Gewaltentladung

„Du, Alltagsarbeiter? Ich hatte im Nachmittagsunterricht in deiner Klasse Vertretung. Da war ein Junge, ich weiß seinen Namen jetzt nicht, der hat sich plötzlich den Bauch gehalten und meinte er hätte Bauchschmerzen, weil er den ganzen Tag noch nichts gegessen hat. Ich hatte jetzt auch kein Brot oder so dabei, ich habe ihm noch meinen Apfel gegeben.“

Ich habe schon einen Verdacht, lasse mir den Platz des Jungen beschreiben und ja, der Verdacht bestätigt sich: Die Vertretungsarbeiterin spricht von Francois. Seitdem ich ihn kenne, klagt er von Zeit zu Zeit über Hunger. Teilweise haben ich oder meine Kollegen oder auch Mitschüler unser Pausenbrot mit ihm geteilt. Lya bot dazu auch schon Getränke an.

Am nächsten Tag komme ich nach der ersten großen Pause in meine Klasse zum Unterricht, Francois wartet schon neben der Tür. Er schaut mürrisch drein, blafft jeden Mitschüler an, der ihn anspricht. Meistens ist er durchaus ein geselliger Junge, der gerne mit anderen in den Pausen Fußball spielt. Wenn ich ihn so erlebe, ist in der Regel etwas vorgefallen oder etwas bahnt sich an. Wenn wir es nicht schaffen, dieses „etwas“ rechtzeitig zu kanalisieren, entlädt es sich in Gewaltausbrüchen, bei denen sich jeder nur noch schnellstens in Sicherheit bringen kann. Anschließend bricht dann die pure Verzweiflung bei Francois aus. Darüber sprechen, was gerade los war, kann er nicht. Eigentlich ist er friedlicher Mensch, der jedoch seinen bitteren häuslichen Bedingungen schon lange nicht mehr seelisch gewachsen ist.

Den Grund für die heutige Frustration habe ich bereits während der Pause erfahren. In den ersten beiden Stunden hat die Klasse eine Mathematikarbeit geschrieben, dafür wurde ein Zirkel benötigt. Francois hatte keinen dabei, was daran lag, dass er keinen besitzt. Schon während des Unterrichts hatte er folglich keinen Zirkel zur Verfügung, ständig musste er sich einen bei seinen Mitschülern leihen. Die Mathematikarbeiterin hatte dem Jungen in der Vergangenheit schon ein Heft gekauft, einen Zirkel wollte sie nicht auch noch für ihn anschaffen. Doch Apelle an das Elternhaus, sich um das passende Schulmaterial zu kümmern, verhallen ungehört. Angeblich wird den Kindern alles in mehrfacher Ausfertigung gekauft und ständig geht alles kaputt. Würde ich den Ausführungen seiner Mutter Glauben schenken, müssten sich die frischen Schreibhefte zu Hause geradezu türmen. Francois konnte einige Aufgaben nicht bearbeiten, versuchte abzugucken, die Mathematikarbeiterin wollte einen zusätzlichen Sichtschutz zum Mitschüler aufstellen. Francois machte die Arme breit, nahm sie auch nach mehrfacher Aufforderung nicht bei Seite, wurde immer brummiger. Die Kollegin wagte es, den Arm sanft ein Stück bei Seite zu schieben, Francois fing an zu beben. Parallel dazu beendete er das Rechnen, auch wenn er gut darin ist:

„Nönönönö, neineinein. Neiiiin. Och nööööö, nönö Frau Mathearbeiterin, ich sag‘ mal….nööööö. Hmm…nö.“ So las sich der Rest seiner Klassenarbeit.

Nun also mein Unterricht. Zum Ende des Schuljahres lasse ich die Klasse Bücherkisten bauen. Dazu braucht man unter anderem ein Buch, das man auch gelesen hat. Francois hatte mir schon in der vorherigen Woche mitgeteilt, dass er „kein einziges Buch“ besäße, daran hat sich zu heute nichts geändert. Als die Klasse im Raum versammelt ist, hüpft er vor mir herum:

„Was soll ich denn heute machen? Ich habe ja kein Buch.“

Immer wieder wiederholt er die Frage, will sich nicht für die Begrüßung auf seinen Platz setzen und die Erklärungen für alle abwarten. Aber was macht man eigentlich mit Schülern, die entweder kein Buch für so ein Projekt dabei haben bzw. keines besitzen? Arbeitsblätter kopieren. Als ich mit etwas Abstand darüber nachdenke, komme ich auf den Gedanken, dass ich für diese Schüler Kurzgeschichten hätte kopieren können, auf deren Basis dann die Kisten entstehen. Wenn sie denn welche dabei gehabt hätten. So eben die Arbeitsblätter und zumindest Francois ist vorläufig zufrieden damit und arbeitet eine ganze Weile eine Aufgabe nach der anderen ab, Sergej braucht dazu etwas Nachhilfe in Sachen Arbeitsmotivation. Klar, das Bücherkistenprojekt ist interessanter. 15 Minuten vor Schluss legt Francois den Stift hin, läuft erneut zu mir nach vorne:

„Uh, meine Hand tut schon weh vom Schreiben. Ich kann heute nicht mehr.“, attestiert er sich selbst und wird die verbleibende Zeit auf dieser Haltung bestehen.

Die Schüler haben schon vor langer Zeit erfolgreich gelernt, dass sie sich melden, wenn etwas ist, und ich dann vorbeikomme, so dass der Rest in Ruhe weiterarbeiten kann. Doch bei Francois beobachte ich in letzter Zeit Rückschritte. Das betrifft sowohl seine Quengeligkeit, wenn er jetzt etwas will, oder eben etwas nicht mehr mag als auch die Form, wie er seinen Willen anbringt. Seien es Kleinigkeiten wie das nach vorne Laufen, statt abzuwarten, bis ich bei ihm bin oder dass er seine Wünsche für heute bereits in der Klassenzimmertür mitteilt und darauf insistiert in der Erwartung, dass die Lehrkräfte ja zu sagen haben. Widerspruch ist er kaum noch bereit zu dulden. Das war zwar in der Vergangenheit eine Baustelle, wenn auch nicht so intensiv, aber mit sozialpädagogischer Unterstützung von außen hatte Francois schon sehr viel erreicht, was ihm viel Anerkennung einbrachte.

Einen Tag später kommt der große Knall, der schon so bleischwer in der Luft lag. Wie immer geht alles ganz schnell. Es ist Pause, ein Schüler einer anderen Klasse macht einen dummen Spruch, dann noch einen, Mitschüler wollen schlichten, zu spät. Francois schlägt zu. Dem Kontrahenten ins Gesicht, der zurück, Francois ebenfalls: Voll aufs Maul. Ein Junge, der daneben steht: Ist im Weg, immer drauf. Eine Zehntklässlerin, die die beiden auseinander bringen will: Wer dazwischen geht, ist selbst Schuld, immer rein in die Fresse. Nicht, dass er in seiner Raserei unterscheiden könnte, wer sein Gegner ist und wer nicht. Die Pausenaufsicht: Wer schnell ausweichen kann, ist klar im Vorteil. Francois läuft weg, hochrot im Gesicht, tränenüberströmt vor innerer Not. Er ist ein intelligenter Junge und im Anschluss an seine Gewaltausbrüche wird ihm klar, dass er die Kontrolle über sich verloren hat, Dinge getan hat, die er nicht tun will. Scheitern, bezeugt durch blaue Flecken.

Die Schulleitung: Suspendiert Francois, ebenso seinen Kontrahenten. Ich: Schreibe die 8a-Meldung fertig, die seit einigen Tagen angefangen auf meinem PC liegt.

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