Schülersuche, Elternsuche

Der Sachbearbeiter bittet mich am Morgen ins Büro, ich stelle meine Schultasche ab und ziehe Janas Akte heraus. Darin sind einige Schriftstücke und Einschätzungen, die ich dem Sachbearbeiter zum Kopieren gebe. Wenige Minuten später betreten zum vereinbarten Zeitraum Janas Eltern das Büro. Wir befinden uns im städtischen Jugendamt.

Jana kommt kaum zur Schule, allen meinen Gesprächen, Einschätzungen für Ärzte und Anzeigen zum Trotz. Das Problem, für das es bis heute keine Erklärung gibt, bestand schon, als Jana in meine Klasse kam oder anders: Ihr Schulvermeidungsverhalten ist über Jahre eingeübt, Gegensteuern wird damit immer schwieriger. Der Weg ist klar. Wann immer das Schulrecht es erlaubt, wird Jana wiederholen müssen, so lange, bis sie die Schule ohne Abschluss verlässt bzw. verlassen muss. Danach Jahrzehnte der Verwaltung im Hartz IV-System. Absehbare Perspektivlosigkeit im Kindesalter. Ich habe beim Jugendamt eine Anzeige wegen sogenannter Kindeswohlgefährdung gestellt. Landauf, landab nennt man diese Anzeigen auch kurz 8a-Meldungen, benannt nach dem zugehörigen Paragraphen im Sozialgesetzbuch.

Das Gespräch wird nicht immer befriedigend laufen. Die Sachbearbeiterin stellt fest, dass angebotene Hilfen nicht angenommen wurden, die Eltern behaupten, Hilfe beantragt, aber keine bekommen zu haben. Warum sie die Anträge in der Schule gestellt haben? Ach so, wir haben aneinander vorbei geredet, sie meinten die Nachhilfe. Wir lenken die Familie zurück auf die Angebote des Jugendamtes. Die Eltern schimpfen weiter, sie hätten bei der Schule um dieses und jenes gebeten, aber nie etwas bekommen. Ich stelle fest, dass wir in der Schule erst dann etwas für Jana tun können, wenn sie dort auch erscheint. Warum sich das Mädchen weigert, kann bis heute keiner sagen. Sie hätten doch einen Brief vom Arzt vorgelegt, meinen die Eltern. Der aber nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun hatte. So reden wir munter aneinander vorbei, der Vater verlässt wutschnaubend das Büro, da er sich von uns zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlt. Zum Schluss zieht der Sachbearbeiter einen zu Jana passenden Hilfeantrag hervor, der an Ort und Stelle ausgefüllt werden soll. Ich verabschiede mich in Richtung Schule, der Unterricht wartet.

In der Schule sitzt Diego im Verwaltungstrakt. Er hat eine Kollegin angerempelt und beschimpft, zumindest hat es heute keinen Mitschüler getroffen. Diego ist noch nicht lange an unserer Schule, doch seinen Namen kennt jeder. Er sieht unscheinbar aus, ist aber in seiner Aggressivität kaum zu kontrollieren. Diego ist soeben suspendiert worden. Sein Klassenlehrer versucht, die Mutter des Jungen zu erreichen. Erfolglos, die hinterlegte Nummer stimmt nicht mehr und gehört inzwischen zu einem neuen Anschluss.

Der Kollege gibt das Telefon an eine Klasse 5-Arbeiterin weiter. Aenna ist nicht zur Schule erschienen, obwohl ihre Eltern sie morgens mit dem Auto zu uns gebracht haben. Das kam in der vergangenen Woche schon vor, man fand das Mädchen nach langer Suche abends in der Stadt. Immerhin, die Kollegin hat Glück  und erreicht wenigstens eine Mailbox für einen Rückrufwunsch.

Diegos Klassenlehrer hat zwei weitere Nummer ausfindig gemacht, ruft die erste an – kein Anschluss unter selbiger. Bei der zweiten Nummer wird auf der anderen Seite der Leitung schon mal der Hörer abgenommen, es ist die Arbeitsstelle der gesuchten Mutter. Nein, die Frau arbeite hier nicht mehr, aber vielleicht wisse eine ehemalige Kollegin die aktuelle Verbindung?

Vor der Pause schaue ich kurz in meinen Klassenraum, Jana ist da, Francois fehlt. Der Junge fehlte in den letzten Wochen immer wieder ein, zwei Tage, wie in der Vergangenheit erfolgte keine Abmeldung und keine Entschuldigung. Später meldet sich eine andere Schule, Francois ist dort in Begleitung von Geschwistern gesichtet worden. Auch das ist in der Vergangenheit schon vorgekommen. Damit führt mein Weg ins Sekretariat um einen Anzeigenvordruck zu holen.

Während ich die Daten der Fehltage auf das Formular schreibe, hat die Klasse 5-Arbeiterin einen Rückruf bekommen. Aennas Vater ist aufgelöst, denn er hat seine Tochter auch heute persönlich zur Schule gefahren, damit sie nicht vom Weg abkommt.

Der Kollege hat inzwischen die mögliche vierte Nummer in der Hand, die ihm eine ehemalige Arbeitskollegin von Diegos Mutter mitgeteilt hat. Und tatsächlich, es ist die richtige. Sagt zumindest die Mailboxansage. Beim ersten Mal. Und beim zweiten Mal. Und beim dritten Mal. Einige Versuche später wird er sie am Hörer haben und ihr erklären, dass es schwierig sei, sie zu erreichen. Die Frau will von diesen Schwierigkeiten nichts hören, was denn nun eigentlich los sei? Ihr Sohn mache unlösbare Probleme? Immer würden alle nur auf ihrem Sohn herumhacken! Sie ist genervt. Der Kollege ebenfalls.

Ich tüte meine Anzeige in einen Umschlag ein, klebe die Briefmarke darauf und gebe sie mit dem Pausenklingeln in die Post. Der Unterricht kann beginnen. Am nächsten Tag wird auch Aenna wieder in der Schule sein und einen Tag danach werde ich auch Francois in meiner Klasse wiedersehen. Auch Jana wird abermals da sein.

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