf dem ersten Streckenabschnitt sein Kanu das Erste ist und nicht etwa eines mit Schülern und Lehrern darin. Das beschäftigt Ture, der sich mit mir und anderen zusammen in einem Kanadier befindet. Unablässig spricht er vor sich hin:

„Aber dann können wir ja ganz nah dran fahren.“

„So sind wir immer noch Zweiter.“

„Das ist dann ja auch ein Platz auf dem Treppchen“

„Dann sind wir nicht erster, aber erster bei den Lehrern und Schülern.“

„Dann haben wir immer noch Silber.“

„Wir müssen immer noch mit der Spitze vom Boot vor den anderen sein. Dann haben wir einen Platz auf dem Treppchen.“

Als die Paddelstrecke frei gegeben wird, kann Ture zeigen, was er kann. Die neu erworbene Spitzenposition will verteidigt werden. Das funktioniert so lange, bis wir auf der Mitte unserer Route eine Pause einlegen. Wir legen an, steigen aus, ziehen die Kanus aus dem Wasser. Die Stärkung tut Not, Sarina verkündet laut aber erfreut, dass sie Kirschen dabei habe – das scheint für sie unerwartet zu kommen. Ich freue mich auch darüber dass das Mädchen Obst mitbekommen hat. (Natürlich habe ich auch Verständnis für ein paar Süßigkeiten auf einem Klassenausflug.) Energydrinks für 12jährige werde ich allerdings beim nächsten Ausflug bereits im Elternanschreiben untersagen. Ture fängt an, zu quengeln. Ob man nicht schon früher losfahren könne? Dann könne unser Boot als erster am Ziel ankommen. Dann seien wir schneller als die anderen. Er muss warten, büßt aber nichts von seinem Elan ein.

Unser Boot ist Dank seiner Tatkraft als Erstes im Wasser und nimmt ebenso als Erstes von allen wieder den Kurs auf. Zugegeben, meine Tatkraft ist auch ein bisschen beteiligt. Wenn die verschiedenen Boote schon ein Wettpaddeln anfangen, dann darf der kleine Junge in mir auch mitmachen. Und wir werden erfolgreich sein, unser Kanadier trudelt mit weitem Vorsprung am Zielanleger ein. Einige Eltern der Klasse hatten sich vor dem Ausflug dazu bereit erklärt, uns dort abzuholen und nach Alltagsstadt zurückzubringen. Die erste Mutter erwartet uns bereits, Zeit für ein kurzes Gespräch. Ja, die allgemeine Laune ist gut, nein, es ist niemand gekentert, die Kinder trocken geblieben, die Wechselwäsche, auf die ich hingewiesen hatte, wurde nicht gebraucht. Noch nicht.

Nach und nach kommen weitere Kanus an und gleichzeitig erinnern sich meine Schüler an eben jene Wechselwäsche. Die Temperaturen sind angenehm, die Sonne scheint und schon baden die ersten im Fluss. Die ausgelassene Stimmung hält an, auch als die Boote abschließend gereinigt werden müssen. Das heißt, sie werden mit großen Schwämmen und etwas Flusswasser von Pflanzenresten und Sand befreit. Im Vorbeigehen entsorgt Neven-Joel seine Kunststofftrinkflasche im Wasser. Warum er das tut, kann er nicht erklären: „Keine Ahnung.“ Schulterzucken.

Der Besitzer des Bootsverleihs macht derweil Bekanntschaft mit der ersten Familie. Als er eine Gruppe beim Putzen ihres Kanus anleitet, murren die ersten Eltern: „Der spinnt doch!“ Muss nicht sein. Und Gott sei Dank bilden diese Eltern heute die verschwindend kleine Minderheit.

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