Versetzungswünsche 1: Der Auftakt

Mit den nahenden Zeugnissen erreicht mich ein Brief. Magdalenas Mutter schreibt und erklärt mir, dass ihre Tochter auf ein Gymnasium wechseln soll. Dazu soll ich auf dem Zeugnis eine entsprechende Empfehlung unterbringen und Magdalenas Mutter hat auch für mich vorgedacht, warum ich das bestimmt machen werde.

Sicher sei mir schon aufgefallen, dass Magdalena ein Mädchen sei, das eine für ihr Alter überdurchschnittlich hohe Sozialkompetenz aufweise. Mir ist bisher vor allem in Erinnerung, dass Mgdalena sich bereitwillig an jedem Blödsinn beteiligt. Eine Woche vor diesem Brief kam es beispielsweise zu einer Auseinandersetzung in der Mädchentoilette. Magdalena und eine Freundin hatten sich mit einer Schülerin aus der Parallelklasse angelegt, es herrschte Arbeitsteilung: Die Freundin beschimpfte das andere Mädchen, Magdalena schmiss mit Müll. Soziale Kompetenz sieht für mich anders aus. Außerdem, so führt die Mutter aus, erkenne Magdalena die Fehler anderer und helfe ihnen selbstständig. Aber nicht in meinen Stunden.

Weiter solle Magdalena mehr gefordert werden: Sie brauche ein Angebot, dass ihr mehr musische, sportliche und intellektuelle Möglichkeiten eröffne. Schon jetzt gehe sie solchen Dingen in ihrer Freizeit nach: Sie höre täglich Radio und laufe Rollschuh, wenn es das Wetter erlaube. Und im Winter Schlittschuh. Ansonsten sei mir ganz bestimmt im Unterricht aufgefallen, dass das Mädchen überdurchschnittliche Leistungen zeige – ein klarer Hinweis darauf, dass Magdalena an ein Gymnasium gehöre. Ob ich noch auf das Schreiben antworten soll? Musische und sportliche Fähigkeiten hat man sich schon selbst attestiert und wie sich Magdalena in meinen Stunden so macht weiß man zu Hause offenbar auch. Und das ganz ohne nachfragen zu müssen. Die Diagnose steht.

Aus meiner Sicht zeigt sich die Lage im Punkt der schulischen Leistungsfähigkeit zumindest differenzierter als bei der sozialen Kompetenz. Auf Magdalenas Meldungen im Unterricht ist Verlass. Was sie sagt ist gut und auch in den anderen Fächern sieht es nicht schlecht aus. Nicht immer überragend, aber ein Zeugnis aus einigen Zweien und mehreren Dreien ist nicht zu verachten. Und ich denke auch, dass Magdalena diesen Leistungsstand ohne allzu große Anstrengungen erreicht. Flüchtigkeitsfehler in Arbeiten scheint sie mir gerne in Kauf zu nehmen, da sie im Gegenzug nicht viel für die Schule zu tun scheint und auch nicht tun muss. Dafür fehlt immer mal Material, etwas wird nicht nicht abgegeben und wenn man keine Lust hat, dann quatscht man eben die Schulstunde durch (dazu im nächsten Beitrag mehr).

Ich biete eine Beratung an, dabei geht es mir nicht darum, die Eltern des Kindes von ihren Plänen zwingend abzubringen. Das könnte ich auch nicht, ihr Wunsch steht ja fest. Aber ich möchte ihnen an Hand der Lehrpläne aufzeigen, was ihre Tochter auf einem Gymnasium erwartet, worauf sie und ihr Kind Acht geben sollten, sollte ein Wechsel gelingen. Man möchte nicht beraten werden, will aber im Gegenzug mich noch weiter überreden. Die Magdalena würde dann das laufende Schuljahr am Gymnasium noch einmal wiederholen, damit sie besser in den Stoff reinkäme. Ich würde das Mädchen nicht ohne Not wiederholen lassen, die Wiederholung eines Jahres ist für Schüler auch immer Ausdruck einer schulischen Niederlage. Die Mutter geht am Telefon nicht darauf ein, ist schon beim nächsten Thema. Die Magdalena werde ja neuerdings von den Lehrern in der Schule so geärgert. Man würde sie mobben, weil sie aufs Gymnasium gehen solle. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahne: Magdalena hat da einiges vorbereitet, um uns und ihre Mutter auf Trab zu halten, wobei letztere sich bereitwillig von ihrer Tochter einspannen lassen wird…

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