Dem Himmel sei Dank (?!)

Ein Gespräch, zwei unverrückbare  Meinungen und der feste Glaube, sich einig zu sein. Wenn Kommunikation sich verselbstständigt.

Ich unterhalte mich mit Sergejs Eltern. Ich habe schon in der Vergangenheit ein paar Gespräche geführt, in denen es meist um Sergejs Verhalten im Unterricht ging. Da der Junge schnell überfordert ist und nur dann arbeitet, wenn permanent jemand neben ihm steht und ihn auch gegebenenfalls unterstützt, begleitet er den Schultag mit einer Vielzahl an lustigen Einfällen. So versucht er, die Situation wieder unter seine Kontrolle zu bringen, indem er sich auf ein Gebiet zurückzieht, dass er beherrscht. Seine Eltern haben sich in der Vergangenheit als schwierige Gesprächspartner gezeigt, da sie unsere Beobachtungen und Mitteilungen stets zurückwiesen. Das war schon zu Grundschulzeiten so, wie ich nach einem Anruf dort erfahren habe.

Heute geht es nicht um den Unterricht, sondern um die Pausen. Eine Gruppe von Jungen hat versucht, sich zu den Königen des Schulhofs aufzuschwingen und hat dabei jüngere Schüler bedrängt. Sergejs Rolle hat niemanden körperlich angegriffen, hat sich aber in der Rolle des Einschüchterers geübt. Sein Cousin sei bei der Bundeswehr und würde demnächst mal mit seiner Waffe vorbeikommen und dann… Man kann so eine Drohung als Posiergehabe eines pubertierenden Jungen abtun, aber insbesondere jüngere Schüler können die Ernsthaftigkeit solcher Ankündigungen nicht immer einschätzen. Das Gespräch soll nicht anders verlaufen als die vergangenen. Die Eltern gehen in die Offensive.

Eltern: „Wie kann es sein, dass solche Unterstellungen aufgeschrieben werden?“

Ich: „Ich habe mich mit mehreren Schülern unserer Schule in Einzelgesprächen unterhalten. Die Aussagen stimmen im Wesentlichen überein, es handelt sich nicht um Unterstellungen, sondern Sergej hat diese Drohungen gegen andere ausgesprochen.“

Eltern: „Was meinen Sie?“

Ich: „Sergej hat in Begleitung seiner Freunde anderen Schülern in Pausen gedroht, sein Cousin würde mit einer Waffe zur Schule kommen und dann würde etwas passieren.“

Eltern: „Aber sein Cousin hat gar keine Waffe!“

Ich: „Ich behaupte ja auch nicht, dass Sergejs Cousin das wirklich tun wird.“

Eltern: „Sehen Sie!“

Ich: „Was?“

Eltern: „Das sind Unterstellungen, Wladimir [gemeint ist Sergejs Cousin] hat keine Waffe!“

Ich: „Aber das wissen insbesondere die jüngeren Schüler nicht.“

Eltern: „Was meinen Sie?“

Ich: „Mir ist klar, dass das mit der Waffe eine leere Drohung ist und Wladimir nicht wirklich kommen wird…“

Eltern: „Sehen Sie!“

Ich: „Aber jüngere Kinder wissen das nicht und sind daher eingeschüchtert. Es geht mir nicht um die Waffe, sondern um die Drohung, dass jemand mit einer Waffe kommt.“

Eltern: „Aber Wladimir hat keine Waffe!“

Ich: „Das ist ja auch nicht der Punkt.“

Eltern: „Sehen Sie! Wladimir ist Offizier bei der Armee, die Waffe ist in der Kaserne. Wenn er würde bringen die Waffe zur Schule, er würde ein Verfahren bekommen und müsste die Armee verlassen.“

Ich: „Wie gesagt, ich habe nicht behauptet, dass Wladimir zur Schule kommen wird, aber Sergej hat das anderen angedroht. Andere Kinder hatten deswegen Angst und daher dulden wir hier an der Schule auch solche Drohungen nicht, auch wenn diese nicht stimmen.“

Eltern: „Wer hatte Angst?“

Ich: „Die Schüler, denen Sergej mit seinem Cousin und der Waffe gedroht hat.“

Eltern: „Wer sind diese Kinder?“

Ich: „Das sind diejenigen Schüler, die sich bei uns wegen der Drohungen gemeldet haben bzw, diejenigen, die ich in meinen Nachforschungen gefunden habe. Ich habe mich mit jedem einzelnen unterhalten und jeder von ihnen hat etwas Ähnliches berichtet.“

Eltern: „Können wir mit diesen Kindern sprechen? Ich weiß nicht, warum sie verbreiten solche Lügen. Warum wollen sie Sergej Böses?“

Ich: „Sie können nicht mit den Schülern sprechen. Es ist für mich vollkommen klar, dass Sergej andere bedroht hat.“

Eltern: „Was meinen Sie, ‚bedroht‘?“

Ich: „Ich meine das, was ich bereits erklärt habe. Ich meine, dass Sergej gegenüber anderen Schüler angekündigt hat, dass sein Cousin Wladimir demnächst mit einer Waffe zur Schule kommen wird. Und dass einige Schüler das glauben und deswegen Angst haben.“

Eltern: „Vielleicht sind es Kinder, die bei uns waren zum Essen waren am Abend. Vielleicht weil sie Sergej kennen.“

Ich: „Ich schließe aus, dass hier andere Schüler Sergej in Pfanne hauen wollen. Darüber hinaus passen diese Bedrohungen auch zu seinem Benehmen im Unterricht, dass ja nun auch problematisch ist.“

Eltern: „Wie meinen Sie?“ (Zum Thema Unterrichtsverhalten gab es schon ein Gespräch, es muss den Eltern entfallen sein.)

Ich: „Sergej hält sich im Unterricht nicht an die Regeln und auf dem Pausenhof auch nicht, wie man an seinen Sprüchen über seinen Cousin und dessen Waffe sehen kann.“

Eltern: „Aber wenn Wladimir mit einer Waffe kommen würde, er würde kriegen ein Disziplinarverfahren. Er ist Offizier! Außerdem darf er gar keine Waffe nach Hause nehmen. Er würde ein Disziplinarverfahren kriegen. Das darf er nicht. Er wäre dann nicht mehr Offizier.“

Das Gespräch dreht sich längst im Kreis aus themenfremden Erklärungen und wiederholtem Unverständnis darüber, was ich gerade aussagen will. Da hier nichts mehr zu erwarten ist, bleibt mir nur, für den Wiederholungsfall schärfere Sanktionen als diesmal anzukündigen und das Gespräch schnellstmöglich zu beenden.

Eltern: „Ich muss sagen, sie sind der erste, der Sergej versteht. Auf der Grundschule, da waren alle immer nur gegen ihn. Aber sie, sie verstehen ihn und sagen nicht immer nur schlechte Sachen.“

Sie schlagen die Hände zusammen und danken ihrem Herrgott für meine Anwesenheit an dieser Schule. Mir ist gerade nicht nach einer Lobpreisung zu Mute, auch wenn ich Religionslehrer bin.

Eltern: „Sergej sagt auch immer, Herr Alltagsarbeiter ist gerecht. Danke, dass Sie uns verstehen!“

Ich komplimentiere die Eltern aus dem Raum und bleibe ratlos angesichts dieses unergiebigen Gesprächs zurück. Was ist hier gerade passiert?

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2 Gedanken zu “Dem Himmel sei Dank (?!)

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