Lieferdienst

Am Rande des Schulgeländes fährt ein Kleinwagen vor. Schüler, hauptsächlich Jungen, versammeln sich am Tor. Ein Mann steigt aus. Ich postiere mich in einigen Metern Entfernung, um die Szene zu beobachten. Hände werden geschüttelt, Geld wechselt den Besitzer. Keiner der Beteiligten bemerkt mich. Noch ein paar Worte, dann wird eine Tüte über das Tor gereicht. Zwei Kollegen kommen an mir vorbei und zu dritt gehen wir los, um die Szene aufzulösen. Der Kleinwagenfahrer will gerade einsteigen, als wir vor Ort sind. Schnell wollen die ersten Schüler sich aus dem Staub machen, doch wir stehen im Weg. Die gereichte Tüte ist mit vier Döner Kebab gefüllt, die sich unsere Schüler bei einem Bringdienst bestellt haben.

Keiner will es gewesen sein. „Ich bin gerade erst gekommen.“, behauptet der Erste. „Ich habe nur dabei gestanden.“, der Zweite. „Ich bin auch gerade erst dazugekommen.“, hängt sich der Dritte an den Ersten.  Yasin steht in Mitten der Gruppe verloren mit der Tüte in der Hand. Da ich die Jungen ein paar Minuten lang beobachtet hatte, kann ich ihre Behauptungen als Lügen entlarven. Und auch wenn Yasin großen Hunger haben mag, vier Döner wirken überdimensioniert. Ertappt. Betretenes Schweigen. Bei der Schulleitung sind die Jungen wieder oben auf. Yasin fällt ins Wort, will Vorträge über die Schulordnung halten. Er zeigt sich siegessicher, nicht gegen sie verstoßen zu haben. Ihre Rechte kennen die Kinder immer ganz genau.Tatsächlich ist das so eine Sache, das Thema Fast Food wird wirklich mit keinem Wort erwähnt, auch wenn sich das ändern soll. Auf welchem Weg, er den Bringdienst kontaktiert hat? Plötzlich schweigt der gerade noch so beredte Yasin. Klar, mit dem Handy. Bei uns herrscht wie an allen Schulen des Landes Handyverbot.

Der Vorfall macht in den kommenden Tagen die Runde und scheint für die ersten als Vorbild zu dienen. Eine Woche später führe ich wieder die Pausenaufsicht, als eine andere Gruppe Jungen ihr Picknick für die lange Mittagspause ausbreitet. Dazu stellen sie verschiedene Burger, Tüten mit Pommes Frites und Cola um sich herum auf. Maddox war kurz zuvor zum nächsten McDonald’s geradelt. Wieder bemerken die Schüler mich und eine Kollegin zu spät. Wieder nimmt der erste die Beine in die Hand und läuft weg, vorher hat er aber noch schnell einen Burger erbeutet. Auch Angsthasen haben Hunger. Der nächste legt die Pommes Frites, die er in der Hand hält, schnell zurück. Natürlich ist er nur zufällig vorbeigekommen. Ich lasse den Weglaufer einsammeln, der, sobald er wieder ist, sich auch schon erneut verdrücken will. Er darf nicht. Es folgt der Besuch bei der Schulleitung. Unser Schulleiter will nicht, dass Essen von McDonald’s auf dem Schulgelände verzehrt wird, gleichzeitig ist dieses aber bezahlt worden. Die Jungen dürfen sich die Tüte, in der Burger, Pommes Frites und Cola gesammelt wurden, nach Schulschluss abholen. Da ist der Inhalt dann zwar längst kalt, aber die Tüte wird abgeholt. Und wir reißen im Verwaltungstrakt die Fenster auf.

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