Tipps aus dem Ministerium Teil 1 – Wunsch und Realität

Das Kultusministerium hat eine Broschüre drucken lassen, die sich an die Eltern zukünftiger Schüler richtet. Nach dem Aufklappen grinst einem ein fröhlicher Comicjunge namens Marc entgegen, der von seinem Schultag berichtet. Auch Marcs Eltern kommen zu Wort, sie erzählen, „wie wir Marc im Schulalltag unterstützen“. Das Miniserium will darauf aufmerksam machen, dass ein Schultag aus mehr als Schule besteht. Insbesondere die Themen regelmäßige Mahlzeiten und liebevolle, unterstützende Zuwendung stehen im Vordergrund.

Wie immer gilt: Natürlich erlebe ich Familien, die sich um dieses Ideal bemühen, interessiert an ihren Kindern sind. Doch an einer Schule, an der der Schultag regelmäßig nicht pünktlich starten kann, weil es zu Hause schlicht egal ist, wann (oder ob) das eigene Kind aufsteht, komme ich – rein subjektiv – an manchen Tagen zu einem anderen Bild.

Tipp 1 des Ministeriums: Rechtzeitig aufstehen und gemeinsam frühstücken. Das Thema Frühstück. Ich habe Francois‘ Mutter zum Gespräch gebeten, um genau solches mit ihr zu bereden. Mit etwas Verspätung erscheint sie und  beschwert sich zur Begrüßung, dass im Sekretariat niemand zu erreichen gewesen sei, um ihre Verspätung anzukündigen. Ohne darauf einzugehen eröffne ich gemeinsam mit einem Kollegen das Gespräch. Wie dem Ministerium geht es uns um Francois‘ Frühstück in der Schule. Die Antwort folgt prompt:

„Also ich muss jetzt mal ganz ehrlich sagen, wenn das jetzt schon wieder losgeht mit dem Essen, dann geh‘ ich gleich wieder! Ich kann das nicht mehr hören! Ich mach‘ allen Kindern morgens Brote, ich habe schon meine Nachbarin dabeistehen als Zeugin, damit das endlich aufhört. Nur der Francois, der mag mein Brot nicht, der macht sich das selber. Die nehmen morgen jeder sechs Scheiben Brot mit, aber keiner isst das auf. Das wandert alles abends in den Müll.“

Tipp 2 aus dem Kultusministeriums: Vor Schulbeginn in der Schule ankommen. Dazu schicken die Comiceltern des fiktiven Marc ihn rechtzeitig von zu Hause los, damit er pünktlich ankommt.

Es ist ein beliebiger Morgen zu einer beliebeigen ersten Stunde in meiner Klasse. Wir haben uns begrüßt, ich habe gerade mit der Stunde begonnen, die ersten Finger zeigen in die Luft und…die Klassenraumtür öffnet sich. Sergej betritt den Raum, murmelt eine Entschuldigung für die Verspätung, jemand macht einen Spruch – „Sergej schon wieder.“ – und wenn alles gut geht, ist er der einzige verspätete Schüler am Morgen. Damit können der Unterricht und die Gedankengänge der Schüler dann weiter gehen.

Ich spreche Sergejs ständige Verspätungen gegenüber seinen Eltern an und erfahre: Das mit der richtigen Uhrzeit falle ihm noch schwer, denn die Grundschule habe fünf Minuten später begonnen. Die haben wir allerdings schon länger hinter uns. Ich weise noch einmal auf unsere Unterrichtszeiten hin, ein Jahr nach dem Gespräch wird sich nichts geändert haben.

Tipp 3 meines Dienstherrn: Im Unterricht aufpassen (die Kinder) und sich für die Schule interessieren (die Eltern). Inzwischen hat der Comicjunge Marc die Schule erreicht und selbstredend vorbildlich mitgearbeitet. Zuhause werden sich seine Eltern später für den Schultag interessieren und Marc zeigt ihnen dann, was er heute gemacht hat. Bei solchen Gelegenheit würde dann auch auffallen, wenn ein neues Heft oder ein neuer Stift benötigt werden oder es ein Rundschreiben für die Eltern gibt.

Zurück zum Gespräch mit Francois‘ Mutter. Der Junge besitzt kein Deutschheft. Ein Matheheft ebenso wenig. Schulische Mitteilungen kommen grundsätzlich nicht unterschrieben zurück. Wenn die Schule Geld einsammelt, wird zunächst grundsätzlich nicht bezahlt, erst ein Anruf aus unserer Verwaltung schafft Abhilfe. Die Antwort folgt wiederum auf dem Fuß:

„Also ich muss da mal ganz ehrlich sagen, ich habe für meine Kinder schon so oft neue Stifte und Federmappen gekauft, für die Cindy hab‘ ich das Schuljahr schon drei Mal eine Federmappe gekauft. Ich weiß auch nicht, was meine Kinder machen, die war ständig weg.“ Ferner erfahren wir, dass es bei Francois Zuhause einen Schrank geben soll, der randvoll mit Heften und Stiften gefüllt ist, Francois müsse nur zugreifen. Ständig kaufe sie ihren Kindern neue Schulsachen. Und die Mitteilungen der Schule? Hat seine Mutter angeblich nie erhalten: „Also ich muss da mal ganz ehrlich sagen, ich weiß nicht, was er da macht, der geht bestimmt an den Briefkasten oder so. Meine Kinder sind da schlau.“

Während sie spricht, springt sie von einem Thema zum nächsten und kommt am Schluss wieder bei den Schulbroten an. Die Anzahl der Brote pro Kind ist inzwischen von sechs auf acht angestiegen.

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