Projektwoche – Der dritte Tag

Sergej ist wieder da. In den vergangenen Wochen kam er immer seltener zur Schule, doch heute steht er pünktlich vor der Schulküche. Damit haben wir einen der seltenen Tage, an denen meine Klasse vollständig in der Schule versammelt ist.

Nachdem die Schüler es gestern nur noch geschafft hatten, Gemüse für eine Bolognesesoße vorzubereiten, soll das Gericht heute Wirklichkeit werden. Vorab soll die Klasse aber noch einen Nachtisch herstellen. Heute funktioniert der Umgang mit dem Arbeitsplan wieder besser, am vergangenen Tag konnten die Kochgruppen ihn nur unter größten Mühen ausfüllen. Kurz bevor sie an die Arbeit gehen, gibt es in einer Gruppe Probleme. Francois ist plötzlich beleidigt. Mit verhärtetem Gesicht, hängenden Mundwinkeln und verschränkten Armen sitzt er am Tisch und ist weder für seine Gruppe noch für mich oder meine Kollegin ansprechbar. „Nein, ich mache da nicht mehr mit!“, stellt er uns vor vollendete Tatsachen. Bis zur ersten Pause verharrt er in seiner Position. Raphael droht ihn zu triezen, doch wir greifen schnell ein. Bei jemandem, der sich gerade zurückzieht, noch nachzutreten ist an sich schon daneben, aber Francois schlägt in solchen Situationen auch schnell zu. Er gibt sich redlich und immer häufiger auch erfolgreich Mühe, aber die Frustrationsschwelle liegt niedrig bei ihm.

Inzwischen ist der Nachtisch beinahe fertig, da verbreitet Sergej schlechte Stimmung. Das Problem ist Folgendes: Für die Nachspeise wird Vanillezucker verwendet und damit meine ich echten Vanillezucker mit Bestandteilen der Vanilleschote, nicht das weiße Vanillinzeug. Daher finden sich dunkle Spuren im Nachtischglas. Sergejs Befund ist eindeutig: „Das sieht aus wie Kotze!“ Und Kotze isst er nicht.

Vor der Pause bricht in einer zweiten Kochgruppe ein Konflikt aus, es ist Milos Gruppe. Gruppenarbeiten mit Milo „funktionieren“ auf zwei Art und Weisen. Entweder hat er für Gruppenvergleiche kein Ergebnis vorbereitet und versucht dann, seine Mitschüler durch übertriebene Albernheit an der Arbeit zu hindern. Oder eine Gruppe soll etwas herstellen, dann bedeutet Gruppenarbeit, dass die Gruppe macht was Milo will. Es klingt hart, aber ich habe ihn noch nie als zu Kompromissen fähig erlebt. Das führt zu Streit und Milo stellt jedes Mal fest: „Die Gruppe schließt mich aus. Ich bin nicht mehr Teil der Gruppe.“ Da er nicht mehr Teil der Gruppe ist, hilft er ihr heute auch folgerichtig nicht beim Abwasch.

Eine halbe Stunde später sind gerade alle wieder in der Schulküche versammelt, als Francois wortlos aus dem Raum stürmt und verschwunden ist. Eine Kollegin, die ihn bereits aus Grundschulzeiten kennt, wird ihn finden und beruhigen. Genauso kommentarlos wie er verschwunden ist, taucht er nach einiger Zeit wieder auf und schmollt am Tisch weiter. Es dauert noch ein paar Minuten, dann taut er auf und klinkt sich wieder in die Arbeit seiner Kochgruppe ein.

In der Küche werden unterdessen Gemüse und Hackfleisch angebraten, Kräuter gehackt, die Tische gedeckt, zwei Mädchen stellen eine vegetarische Bolognese her und Francois kann sich endlich um die Nudeln kümmern, auf die er gestern schon so sehr bestanden hatte. Auch der Konflikt in Milos Kochgruppe ist vorläufig gelöst, dem Arbeitsplan sei Dank. So erledigt Milo einfach seinen Part und als das Essen fertig ist, trägt er stolz die Pfanne zum Tisch. Während die meisten zufrieden ihr erstes eigenes warmes Gericht essen, das ihnen überdies gut gelungen ist, stänkert Sergej weiter. Der Tisch ist ihm nicht schön genug hergerichtet, die Teller passen ihm nicht. Nein, da will er nicht mitessen. Am selben Tisch kommt es unterdessen zu Joris‘ Schrimps-Monolog, über den ich bereits geschrieben habe. 

Jetzt noch den Nachtisch hinterher und die ersten Schüler liegen satt und glücklich in ihren Stühlen, leichte Müdigkeit macht sich breit. Gleichzeitig bricht erneuter Streit in Milos Gruppe aus. Schließlich hat Milo sich selbst aus der Gruppe und den damit verbundenen Gruppenpflichten entlassen, der Abwasch nach dem Essn fällt für ihn nicht in seine Zuständigkeit. Seine Mitschüler sehen wiederum nicht ein, warum er mitgegessen hat, sie aber seinen Teller samt Besteck für ihn putzen sollen. Sie lassen beides an seinem Platz stehen. Milo lässt sich davon in seinem Verhalten nicht stören, schließlich habe ihn die Gruppe ausgeschlossen, damit ist er das Opfer und dass die anderen nicht für ihn abräumen und abwaschen führt er als Beweis an, wie gemein sie zu ihm seien. Meine Aufforderungen, seinen Verpflichtungen nachzukommen, ignoriert er, wie er es auch im regulären Unterricht tut, wenn er singend oder brabbelnd unter dem Tisch hockt.

Für Ture lautet die Erkenntnis des Tages: „Ich wusste gar nicht, dass man das mit Gemüse macht!“

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