Regression

Auf sämtlichen Unterricht an einer Regelschule treffen ein paar Eckpunkte zu, die stets gleich sind: Schüler und Lehrer betreten den Raum, es gibt eine Begrüßung, es kommt mehr oder weniger zu Unterricht, mit dem alle Beteiligten mehr oder weniger zufrieden sind, der Unterricht endet zur Freude oder zum Missfallen der Beteiligten irgendwan, man verabschiedet sich. In der nächsten Stunde beginnt das Spiel von vorne.

Das ist auch in meinem Unterricht grundsätzlich nicht anders, manchmal aber schon. Die Stunde beginnt, ich betrete meine Klasse, die meisten Schüler befinden sich an ihrem Platz, der ein oder andere fehlt. Wir begrüßen uns und gerade will ich mit dem Stundenthema anfangen, da geht wie von Geisterhand die Tür des Klassenschranks auf. Milo kommt zum Vorschein. Er ist klein genug, um in ein Schrankfach zu passen und er prustet vor Lachen. Das kann er nicht immer machen, denn in der Regel ist der Klassenschrank abgeschlossen. Dann versteckt sich Milo ab und an hinter der Gardine. Natürlich sieht man seine Füße, aber er wartet, bis er aufgefordert wird, sich an seinen Platz zu begeben. Ich mache dieses Spiel seit geraumer Zeit nicht mehr mit, also steht er eine Viertelstunde hinter dem Vorhang, bis es ihm schließlich zu langweilig wird und er zu seinem Platz trottet. Dann schlurft er laut und zieht so doch wieder Aufmerksamkeit auf sich, einige Mitschüler sind genervt.

Auch das tut er nicht jede Stunde. Meistens geht er mit seinen Klassenkameraden zusammen in den Raum und zu seinem Tisch. Dabei nimmt er Anlauf, wirft sich auf den Boden und schlittert über selbigen zum Ziel. Bei anstehenden Klassenarbeiten kommt eine auf diese Situation abgestimmte Ausbaustufe zum Einsatz, sein Auftritt wird dann von einem langgezogenen und theatralisch vorgebrachten „NEEIIIN!!“ oder „OH MEEIIIN GOOOTT!!“ begleitet. Sein Unterrichtsmaterial holt er oft als letzter hervor, regelmäßig wird zuerst ein Spielzeug hervorgeholt.

Meine Klasse hat mir in sozialer Hinsicht schon mehrfach Kummer bereitet, aber auf eine Sache ist Verlass: In den ersten beiden Stunden läuft der Unterricht wie am Schnürchen. Vielleicht sind die Kinder noch zu müde zum Reden, Beleidigen, sich gegenseitig Fertigmachen, sich über andere Erheben. Jedenfalls arbeiten sie hervorragend mit, die Stunden bringen tolle Ergebnisse.

Milo arbeitet nicht mit. Er liest im Schulbuch oder Heften, die er sich von zu Hause mitgebracht hat. Er zerschneidet Tintenpatronen, produziert Tintenseen auf seinem Tisch, die er dann wegwischen muss. Er nimmt ein Blatt Papier und malt ein Gewehr oder einen Panzer. Je ruhiger und konzentrierter seine Mitschüler arbeiten, desto geräuschvoller tut er das. Immer heftiger klappert er mit dem Bleistift auf dem Blatt. Solange bis man ihn auffordert, das zu unterlassen oder den Stift wegnimmt und erste Mitschüler wieder genervt reagieren. Ab und an dreht er sich zu einem Jungen hinter ihm und oder einfach allgemein zur Klasse. Dann lautmalert er los: „Dadadadadadada!“ Milo singt gerne.

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