Tipps aus dem Ministerium Teil 2 – Tiefer ins Gespräch

Das Kultusministerium hat eine Broschüre mit Tipps und Hinweisen für die Eltern werdender Schüler veröffentlicht, in der eine Comicfamilie die Leser durch den Tag lotst. Mit den Tipps 1-3 habe ich mich schon hier beschäftigt, weiter geht’s: 

Tipp 4: Täglich die Schultasche aufräumen. Für den nächsten Schultag packen. Marcs Comiceltern sind einmal mehr am Zug. Sie erläutern, dass sie darauf achten, dass ihr Sohn immer die passenden Schulsachen dabei hat, das Sportzeug eingeschlossen. Da ihr Sohn noch ganz frisch in der Schule ist, helfen sie ihm beim Sortieren.

Milos Mathematikbuch fehlt. Hat er angeblich vergessen. In der kommenden Stunde fehlt es erneut, wie ich von der Mathematikarbeiterin erfahre. Ich kenne das, sein Religionsbuch hat es auch schon länger nicht in den Klassenraum geschafft. Immerhin, das Deutschbuch packt er regelmäßig aus, nur das Deutschheft ist eher selten zu Gast. Ich spreche das Thema gegenüber den Eltern an. Man ist erstaunt und berichtet mir beflissen, dass ihr Sohn regelmäßig seinen Rucksack auf- und einräume. Zwei Tage nach dem Gespräch fehlt das Mathebuch. Einen Tag später das Religionsbuch.

Aber eigentlich befinde ich mich ja im Gespräch mit Francois‘ Mutter, die ich dazu in die Schule gebeten habe. Bei Francois gibt es nicht ganz so viel zu packen wie bei den anderen Schülern. Er besitzt nur selten ein Heft, auch wenn die Frau auf der anderen Seite des Tisches mir von Schränken voller Schulmaterial erzählt. Die Mathematikarbeiterin hat ihm inzwischen selbst ein Heft gekauft, so ist das Thema vorläufig auch gelöst. Da ich Francois kein Heft gekauft habe, schreibt er in Deutsch weiterhin in einen Block. Immerhin gibt es einen Block.

Tipp 5 kommt von den ministeriellen Ernährungsbeauftragten: In der Schule genug und gesund essen und trinken. Comic-Marcs Eltern haben ihn natürlich in der schuleigenen Mensa angemeldet und geben ihm außerdem ausreichend zu trinken mit.

Über einige meiner Beobachtungen zum Thema Schülerfrühstücke habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen, ansonsten kann ich sagen: Wir haben eine Mensa mit einem Caterer aus der Nähe, das Essen soll ganz annehmbar und ausgewogen sein. Nicht wie an meiner alten Schule, die sich unter anderem den örtlichen Pizzabringdienst ins Boot geholt hatte.

Essen. Immer wieder kreist das Gesprächs mit Francois‘ Mutter um dieses Thema, sei es, weil sie darauf zurückkommt oder weil mein Kollege und ich insistieren. Francois geht nicht in die Schulmensa, auch wenn es für finanzschwache Familien staatliche Mittel gibt, die den Preis auf einen Euro pro Mahlzeit reduzieren. Das ist dann kein Problem, wenn Kinder eine ausreichende Menge Essen von zu Hause mitnehmen. Ein Schultag mit Ganztagsunterricht dauert ganz schön lange, sprich: Die Kinder brauchen Futter. Dass er das regelmäßig bekommt, bezweifeln wir aber in Francois‘ Fall. Die Unterhaltung startete bei sechs Scheiben Brot, die das Kind angeblich mitnehmen würden. Zwischenzeitlich war die Menge auf acht Scheiben gestiegen, inzwischen sind es zehn. Ich glaube kein Wort.

Tipp 6 aus der Chefetage: Zu Hause in Ruhe für die Schule üben. Dazu besitzt Comic-Marc einen eigenen Schreibtisch und seine Eltern fragen täglich – wie im letzten Beitrag zu diesem Thema beschrieben – nach den schulischen Inhalten.

Auch wenn ich keine Hausaufgaben aufgebe – andere Kollegen tun das. Francois hat regelmäßig keine Hausaufgaben angefertigt. Wir bitten seine Mutter, darauf doch Acht zu geben.

„Also ich muss mal ganz ehrlich sagen, soll ich Ihnen mal sagen, wie das aussieht, wenn Francois nach Hause kommt? Ich sag‘ Ihnen das mal: Der kommt rein, Schuhe aus, ab in sein Zimmer und dann läuft stundenlang der Fernseher.“

„Stundenlanges Fernsehen ist sicher keine geeignete Beschäftigung für einen kleinen Jungen.“, entgegne ich.

Ich muss mal sagen, ich find‘ das ja auch nicht gut, aber den hat ihm und seinem Bruder sein Onkel geschenkt.“

„Dann nehmen sie den Fernseher doch aus dem Zimmer.“

„Also ich muss mal ganz ehrlich sagen, Sie kennen meine Kinder nicht! Die finden schon ihren Weg! Was die sich alles ausdenken! Da komm‘ ich gar nicht drauf!“

„Sie sind die Mutter, sie entscheiden das und wenn sie das nicht wollen, hat doch der Onkel nichts zu sagen.“, beharren wir.

„Ja, der kommt sofort raus, gleich wenn ich nach Hause komme.“

Einige Wochen später erfahre ich, dass der Fernseher sich nach wie vor im Zimmer von Francois und seinem Bruder befindet.

 

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