Buch gesucht!

Meine Klasse soll Bücher mitbringen. Sprich, jeder Schüler sucht zu Hause einen Roman oder eine Geschichte aus, die ihm besonders gefällt. Im Unterricht sollen dann sogenannte Lesekisten gebaut werden, das heißt man baut und bastelt eine Buchszene nach, die in einem Schuhkarton untergebracht wird. Anschließend werden Buch und Lesekiste vorgestellt, sodass sich die Klasse eine Meinung darüber bilden kann, ob der Buchinhalt im Schuhkarton wiederzuerkennen ist. Die Idee ist nicht neu, ich habe sie mir im vergangenen Schuljahr bei einer Kollegin abgeguckt, deren Klasse sehr einfallsreiche Ergebnisse produziert hat.

Ein Buch. Von zu Hause. Die ersten Gesichter verziehen sich: „Ein Buch?!“, entfährt es Sarina.

„Ich habe kein Lieblingsbuch!“, versuchen die ersten sich herauszureden. Das lasse ich nicht gelten, während gleichzeitig anderen einfällt, welches Buch sie mitbringen werden.

„Ich habe gar kein einziges Buch zuhause.“ Das ist Francois, und ja, ich hatte so eine Aussage von ihm, dem Jungen, dessen schwankende Versorgung immer wieder auffällt, befürchtet. Deshlab hatte ich zu Hause schon eines herausgesucht.

„Ich bringe das einzige Buch mit, das ich jemals gelesen habe.“, kündigt Maikel an. Damit ist er immerhin ein Buch weiter als Francois, dem in diesem Moment einfällt, dass bei Verwandten noch ein Exemplar von Gregs Tagebuch steht. Er könne das aber erst zur übernächsten Stunde mitbringen. Was er auch machen soll.

Aaron will Stephen Kings Shining mitbringen. Ich halte das nicht für eine angemessene Literatur für 12jährige Jungen und damit muss Stephen King vor der Schultür bleiben.

„Ich habe noch nie ein Buch zu Ende gelesen!“, plärrt Sergej in den Raum. Gesprächsregeln kennt er nicht. Wenn er etwas sagen will, ruft er einfach drauf los, unabhängig davon, ob Mitschüler oder ich gerade sprechen. Dass er noch kein Buch gelesen hat, monierte schon die Grundschule, die erfolglos gegenzusteuern versuchte. Bis heute liest der Junge nur stockend. Dennoch muss Sergej eines mitbringen, sei es eben eins von denen, die er (mutmaßlich) angefangen hat.

Die nächste Deutschstunde kommt und tatsächlich haben die meisten anwesenden Schüler ein Buch dabei. Das ist entweder wirklich das momentane Lieblingsbuch oder das Buch, das gerade in einem Wahlpflichtkurs gelesen wird oder eines, das aus der Leseförderung der Grundschulen stammt – aber immerhin: ein Buch. Aaron hat etwas Anderes als Horrorliteratur gefunden, Maikel fehlt. Maikel fehlt zunehmend häufig. Sergej ist zwar da, hat aber kein Buch dabei. Sergej fehlte an den Schultagen zwischen den Deutschstunden, da hat er das Buch glatt vergessen. Sergej fehlt zunehmend häufig. Faris hat kein Buch mitgebracht, ebenso Rana. Die hat sich allerdings vor der Deutschstunde krank gemeldet und abholen lassen, sodass das für den Unterricht nicht auffällt. Weiter ist Jana buchlos erschienen, was insofern ein Fortschritt ist, als dass sie erschienen ist. Francois, der angeblich „gar kein einziges“ Buch besitzt, fehlt auch. Francois fehlte in letzter Zeit regelmäßig. Später erhalte ich einen Anruf von einer städtischen Grundschule, dass man ihn gesehen habe, als er Geschiwster zur Schule brachte. Bei manchen Schülern halte ich zu anderen Schulen und Ämtern den kurzen Draht.

Wie gesagt, der Rest ist mit einem Buch ausgestattet, und wenn man sich bei Freunden schnell eines ausgeliehen hat. Damit haben wir eine Arbeitsgrundlage, Sergej verkündet noch einmal unaufgefordert, dass er noch nie ein Buch zu Ende gelesen habe, und die Stunde kann beginnen.

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