Projektwoche – Der Abschluss

Mit dem Abschluss der Projektwoche präsentiert sich unsere Schule den Eltern möglicher neuer Schüler. Und unser Projekt präsentiert sich mit, jemand muss sich um die Verköstigung kümmern, da ist die Küchengruppe wie gemacht für. Auf dem Programm stehen Sandwiches im englischen Stil. Dazu braucht es Aufstriche, gebratene Beläge, geschnittenes Gemüse und vorbereiteten Salat. All dies muss heute zubereitet werden, nichts soll fertig hergestellt aus dem Supermarkt kommen. Nicht alle freuen sich darauf:

„Warum?“, murmelt Joris vor sich hin, „Warum nur?“ Er wendet sich an Maikel: „Warum bin ich hier? Warum bloß?“ Kaltherzig teile ich ihm mit, dass das Schulsystem seine Anwesenheit in der Schule während eines Schultages erwartet. „Jaa…“, seufzt es mir entgegen, „Warum nur, warum ich?“

Einmal mehr geht es an die Arbeitspläne, die die Gruppen langsam aber immerhin stetig diskutieren und ausfüllen. Milos Gruppenzwist des vergangenen Tages ist (vorläufig) vergessen, heute arbeitet man wieder ohne wenn und aber gemeinsam. Am Nachbartisch sieht das schon anders aus. Die Kochgruppe dort hat kaum angefangen, die Aufgaben zu besprechen, da ist Francois schon wieder unzufrieden. Auch heute bedeutet das, dass er die Arme verschränkt, die Backen aufbläst – augenblicklich fahren die Mundwinkel nach unten – und finster dreinschaut. Auch wenn die anderen ihn ansprechen, er redet nicht mit ihnen. Da er mit mir und meiner Kollegin genauso verfährt, übergeht ihn die restliche Gruppe im Arbeitsplan.

An dieser Stelle beginnt die eigentliche Arbeit der Schüler. Die Hände waschen, die Klamotten richten, Sarinas Oberteil ist zur Feier des Tages sogar etwas länger ausgefallen, die Aufmerksamkeit der Jungs ist dennoch nicht gesunken, und ran an die Schürzen. Ab jetzt werden Pasten angerührt und püriert, Salat gewaschen und geschnitten, Gemüse eingelegt. Die ersten schwingen die Pfannen, um Geflügel anzubraten, das später aufgeschnitten wird.

Im Nebenraum erwacht Francois aus seiner mir heute unerklärlichen Wutstarre. Das Gewusel in der Küche macht ihn neugierig, vielleicht gibt es ja auch etwas für ihn zu tun? Ursprünglich hatte ich für den Fall vorgesorgt, dass eine Gruppe besonders schnell fertig wird, und Basilikumsträucher, Tomaten und Mozzarella mitgebracht. Jetzt gebe ich die Zutaten an Francois, der daraus Spieße herstellt. Eine Aufgabe nur für ihn allein, das ist ganz nach seinem Geschmack. Ich habe schon in der Vergangenheit den Eindruck gehabt, dass Gruppensituationen im Unterricht ihn schnell überfordern können und er darauf mit Abschottung reagiert. Und schon ist der erste Teller mit Spießen fertig, Francois steht vor mir: „Ich bin fertig, was kann ich jetzt machen?“ Ich habe noch Zutaten für weitere Spieße, mit denen er wieder zu seinem Tisch zieht. Sie reichen, um ihn 15 Minuten lang zu beschäftigen, dann steht er wieder vor mir und will eine neue Aufgabe, die nur für ihn allein da ist. Jetzt habe ich aber keine Einzelaufgaben mehr, die ich ihm geben könnte, der Junge ist enttäuscht. Sich nachträglich in seine Kochgruppe einklinken will er sich heute nämlich nicht mehr.

Während dessen setzt in der Küche der Obstsalat-Effekt des ersten Projekttages ein. Sprich, die Kinder schneiden das Gemüse zur Hälfte in eine Schale und zur Hälfte in ihren Mund. Ich freue mich natürlich darüber, dass meine Schüler freiwillig Gemüse essen. Gleichzeitig merken sie selbst aber, dass mehr gegessenes Gemüse weniger Sandwiches bedeutet und damit weniger Einnahmen für die Klassenkasse. Die Schüler entscheiden sich für mehr Sandwiches, alle bis auf einen. Milo entdeckt, dass er die Situation nutzen kann, um die Situation an sich zu reißen. Munter futtert er ein Stück Gemüse nach dem anderen, je unwilliger die anderen darauf reagieren, desto offensiver geht er vor. Felix versucht den Weg zum Gemüse zu versperren, Milo bekommt sich vor Albernheit kaum noch ein, versucht, über seinen Mitschüler hinwegzuklettern. In der Pause wird Milo Felix‘ Brotdose zerstören.

Diesem Konflikt zum Trotz stapeln sich langsam die Sandwiches auf den Verkaufstabletts, die ersten putzen ihre Kochstationen. Joris‘ Gruppe bereitet das letzte Sandwich zu, doch die Zutaten reichen nur für die Hälfte, ratlose Blicke. Sie könnten das halbe Sandwich einfach aufessen, schlage ich vor. Bevor ich ausgeredet habe, fällt Joris mir ins Wort: „Das esse ich nicht!“ Ist klar, sind ja auch keine Meeresfrüchte. Kurze Zeit danach murmelt Joris beim aufräumen erneut vor sich hin: „Dass der Mülleimer immer so tief sein muss.“

Sergej, der erneut zur Schule erschienen ist, hat heute übrigens auf schlechte Laune verzichtet und engagiert sich beim Verkauf. Welcher außerdem hervorragend läuft. Am Ende wird es viel Lob für den Geschmack der Sandwiches geben und keines übrig bleiben, die Klassenkasse ist nach dem Tag der offenen Tür prall gefüllt.

Nach allen Konflikten und Wutausbrüchen, die während dieser Tage ausgefochten wurden, bei aller schlechten Laune, die einzelne zu verbreiten versuchten bin ich geschafft. Aber nach außen hin steht das Projekt glänzend da.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s