Im Gespräch: Zweifel, Wünsche und die bösen Anderen

Als Felix aus der großen Pause kommt, sehe ich noch einen Butterrest in seinem Gesicht, er selbst ist sichtlich erbost. Er müsse sich bei mir beschweren.

Über Milo. Gemeinsam hätten sie die Pause verbracht, doch plötzlich habe Milo ihm das Brötchen, das er gerade kaute, ins Gesicht gespuckt. Und dann spuckte er noch einmal. Ich bin über den Vorfall im Bild, eine Pausenaufsicht ist dazwischen gegangen. Ursprünglich schien es, als hätten zwei Jungen gespuckt, aber das war schnell aufgeklärt. Es blieb also Milo übrig und der wurde sogleich eingesammelt, um zum Lehrerzimmer und damit zu mir gebracht zu werden. Doch kaum hatte sich die Aufsichtskollegin umgedreht, war der Junge auch schon wieder weg. Er habe nur den anderen Jungen, Jerome, wiederholen wollen (den die Kollegin zuvor weggeschickt hatte). So die Vorgeschichte.

In den vergangenen Tagen gab es regelmäßig Pausenärger mit Milo, der immer nach demselben Muster abläuft. Ich spreche mit beiden Beteiligten, Milo bestreitet die Tat, ich konfrontiere ihn mit den Widersprüchen, die während der Gespräche auftreten, er gibt die Tat kleinlaut zu. Ich schreibe eine Elterninformation – vulgo“Tadel“ – und gebe sie in die Post. Zwei Tage später knallt Milo mir den unterschriebenen Rückläufer aufs Pult, wie in der Vergangenheit ist der Zettel zusätzlich von Milos Eltern kommentiert worden. Man bitte dringend um ein Gespräch, Milo habe noch so einiges hinzuzufügen, man könne den Tadel so nicht akzeptieren. Der letzte Teil ist unterstrichen. Nebenbei: Auch wenn die Eltern einen Tadel nicht hinnehmen wollen, ist er gültig.

Am vereinbarten Termin sitzen Milos Eltern, er selbst und ich am Tisch. Ich zeige mich neugierig, auf das, was Milo „hinzuzufügen“ hat,  und der beginnt mit brüchiger Stimme zu erzählen:

„Also, Jerome war auch dabei und ich wollte ihn holen.“

Er verstummt, weiter hat er nichts zu sagen. Unter „einiges hinzuzufügen“ hatte ich mir mehr vorgestellt. Die Eltern richten ihren Blick auf mich, der sich demonstrativ enttäuscht gibt:

„Ich hatte gehofft, heute etwas Neues zu erfahren, so wie es angekündigt war. Das, was Milo gerade berichtet hat, war mir schon bekannt.“

Die Eltern sind erstaunt, das war ihnen nicht bewusst gewesen. Milo hatte zu Hause nur einen Teil des Vorfalls erzählt und die für ihn unangenehmen Teile verschwiegen. Das ist in der Vergangenheit schon wiederholt ein Anlass für Unterredungen oder Telefonate gewesen. Es scheint mir, als würde Milo dennoch jedes Mal von Neuem unhinterfragt gelaubt werden.

Nichtsdestotrotz versucht man es von es von einer anderen Seite. Ob ich nicht der Meinung sei, dass ein Tadel nicht eine heftige Reaktion für einen Pausenstreit sei? Die Dinge könnten auch anders abgelaufen sein, als von Felix berichtet. Ich lege noch einmal den Ablauf der Ereignisse dar, wozu gehört, dass Milo beim Spucken des gekauten Brötchens von der Pausenaufsicht beobachtet wurde, mit der Frage nach Glaubwürdigkeit hat das hier also nichts zu tun. Darüber hinaus hat Milo die Tat zugegeben, nachdem ich nachgehakt hatte. Außerdem, so ergänze ich, habe er den Anweisungen einer Lehrkraft Folge zu leisten, was er nicht tat. Zusätzlich hatte ich Milo kurz zuvor verwarnt, dass ein Elternbrief folgen würde, wenn er sein Pausenverhalten nicht ändere. Erstaunen. Die Eltern gucken ihn sehr streng an.

„Und dafür hat er zu Hause seine Strafe bekommen und durfte nicht zu einem Freund.“, versichern sie mir eilig. „Aber eigentlich ist das eine doppelte Strafe, wenn von der Schule was kommt und er von uns bestraft wird. Es wäre schön, wenn Sie das hier in der Schule klären könnten.“ Sie wünschen sich, dass wir Milos Fehlverhalten schulintern behandeln, was nichts anderes bedeutet, als dass sie nicht mehr mit Briefen von mir behelligt werden wollen. Milos eigentliches Fehlverhalten ist zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr zu leugnen, worauf die Familie recht schmallippig reagiert:

„Naja, vielleicht kann man auch mal Milo glauben und nicht nur immer den anderen, nur weil die ruhiger sind.“, bemerken sie mit Blick auf den Umstand, dass Jerome entlastet wurde, ihr Sohn aber nicht. ‚Verantwortungsdiffusion‘ nennen Psychologen das: Wenn mehrere Personen an einer Tat beteiligt sind, nehmen die einzelnen die Verantwortung für ihr eigenes Handeln als nicht mehr so schwerwiegend war. Oder kürzer: Wenn ich noch auf andere zeigen kann, habe ich weniger Schuld. Diese Logik ist bei Kindern bis ca. 12 Jahre häufig anzutreffen und in diesem Alter normal. Schwierig wird es, wenn Erwachsene sich dieses Denkschema zu Eigen machen. Ferner zielt es darauf, dass Fehlverhalten des eigenen Kindes nicht mehr thematisieren zu müssen und stattdessen die bösen Anderen zu besprechen.

Man wechselt das Gesprächsthema. Nun wollen die Eltern wissen, wie es denn sonst in der Schule laufe: „Wir würden gerne mal was Positives hören.“, machen sie ihre Erwartungshaltung deutlich. Die Frage nach dem Unterrichtsverhalten ist Teil eines jeden persönlichen Gesprächs und Telefonats mit ihnen und meine Antwort ist stets dieselbe. So erzähle ich auch heute vom Singen, Brabbeln, von den Schießspielen, den Malereien im Block, davon, dass Milo sich weigert, Aufgaben zu bearbeiten, Aufforderungen dazu ignoriert – strenge Blicke der Eltern -, in mitgebrachten Büchern und Komikheften versinkt.

Die Eltern sind: Erstaunt. Das hätten sie nicht von ihm erwartet.

„Milo erzählt, dass es in der Klasse ja auch immer so laut ist.“ Da sind sie wieder, die bösen Anderen, denen man zumindest einen Teil der Verantwortung zuschieben kann. Das Praktische an der Rede von „der Klasse“ ist, dass sie eine anonyme Masse ist und man so nicht in die Auseinandersetzung mit konkreten Personen gehen muss. Tatsächlich hat die Klasse streckenweise ein geradezu unerträgliches Verhalten gezeigt, besonders, als sich die Schüler mit Beginn der fünften Klasse an unserer Schule trafen. Sie hat mich oft genug mehr als die letzte Kraft gekostet, aber es gibt noch eine zweite Wahrheit über sie: Die Kinder nehmen Milos unerschöpfliche Ideen und Versuche, den Unterricht zu sabotieren, mit geradezu stoischer Gelassenheit hin. Andere Klassen hätten ihn längst als ‚Baby‘,  ‚Psycho‘, ‚behindert‘ oder ‚gestört‘ betitelt. Bei uns fällt kein Wort. Milo hat Freunde hier und muss die Pausen nicht alleine verbringen. Und wenn Milo zum Singen ansetzt, ist er ebenso Teil der lauten Klasse. Die Eltern geben sich: ja, genau. Ansonsten: Strenge Blicke in Richtung des Sohnes.

„Vielleicht bekommt er nicht genug Aufmerksamkeit?“ Was übersetzt so viel heißt wie: „Vielleicht kümmern Sie und Ihre Kollegen sich nicht genug um Milo?“

Ich erläutere, dass Milo durch sein Verhalten die Aufmerksamkeit der Lehrkräfte erzwingt. Genaugenommen bekommt niemand so viel Aufmerksamkeit wie er. Dennoch bin ich auch für den Rest der Klasse da, in der nicht jeder von meinen Schäfchen unter gleich guten Umständen ins Leben gekommen ist. Auch andere brauchen also meine Unterstützung, die sie von zu Hause nicht bekommen. Damit habe ich den Eltern eine neue Steilvorlage gegeben:

„Vielleicht halten die Kinder aus den sozial schwachen Familien Milo in der Schule auf?“, vermuten sie.

Die Strategie ist offensichtlich. Mehrfach wechseln sie die Argumentation, um eine Person, die nicht zur Familie gehört, für Milos Scheitern verantwortlich machen zu können. So etwas macht mich wütend. Kinder, denen es materiell schlechter geht als dem aus begüterten Verhältnissen stammenden Milo, sollen auch noch in Haftung für sein enorm entwicklungsverzögertes Verhalten genommen werden. Ich verneine schlicht, dass dies so ist.

„Können wir mal im Unterricht hospitieren, ist das möglich?“

Das hat es schon an unserer Schule gegeben, dazu müssen die Erziehungsberechtigten einen Antrag an die Schulleitung stellen. Dort wird nie ein solcher Antrag eingehen.

Ein Anliegen haben die Eltern zum Schluss noch. Ob es denn auch mal so etwas wie einen Grillnachmittag mit den Eltern zusammen gäbe? Ich weiche aus, deute an, dass es zu verschiedenen Jahreszeiten grundsätzlich die Möglichkeit zu Klassenfeiern bestünde, die Weihnachtszeit sei ja ein Klassiker dafür. „Aber das ist ja noch lange hin.“, entgegnen sie, „Ja, machen sie so etwas denn im Sommer?“ Sie wollen mich festnageln, dass ich etwas für sie tue, das lasse ich aber nicht zu. Wenn ihnen ein Sommerfest so wichtig ist, hätten sie auch vorschlagen können, mit anderen Eltern eines für die Klasse zu organisieren…

„Macht die Klasse denn auch mal einen Ausflug?“ Der befindet sich in der Planung. „Wer begleitet den denn?“ Der Koklassenlehrer und ich, der Klassenlehrer.

„Können wir mitkommen?“ Warum sie das wollen? „Wir dachten, wir können ihnen helfen. Sie können sich immer auf uns verlassen.“

Sie werden den Ausflug nicht begleiten und ich beende das Gespräch, das sich längst ergebnislos im Kreis dreht. Ich begleite die Familie zur Tür, die Eltern verabschieden sich:

„Dann wollen wir Ihnen auch nicht weiter Ihre wertvolle Zeit stehlen.“

Am nächsten Tag bringt Milo ein Set Minischraubenzieher mit in die Schule, um es mit dem Beginn der ersten Stunde zum Spielen auszupacken.

Advertisements

8 Gedanken zu “Im Gespräch: Zweifel, Wünsche und die bösen Anderen

  1. Solche Gespräche schlauchen, vorallem wenn dann direkt am nächsten Tag wieder so schöne Mitbringesel in der Tasche sind. Ich habe auch schon erlebt, dass ein Schüler danach erstmal 3 Wochen krank war. Er kam dann wieder und musste sich ganz neu in die Schulregeln einleben…

    Gefällt mir

    • So einen ähnlichen Fall hatte die Kollegin einer Parallelklasse auch. Nach den drei Wochen wurde die Wiederkehr telefonisch angekündigt inklusive Anweisungen wo das Kind zu sitzen habe und wie man es zu begrüßen habe, worauf man es ansprechen solle und worauf nicht.

      Gefällt 1 Person

    • 😀
      Solche ‚Anweisungen‘ sind immer super.
      Das sind oft genau die Eltern, die meinen ihr Kind müsse diese und jene Sonderregelung in Anspruch nehmen (Sitzplatz, Blickrichtung, Wunschtischnachbar, Ansprachespezialitäten, extra Pipipausen und und ) und gleichzeitig sagen man dürfe ihr Kind aber nicht anders behandeln, als die Anderen und ihn/sie damit nicht zum Außenseiter würde …
      Ja was denn nun? Extrawürste, wenns dem Kind etwas erleichtert, aber wehe es soll sich an die gleichen Regeln halten

      Gefällt 1 Person

  2. Deine Schilderung der Elterngespräche finde ich immer sehr spannend (weil Mutter eines 14jährigen😉). Eine Elternfrage hätte ich da mal: was wäre das aus Deiner Lehrer-Sicht wünschenswerte Verhalten der Eltern?

    Gefällt mir

    • Ich führe das immer gleiche Gespräch mit Milos Eltern seit über einem Jahr, aus meiner Sicht wünsche ich mir zwei Dinge:
      Dass die Eltern mir glauben. Dann wird nämlich der Weg frei, damit Milo (der mir bei aller Blödelei innerlich bedrückt und geknickt scheint) Hilfe bekommt.
      Und: Milo ist ja bei dem Gespräch dabei gewesen und benahm sich währenddessen so, wie ich es beschrieben habe. Die Eltern konnten sein Verhalten also live beobachten. Also wünsche ich mir, dass sie glauben, was sie sehen.

      Gefällt 2 Personen

    • Eine solche Mutter ist auch eine sehr nahestehende Freundin von mir. Nie wurde die Vorgeschichte beachtet, die dazu führte, dass ihr Sohn so reagierte. Allerdings geht mein Sohn in die gleiche Klasse, ich kenne meistens die Vorgeschichte aus dessen Sicht … *diskretes Hüsteln*. Ich habe mit ihr auch schon in diesem Sinne gesprochen, aber es ist die Schule/sind die Lehrer, die ihrem Sohn nicht genug Beachtung schenken. Ich komme da auch nicht durch! Dadurch hat man als Lehrer nicht das Gefühl von Zusammenarbeit, oder? Wobei – ich durfte ja auch schon solche Elterngespräche führen (einmal wurde ich von einem Lehrer beim Einkaufen auf dem Parkplatz „angesprungen“) es ist als Mutter eine emotional sehr schwierige Situation… manchmal fällt es sehr schwer, Vertrauen zu haben.

      Gefällt mir

    • Nein, da habe ich nicht das Gefühl von Zusammenarbeit. Ich nenne das ‚Anscheinskooperation‘, weil ja ein Interesse an Informationen vorgegeben wird, obwohl man diese nicht hören will. Und was das Anspringen betrifft: Ich trenne ja gerne Arbeit und Privatleben und bespringe daher niemanden. Ansonsten bin ich aber auch der Meinung, dass ein Parkplatz kein geeigneter Ort für Schulgespräche über Kinder ist.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s