Schülerin gesucht

„Jana hat eine neue Krankheit. Sie hat Schwänzeritis!“

Finja dreht sich kurz dem Schulstart lachend zur Klasse um. Dass das Mädchen fehlt, ist mit wenigen Ausnahmen der Dauerzustand, seit ich die Klasse übernommen habe. Und die Witze der Schüler darüber werden offensiver. Heute ist es die „Schwänzeritis“. Am nächsten Tag bleibt Janas Platz ebenfalls leer, als die Mathearbeiterin den Raum betritt.

„Aber Sie wissen doch Frau Mathearbeiterin, heute ist Mathe!“

Einen Tag später lasse ich die Deutscharbeit schreiben, Jana fehlt und tags darauf folgt die Englischarbeit. Und danach? Steht wieder Mathematik auf dem Stundenplan. Ich habe es schon mehrfach erwähnt, als Schule müssen wir bei so genanntem Schulabsentismus nicht tatenlos zusehen. Schon vor geraumer Zeit habe ich die erste Anzeige geschrieben und an das zuständige Amt geschickt, es sollten viele weitere folgen. Auch ein Gespräch mit dem Jugendamt hat stattgefunden, das Amt war allerdings keine Hilfe. (Einerseits bin ich da regelmäßig wütend über die Untätigkeit des Jugendamtes, auch in anderen Fällen – andererseits beneide ich die Mitarbeiter dort nicht um ihre Fallzahlen, mit denen sie fertigwerden müssen.) Wenn das Ordnungsamt dann ein Bußgeld verhängt, bekommt die Schule eine Durchschrift davon, welche dann zusammen mit einem Rückrufwunsch von Janas Familie in meinem Fach landet. Der Inhalt ist stets gleich. Ich solle doch mal bitte schön die Sache mit dem Bußgeld erklären. Diese „Sache“ ist eindeutig: Das Kind fehlt unentschuldigt, sprich ohne ärztliche Bescheinigung. Schulen sind keineswegs gezwungen, handschriftliche Entschuldigungen von Eltern zu akzeptieren. Janas Eltern wissen das. Meistens kommt aber weder das Eine noch das Andere bei uns an. Danach folgt der zweite Teil des kurzen Telefonats. Ich soll beim Ordnungsamt anrufen und die Anzeige zurückziehen, dann wird das Bußgeld nämlich nicht erhoben. Ich rufe nicht dort an.

Gleichzeitig habe ich in der Vergangenheit versucht, den Ursachen für Janas ständiges Fehlen auf die Spur zu kommen. Um es vorweg zu nehmen, ich war erfolglos. Jedes halbe Jahr folgte eine neue Begründung. Mal waren es Trennungsschmerzen von der alten Grundschulklasse. So etwas lässt sich mit Hilfe von Akten überprüfen. Dann war Jana angeblich regelmäßig krank und je öfter sie angeblich krank war, desto schwerer wurden die behaupteten Krankheiten. Zum Schluss hatte sie mindestens zwei davon gleichzeitig. Zwischendurch war Janas Mutter so weit, zuzugeben, dass ihre Tochter sich schlicht weigere zur Schule zu gehen, ohne einen Grund dafür nennen zu können. Das kann ich nicht ändern, bitte die Frau aber, in so einem Fall morgens bei der Schule anzurufen und Janas Weigerung deutlich zu benennen. Damit ist das Kind zwar immer noch nicht in der Schule, bekommt aber keine häusliche Rückendeckung mehr für sein Verhalten. Die Mutter verspricht, dies in Zukunft so zu handhaben.

Wenige Tage später habe ich eine Anrufmitteilung in meinem Fach, Jana sei krank, weitere werden folgen.

Wer so oft fehlt wie Jana, besteht das Schuljahr nicht und muss wiederholen. Es sei denn, man wiederholt bereits und wird deshalb ins nächste Schuljahr mitgenommen. „Aufrücken“ heißt das im Behördensprech. Analog zum neuen Schuljahr gibt es neue Gründe für die altbekannten Fehlzeiten. Da gebe es einen Kurs, der bereite Jana Magenschmerzen. Warum? Weiß man nicht. Aber wenn sie den Kurs wechseln könne in einen anderen… Danach würde das Kind auch ganz bestimmt wieder regelmäßig zur Schule kommen. Passenderweise hat man da auch schon einen Wunschkurs. Den, in den Janas Freundin Ramona geht. Es gibt keinen Kurswechsel.

Einige Zeit später haben sich Jana und Ramona zerstritten und beschuldigen sich gegenseitig des Mobbings. Und kurz danach gibt es Wirbel im Sekretariat. Zwei uns Unbekannte stehen dort und wollen zur Schulleitung. Die junge Frau entpuppt sich auf Nachfrage als Janas ältere Schwester. Sie uns Untätigkeit vor, obwohl Jana so schwer gemobbt werde von Ramona.Und überhaupt, was das denn hier für eine Schule sei, da würde sie ihr Kind später nicht hingeben. In der nächsten Pause wird Ramona weinend vor mir stehen und behaupten, Janas Schwester habe sie bedroht.

Der junge Mann ist folgerichtig Janas älterer Bruder, er sorgt sich um die Zukunft seiner kleinen Schwester. Sie solle nicht so enden wie er, der gerade eine Verurteilung hinter sich habe. Eine Sache ist ihm aber neu: „Wie, Jana kommt nicht zur Schule?“

Das tut sie bis heute nur in Ausnahmefällen. Zu Beginn schrieb ich, dass wir als Schule dem nicht tatenlos zusehen müssten. Aber zur Schule habe ich Jana bis heute nicht regelmäßig bekommen.

An einem der Tage, an denen Jana ganz unvermutet vor dem Klassenraum steht, unterbreche ich irgendwann den Unterricht zu Gunsten eines Gemeinschaftsspiels. Obwohl dieses Spiel nur dann gelingen kann, wenn alle zusammen arbeiten, kümmert sich niemand um Jana, ihre Mitschüler lassen sie einfach stehen.

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2 Gedanken zu “Schülerin gesucht

  1. Immer wieder, wenn ich solche Beiträge hier lese, fasse ich mir verständnislos an den Kopf! Ich begreife das einfach nicht – wie kann so etwas sein, dass ein Kind einfach nicht zur Schule geht?! Wie ticken Eltern (von einem Vater ist zwar in diesem Fall nicht die Rede …), die so etwas nicht wahrhaben wollen bzw. noch unterstützen?
    Mit Grüßen
    AnnJ

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    • Einen Vater gibt es in diesem Fall, aber er tritt gegenüber der Schule nie in Erscheinung. Tatsächlich sagte Janas Mutter mehrfach, dass sie ja verhindern will, dass ihre Tochter nochmal sitzen bleibt.
      Das Paradoxe ist, dass die Eltern von Schulverweigerern meistens selber sehr unzufrieden mit der Situation sind, hier ist das ja auch so. Gleichzeitig sehen sie dann in uns einen Gegner, der ihre Kinder (und die Eltern selbst) unter Druck setzt und dann wird aus Hilflosigkeit in den Abwehrmodus geschaltet. Dann hat man Krach zu Hause und Krach in und mit der Schule, damit das eigene Kind nicht bloßgestellt wird.
      Aber manchmal stecken meine Zähne schon in der Tischplate.
      Viele Grüße vom Alltasarbeiter

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