Entspannte Kinder – die Weihnachtsgeschichte

„Ich red‘ auch nicht mehr rein, ich verspreche es.“ Sergej versucht sich in Besserung. Phasen, in denen er sich bemüht, sich zusammenzunehmen, wechseln sich mit vielen anderen ab, in denen er wie im Affekt in den Klassenraum ruft. Jedes noch so nichtige Ereignis, jeder Kommentar ist Anlass genug, um daruaf reagieren zu müssen. Heute scheint Segej zumindest zu merken, dass irgendetwas an seinem Verhalten wohl nicht in Ordnung sein muss, denn sein Versprechen zeigt zumindest, dass ihm gerade klar ist, dass er ständig daziwschen ruft. Ein Fortschritt.

Sergej verspricht also Besserung und ruft wenige Sekunden später sofort wieder etwas in den Raum. Den Rest seiner Unterrichtsaufgabe erledigt er daher an einem Tisch vor dem Klassenraum. Am Ende der Stunde wird er wieder reinkommen und mir eine vollständig erledigte Aufgabe vorzeigen. Auch in eins-zu-eins-Situationen mit einer Teamlehrkraft kann Sergej zielgerichtet und zugewandt arbeiten. Zurück in der Klasse fällt er dann allzuoft in die Rolle des Dauerkommentators und Clowns zurück.

Szenenwechsel: Wir befinden uns kurz vor den Ferien, die Klassenweihnachtsfeier steht an. Die Klasse hat ihren Raum hergerichtet, ein paar Jungs hatten die Idee, ihren Mitschülern und den angekündigten Eltern Getränke und Kekese auszuschenken und zu servieren. Einige Mädchen fragen nach sofort nach Musikbeschallung, die ich ersteinmal auf später verschiebe. Die Eltern treffen ein, manch eine Familie hat noch jüngere Geschwister dabei, die von meiner Klasse schnell aufgenommen werden.

Je länger die Feier andauert, desto gelöster werde die Gesichter der Schüler. Verzogen einige noch das Gesicht, als das Eintreffen ihrer Eltern näher rückte, merken sie inzwischen, dass die anwesenden Erwachsenen sie weder fressen, noch sie ununterbrochen beobachten. Und Sergej? Er sitzt hinter dem Getränketisch auf einem Stuhl, auf seinem Schoß hat seine kleine Cousine, die er im Arm hält. Er tut das so, als sei es das Selbstverständlichste, sich als 13jähriger Junge um kleine Mädchen zu kümmern. Nebenbei unterhält er sich mit seinen Freunden in der Klasse, für Eitelkeiten a là „Ih, das ist ein keines Kind/ein kleines Mädchen!“ hat er keine Zeit. Als er zwischendurch aufsteht, setzt er das kleine Mädchen auf seinem Schoß behutsam ab. Das gehört in der Tat so seinen positive Zügen, Berührungsängste vor Situation, in denen sich pubertierende Jungen und Mädchen schämen, kennt er nicht.

Später ist die Weihnachtsfeier vorbei, der Klassenraum wieder augeräumt. Die Kinder gehen entspannt nach Hause – die fehlende Musikbeschallung hat auf unserer Feier niemand vermisst.

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