Projektwoche – Der zweite Tag

Da sitzen sie also in der Schulküche, die Schüler meiner Klasse. Wie bereits erwähnt, haben einige Kochschürzen von zu  Hause mitgebracht, die sie vor Unterrichtsbeginn bereits angezogen haben. Darüber hinaus ist der Vorteil einer solchen Schürze, dass Sarina etwas mehr Stoff am Körper hat. Auch heute sonnt sie sich ansonsten in der Aufmerksamkeit der Jungenblicke, wenn sie ihre frühpubertäre bauchfreie Niedlichkeit zur Schau trägt. Außerdem stelle ich fest, dass alle pünktlich sind – so wie gestern. Das wäre was Feines für reguläre Unterrichtstage! Nur Sergej fehlt erneut.

In der ersten Hälfte des Tages soll Gebäck entstehen, das dann in der Pause an die anderen Klassen verkauft werden soll, um die Klassenkasse aufzufüllen. Da ich in vergangenen Kochkursen die Erfahrung gemacht habe, dass die Kochgruppen sich schnell streiten, weil jeder meint, er habe schon genug getan, arbeite ich in der Projektwoche mit Arbeitsplänen. In so einen Plan tragen die Schüler ein, welche Zutaten sie für jeden Rezeptteil brauchen, welches Küchenzubehör nötig ist und wer für jeden Arbeitsschritt zuständig ist. Auf diesem Weg entsteht eine klare Aufgabenverteilung. Gestern war das sehr erfolgreich. Und heute? Alles vergessen! Die Gruppen zeigen mir Arbeitspläne vor, die zu zwei Dritteln leer sind. Küchenmaterial und Zuständigkeiten sind nicht ausgefüllt. Ich lasse nacharbeiten. Wieder kommen die Schüler zu mir, es fehlt immer noch ein Drittel des Planes, die Aufgaben sind immer noch nicht auf die Gruppenmitglieder verteilt. Der Plan muss ein weiteres Mal ergänzt werden. Abermals stehen die Schüler vor mir. „Jetzt ist alles richtig!“, verkündet der erste freudig und…in zwei Spalten fehlen Namen. Ich schicke sie ein weiteres Mal an ihre Tische, um den Plan zu vervollständigen.

Bei den ersten macht sich Frust breit. Jetzt kann man argumentieren, dass dieser Frust von den Kindern hausgemacht ist, da sie eine bekannte Aufgabe mehrfach nicht erledigt haben. Aber diesen Punkt sehen junge Schüler nicht. Sie wollen, dass es voran geht und das muss immer schnell gehen.

Dieser Punkt hat uns eine Menge Zeit gekostet, doch nun werden die Zutaten verteilt und die Gruppen machen sich an den Kuchenteig. Nicht jeder Teig sieht so aus wie erwartet. „Herr Alltagsarbeiter, der Teig sieht komisch aus!“, schreit es mir bereits von einer Kochstation entgegen. Ich erblicke ein Stück Butter neben der Teigschüssel. „Warum habt ihr denn die Butter nicht hinzugegeben?“, frage ich daher. Schulterzucken. An einer anderen Station steht der Zucker noch neben dem Teig, der jetzt in eine Kuchenform gegossen werden soll. „Habt ihr bereits Zucker am Teig?“, frage ich die Schüler. „Keine Ahnung.“, kommt es zurück.

Auch hier gilt: Die Kuchenformen sind irgendwann im Ofen, nur den Verkauf müssen wir jetzt aus Zeitgründen auf eine andere Pause verschieben. Wie gestern putzt Milo, der sonst so auffällig ist, die Küche wie ein Weltmeister. Doch über den Kuchen hinaus hatte ich für heute auch noch ein warmes Gericht geplant, Spaghetti Bolognese. Das ist zwar für den Einstig ins Kochen recht aufwendig, gleichzeitig aber hauptsächlich Schnippel- sprich Fleißarbeit. Und außerdem beliebt. Bevor ich die Schüler Gemüse schneiden lasse, üben wir noch einmal den Arbeitsplan an einem Beispiel, es funktioniert, die Gruppen sollen den Plan wie gestern selbstständig fertig stellen, es geht schief. Es zeichnet sich ab, dass aus der Bolognese heute nichts mehr wird. Aber das Gemüse kann ja zumindest für den kommenden Tag vorbereitet werden. Wir besprechen das Schneiden einer Möhre, die Ordnung am Arbeitsplatz, anschließend schicke ich die Schüler los, um Schneidebretter und Küchenmesser zu holen.

Sie holen Töpfe aus den Schränken. Warum? „Aber wir sollen doch jetzt Nudeln kochen!“ , sind sie überzeugt. Nein, sie sollen Gemüse schneiden. Als scheinbar alle endlich mit Brettern, Messern und Schürzen versammelt sind, fällt den ersten auf, dass sie die Schürzen vergessen haben. Erneutes Laufen. Dazwischen spricht mich Francois an: „Aber ich muss doch jetzt die Nudeln kochen!“ Armer Francois! In diesem Moment habe ich den bösen Gedanken, dass die Spaghetti seine einzige Mahlzeit heute gewesen wären. Sichtlich beleidigt setzt er sich mit verschränkten Armen an einen Tisch und macht einfach gar nichts. Während meine Kollegin und ich Hilfestellung leisten, damit das Gemüse auch möglichst fein geschnitten wird, taut er wieder auf und hüpft um uns herum: „Aber wir kochen doch noch Nudeln!“, ist er überzeugt.

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