„Is‘ anstrengend!“

„…dazu schlagt ihr euer Buch auf Seite 75 auf.“

„Oh nee, is‘ anstrengend!“

Alex liegt mit dem halben Oberkörper auf dem Tisch, das geschlossene Schulbuch dient mehr als Kissen denn als Unterrichtsmaterial. Immerhin hat er eins dabei könnte man meinen:

„Ich hab‘ mein Buch vergessen!“

„Ich auch!“

Ein Blatt zum Schreiben? Fehlt ebenfalls bei mehr als der Hälfte der Klasse 8.2. Regelmäßig. Natürlich könnte man an einem Nachmittag losgehen, um in einem Geschäft einen Schreibblock zu kaufen, aber:

„Is‘ anstrengend!“

Und sicher auf der Prioritätenliste ganz weit unten.

„Wenn ich 18 bin, mach‘ ich Führerschein und dann mach‘ ich mit meinen Brüdern Schrott!“, hat Torben unlängst verkündet. Dazu braucht man auch kein Schulbuch und konsequenterweise bleibt Torben dem Unterricht schon bald fern. Manchmal sehe ich ihn dann noch in Pausen auf dem Schulhof, wenn er Freunde besucht. Pünktlich mit dem Pausengong macht er sich dann aber auf den Weg nach Hause.

Währenddessen albern sich Norman und Andy durch den Schulalltag, offen und dankbar für jede Anregung die sich ihnen bietet. Selbstverständlich darf das Gespräch quer durch den Klassenraum gehen, ich spreche Norman an. Der dreht sich zu mir um, spricht seinen Satz zu Andy noch fertig, regt sich auf:

„Ich hab‘ gar nicht geredet! Immer ich, nur weil ich dick bin!“

„Mann, du sagst, dass du nicht redest, während du noch laberst!“, amüsiert sich Andy.

„Aber selber jetzt, du in deinen schicken Klamotten!“, ist Norman zurück im Gespräch.

„Ich seh‘ eben gut aus!“, gibt Andy an.

„Werden wir ja sehen wie gut du aussiehst in der Pause, Arschschießene, ne?“, schaltet sich Marius ein.

„Ja, so wie du letzte Pause!“, freut sich Andy.

„Musste erstmal treffen!“, gibt Marius wieder das Wort.

So wenig Interesse die drei am Unterricht zeigen, so geübt sind sie darin, eine fortwährende Kaskade an lustigen Gesprächen aufzubauen. Ich setze Norman und Andy nach einer erneuten Ermahnung raus und nach der Stunde wird sich Norman bei mir über die ungerechte Behandlung beschweren, er habe doch nur einmal etwas gesagt. Da ich zwei Störenfriede entfernt habe, soll der eigentliche Unterricht weitergehen, es meldet sich jemand, ich nehme dran und:

„Ey, was machen die denn da draußen?“

„Die gehen sich jetzt sonnen.“

„Ey man, ich will auch mit Handy in die Sonne chill’n.“

„Ich geb‘ dir gleich Handy.“

„Hast du überhaupt Handy?“

„Herr Alltagsarbeiter, was haben Sie für ein Handy?“

„Bestimmt Samsung Galaxy S7.“

Alles ist ein Gesprächsanlass, besonders wenn Handys ins Spiel kommen. Neben der regelmäßigen Frage, was für ein Handy ich besitze, interessieren sich insbesondere die Jungen dafür, was für ein Auto ich fahre. An ein Ergebnis ist heute nicht mehr zu denken. Schade, das Schuljahr hatte in der Klasse mal gut angefangen, wir konnten intensive Diskussionen führen, manche überschlugen sich geradezu mit ihren Ideen. Da war Alex, der das Schuljahr wiederholen muss und mit dem Vorsatz angetreten war, sich aus seiner Klasse im Hauptschulzweig zum Realschüler hochzuarbeiten, ganz vorne mit dabei. Nebenbei erzählte er noch, was ihn so beschäftigt, aber so, dass das gleichzeitig zum Thema passte. Zumindest ein bisschen. Und jetzt? Alles weg.

„Wann machen wir neues Thema?“

„Wir haben doch erst letzte Woche angefangen, du Honk!“

„Ja keine Ahnung, da war ich nich‘ da.“

Mitten in dieser Szenen sitzen Yara und Perjin. Insbesondere Yara, die sich zu Beginn des Schuljahres noch weigerte, überhaupt das Gebäude zu betreten, weil sie nicht mit ihrer Freundin in eine Klasse kam, hat noch was vor: Sie will noch einen Realschulabschluss schaffen, meldet sich daher am Fließband, übt zu Hause, heftet alles sofort ab, verschlampt nichts (was bedeutet, dass sie immer ihre Mappen dabei hat, Schreibmaterial natürlich auch). Egal was die anderen machen, die beiden Mädchen bewahren die Ruhe.

Es ist nach der Schule, wir Kollegen, die in der 8.2 unterrichten, sitzen zusammen. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus.

Die Hauswirtschaftskollegin: Das Buch in den Theoriestunden aufschlagen, sich mit Schneidetechniken beschäftigen, bevor man sie beim Kochen anwendet? „Is‘ anstrengend.“ Oder „Nee, kein Bock.“ In den Praxisstunden sieht das mit der Klasse schon anders aus, Kochen ist bei den Schülern unserer Schule allgemein sehr beliebt. So lange, bis es an den Abwasch geht. Cindy stellt auf stur, sie will nicht abwaschen: „Ich kann das nich‘ ab!“, verkündet sie dem Rest und macht dazu Geräusche, als müsse sie sich gleich übergeben. Die Klasse weicht vorsichtshalber zurück. Der Abwasch kann auch sonst zum Kampf werden:“Dazu sind doch die Putzfrauen da!“

Der Sportkollege: Leistungsaufgaben sind – ja genau – anstrengend. Umso praktischer, wenn das Sportzeug regelmäßig „vergessen“ wird. Und wenn Alex sich dann doch angestrengt hat, es ist nämlich durchaus kräftig und gelenkig, dann muss das aber auch alle Welt anerkennen. Wer ist der Größte, der Schnellste, der Stärkste? Alex ist der Größte, der Stärkste, der Schnellste! Wehe, man verweigert ihm diesen Titel, dann verfinstert sich seine Miene im Handumdrehen.

Sportspiele funktionieren in der Klasse auch nicht viel besser, Spiele kann man nämlich verlieren. Zweimal den Ball nicht bekommen, schon setzen sich die ersten auf den Boden und verweigern: „Sie können ja nichts dafür Herr Sportarbeiter, aber Sport ist einfach doof.“

Wie gesagt, wir sitzen zusammen, um ein gemeinsames Vorgehen zu finden. Mögen die pädagogischen Köpfe rauchen.

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