Drückeberger

„Wir können heute keine Reliarbeit mehr schreiben, wir haben schon eine geschrieben!“ Die Vertretungsarbeiterin steht mit besagter Arbeit im Raum, denn ich bin krank. Das ändert nichts daran, dass die Arbeit heute geschrieben werden soll, doch die Neuner sträuben sich. Angeblich haben sie also schon heute eine Klausur geschrieben, Informatik. Hatte ich im Plan etwas übersehen?

Als wieder gesund bin, mache ich mich an die Spurensuche. Nein, im Plan steht nichts von einer Informatikarbeit für den Tag in dieser neunten Klasse. Nur eine einsame Religionsarbeit, eingetragen von Herrn Alltagsarbeiter. So wie es sein sollte und ich es auch in Erinnerung habe. War Informatik nicht ein Kursfach, das heißt, dass nur einige aus der Klasse dieses Fach belegen, während andere zur selben Zeit anderen Unterricht haben? Haben die Kursfächer nicht längst ihre Arbeiten in einer eigens festgelegten Woche geschrieben? Und war der Tag der Religionsarbeit nicht der letzte Schultag vor den Ferien? Das ist immer ein ganz unbeliebter Termin bei den Schülern. In mir keimt ein Verdacht auf. Die Ermittlung geht weiter, ich spreche mit allen Informatikarbeitern im Kollegium. Nein, an diesem Tag hat niemand eine Arbeit schreiben lassen, schließlich gab es die Sonderwoche dafür. Zur Sicherheit sichten wir gemeinsam die Unterrichtsdokumentationen, keine Klassenarbeit zu sehen.

Kurz: Die Neuner hatten keine Lust, die Religionsarbeit zu schreiben und wollten die Gunst der Stunde nutzen, indem sie die Vertretungsarbeiterin foppten. Und dann hatte noch jemand Waffelteig samt -Eisen dabei. In den Wochen nach den Ferien sind sie im Praktikum, sehen mich also so bald nicht wieder. Doch ich habe nicht vergessen. Die Schüler übrigens auch nicht.

Als sie wieder in der Schule sind und der Stundenplan Religion anzeigt, geht in der Klasse das Geraune los, wie die Kollegen mir erzählen. Ob wohl heute eine Religionsarbeit kommen werde? Sie kommt. Die Schüler winden sich, sie hätten doch schon bei Herrn Informatikarbeiter die Arbeit geschrieben. Mit dem ich im Vorfeld bereitsgesprochen hatte. Und merkwürdigerweise wusste eine Woche vor dem eigentlichen Termin in der Übungsstunde noch niemand etwas über Informatik zu berichten. Drei Seiten habe die Arbeit gehabt und überhaupt. Ich lasse Stift und Papier herausholen, die Religionsklausur wird hier und jetzt nachgeholt. Die Klasse motzt und droht mit Beschwerde bei den Eltern, der Schulleitung, der Klassenlehrerin. Die eingeweiht ist und die Sache genau wie ich sieht.

Das Ergebnis ist wie zu erwarten katastrophal. Zwar hatte ich die Schüler vorbereitet, doch diese Vorbereitung ist dank Ferien und Praktikum sechs Wochen her. Erneutes Motzen, als ich die Arbeiten zurückgebe:

„Das sage ich meinen Eltern!“, so die Erste.

„Sowas können Sie nicht einfach machen!“, ereifert sich die Zweite. Ich kann.

„Ich beschwere mich bei Frau Klassenarbeiterin über Sie!“, verkündet die Dritte.

„Frau Klassenarbeiterin wird dir dasselbe sagen wie Herr Alltagsarbeiter.“, wendet die vierte Mitschülerin ernüchtert ein. Die Jungs schweigen übrigens.

„Wie schön, das wir für die Arbeit ja auch nicht lernen konnten!“, mosert die Fünfte ironisch.

„Doch, wir hatten doch den Übungszettel!“, entfährt es in schon liebenswerter Ehrlichkeit der Sechsten.

„Ach so!“ Alte Erinnerungen kommen hoch.

Von den Eltern hat niemand in der Schule angerufen. Die Schüler wissen genau, was sie getan haben.

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