Versetzungswünsche 2: Auf dem Höhepunkt

Magdalena soll auf ein Gymnasium gehen, so hat es mir ihre Mutter geschrieben. Die Frau bescheinigte ihrer Tochter dazu musische und sportliche Fähigkeiten, eine überdurchschnittliche Sozialkompetenz und überdurchschnittliche schulische Leistungen. Meine Meinung oder Beratung ist ausdrücklich nicht gefragt, die mir zugedachte Rolle beschränkt sich darauf, dem Ganzen als Klassenlehrer zuzustimmen und den Wechsel aufs Gymnasium zu empfehlen. Gleichzeitig ist die Mutter sich ganz sicher darin zu wissen, wie die meine Meinung aussieht. Der Herr Alltagsarbeiter sei ja von dem Plan mit dem Gymnasium nicht so überzeugt, erklärt sie einer Kollegin, die vor dem Sekretariat der Schule abgefangen wird. Da diese Kollegin nicht in meiner Klasse und damit auch nicht Magdalena unterrichtet, bleibt ihr auch nicht mehr als der Hinweis übig, mit mir über meine Meinung zu sprechen.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Mobbing. Magdalenas Mutter ist am Telefon der Meinung, seitdem sie den Antrag zum Wechsel gestellt habe, würde ihre Tochter von den Lehrern gemobbt. Insbesondere von den weiblichen Lehrkräften. Am Telefongespräch kann ich die angeblich einsetzende Schulangst der Tochter nicht bestätigen, im Gegenteil. Magdalena wird zunehmend frecher, schwatzt immer selbstverständlicher, spricht man sie darauf an, grinst sie breit. Parallel dazu geht ihre Unterrichtsbeteiligung zurück. Als ihre Sitznachbarin krank ist, nimmt sie unumwunden den leeren Nachbarstuhl und baut sich zusammen mit ihrem eigenen Stuhl daraus eine Liege. So ist es auch viel bequemer. Unterrichtsmaterial? Heute Fehlanzeige. Ihre Mutter ist ratlos, sie könne ja nur das wiedergeben, was ihre Tochter zu Hause erzähle. Und ich kann nur das zurückgeben, was ich tagtäglich im Unterricht beobachte.

Zwei Tage später fehlt Magdalena und ich habe wieder den Telefonhörer in der Hand. Die Mutter bittet um ein persönliches Gespräch, es müsse unbedingt noch am selben Tag sein. Ihre Tochter sei so verängstigt, dass sie sich heute morgen nicht aufgestanden sei. Damit man sie nicht aus dem Bett bekam, habe sie sich sich mit einem Seil daran festgebunden. Ich frage die Frau,ob sie sich schon mit den betreffenden Kolleginnen in Verbindung gesetzt habe, die könnten schließlich deutlich besser etwas über ihren eigenen Unterricht sagen. Hat man nicht: „Aber Sie sind doch der Klassenlehrer!“ Das ist richtig, einen Röntgenblick besitze ich dennoch nicht. Ach ja, das Gespräch. Unbedingt heute. Ich mag solche Überrumpelungen nicht, aber lasse die Mutter dennoch kommen. Weil ich selbst zu einer Überrumplungstaktik greife. Ich empfange die Mutter im Beisein aller weiblichen Lehrkräfte meiner Klasse, die ihrerseits schon neugierig darauf sind, auf welche Art sie Magdalena denn gemobbt haben. Von den Vorwürfen bleibt unterm Strich nichts über. Die Mathekollegin hatte es gewagt, dem Mädchen zu sagen, dass eine gute Matheschülerin wie sie sich auch einmal selbstständig in eine Aufgabe hineindenken solle. Denn auch in Mathe zeige Magdalena zunehmende Unlust, auch einfachste Aufgaben verstehe sie angeblich nicht mehr, was sie regelmäßig lautstark verkünde.

Und die anderen Kolleginnen? Über die weiß Magdalenas Mutter nichts zu berichten. Sie wiederholt, dass ihr Kind sich am Bett festgebunden habe, weil es so verzweifelt sei. Das Gespräch dreht sich im Kreis, wir beenden es deshalb.

Am nächsten Tag ist Magdalena wieder in der Schule, so richtig mitmachen mag sie nicht. Zumindest nicht im Unterricht, bei fröhlichen Gesprächen schon. Gerne auch quer durch den Klassenraum. Meine Teamkollegin ermahnt Magdalena, die sich keinesfalls davon beeindrucken lässt. „Das“, sagt sie und grinst breit, „erzähle ich meiner Mutter.“

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