E-Mail für mich 1 – Hat nichts mit Rassismus zu tun, aber…

Am zweiten Tag unserer Projektwoche erreicht mich eine E-Mail auf meiner Dienstadresse. Maikels Mutter hat ein dringendes Anliegen, dass aus ihrer Sicht keinen Aufschub duldet. Dazu muss ich erwähnen, dass ich mit den Eltern unserer Schüler ausschließlich telefonisch über das Schultelefon oder persönlich bei einem vereinbarten Termin kommuniziere. Die Themen E-Mail und private Telefonnumer biete ich bewusst nicht an. Die Dienstadressen für Mails kann man sich allerdings ziemlich einfach zusammenreimen, aber die Eltern wissen auch, dass ich nicht antworten werde, wenn sie mir trotzdem schreiben.

Wie gesagt, Maikels Mutter ficht das nicht, sie schreibt mir. Ich erfahre, dass Maikel, der am Wanderprojekt beteiligt ist, gestern krank war. Die von unserer Schule geforderte telefonische Krankmeldung habe ich übrigens nicht in meinem Fach gefunden. Eine Rücksprache mit unserer Sekretärin am nächsten Tag erklärt das, es hat schlicht niemand angerufen. Am zweiten Tag ist Maikel aber zu irgendeiner Uhrzeit wieder zur Schule gekommen und das Wanderprojekt ist doch tatsächlich wandern gegangen! Und zwar ohne Maikel, den am ersten Projekttag noch keiner gesehen hat, Bescheid zu sagen! Die Mutter findet, das könne nicht angehen.

Es sollte noch dicker kommen: Maikel musste keineswegs einsam vor dem Sekretariat sitzen, eine Kollegin nahm ihn mit. Unsere Schule hat eine bunte Schülerschaft verschiedenster Nationalitäten und um deren kulturelle Hintergründe geht es in ihrem Projekt. Das geht: gar nicht. Schreibt Maikels Mutter. Ihr Sohn wolle das nicht. Ein kurzes Gespräch mit der Kollegin fördert zu Tage, dass sie den Jungen mehrmals gefragt hat, ob er sich im Projekt wohlfühle und bleiben wolle und er bejahte das. Die Erziehungsberechtigte vertritt da jedoch andere Vorstellungen. Ihr Sohn solle nicht als Notlösung in so ein Projekt über „ausländische Kultur“ gesteckt werden. Sie wolle das nicht und Maikel wolle das ebenfalls nicht. Sie möchte das auch nicht erklären, „das hat nichs mit rasismus zu tun“, aber man wolle das einfach nicht, „es interesiert ihn auch nicht“.

Weiter stellt die gute Frau mir da, dass sie sich aber  auch nicht darum kümmern könne, sie habe keine Zeit selbst zur Schule kommen, um zu klären „wer, wie, was, wo“. Sie müsse arbeiten und einen Führerschein besitze sie nicht. Sie könne das im Übrigen nicht nur, sondern werde das auch nicht machen. Mein Gedanke: Maikels Mutter könnte anrufen. Am besten gleich am ersten Krankheitstag, so wie es die Schulordnung vorsieht. Dann würden der Kollege, der Maikels eigentliches Projekt betreut und ich von seiner Krankheit erfahren und könnten im Gegenzug der Familie alle nötigen Informationen zukommen lassen. Allein, das Thema Telefonieren zieht sie in Ihrem Schreiben nicht in Betracht.

Nachdem ich inzwischen eine DIN-A4 Seite lang gelesen habe, was man alles nicht getan hat, nicht kann, nicht will und nicht tun wird, robbt sich Maikels Mutter zum zentralen Punkt vor. Sie kommt ein weiteres Mal auf die „ausländische Kultur“ zu sprechen, ein Projekt, in das sie ihren Sohn auf keinen Fall weiter schicken werde. Schließlich müsse sie als Mutter sich sicher sein, dass ihr Sohn es in der Schule „auch gut und sicher habe“, ein Punkt von dem sie momentan offensichtlich nicht auszugehen scheint. Ansonsten, kündigt sie an, werde sie ihren Sohn in den kommenden Tagen zu Hause behalten. (Das ist übrigens eine Ordnungswidrigkeit, die bei Wiederholung mit einem Bußgeld belegt wird.) Die E-Mail mündet in der zentralen Frage:

„Was werden Sie Herr Alltagsarbeiter also nun tun?!????“

Zunächst klicke ich auf den Ignorieren-Button der angehängten Lesebestätigung.

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