„Pausenspaß“

Kinder können sehr feinfühlige Wesen sein. Sie können mal gewollt, mal ungewollt sehr deutlich machen, wie es in ihnen aussieht. Sie können aber auch die Befindlichkeiten anderer genau erkennen und darauf eingehen. Das bedeutet nicht immer etwas Gutes.

Längst weiß meine Klasse, dass mit Patrice nicht immer alles rund läuft. Ein falscher Spruch, eine falsche Bewegung und er langt zu. Wer da vor ihm steht, ist ihm in solchen Situationen egal, er ist dann buchstäblich blind vor Wut. Und gerade jetzt, als der Winter naht, fällt auf, dass er nicht immer passend zur Jahreszeit angezogen ist. Und eine Kollegin sprach mich an, wie es denn um seine Körperhygiene stehe, Patrice habe heute Morgen nicht gerade geduscht ausgesehen und gerochen. Er ist ein intelligenter Junge und wenn er sich im Unterricht zusammennimmt, ist er inhaltlich ganz vorne dabei. Allzu oft tut er das aber nicht, vielleicht weiß er auch nicht wozu.

Patrice hat gegenüber mir die Klappe gehalten, aus Angst. Am Ende könnte er noch den Ärger bekommen, weil er ja zugeschlagen hat. Zuerst steht ein Kollege von der Pausenaufsicht vor mir, dann wendet sich ein Mitschüler an mich. Ob er einmal mit mir sprechen könne, es gäbe da Leute, die auf Patrice losgehen würden.

Andere aus meiner Klasse haben erkannt, wie das bei Patrice funktioniert. Schnell das richtige Knöpfchen an ihm drücken: „Ey, du Aggrokind!“ – Inzwischen versucht Patrice, den Konflikten aus dem Weg zu gehen, er kennt seine eigenen Schwächen. – „Ey, leck‘ mir die Schuhe.“ Dann hält Adrian ihm seine Schuhe unter die Nase. Adrian hat immer modische Kleidung an und kann auch sonst aufzählen, was er alles an tollen Dingen besitzt. Und seine „Freunde“ machen mit. Vielleicht kann man noch jemanden von den jüngeren Schülern überreden, Patrice mal von hinten eine zu klatschen?  Und ab geht die Action. Nachschlag gefällig? – „Mach‘ mir die Schnürsenkel zu, ich weiß nicht wie das geht!“ – „Guck‘ mal, wieder der Gestörte wieder austickt!“ Was für ein Pausenspaß. Es widert mich an.

Als ich mit Patrice darüber spreche, schaue ich genauer an ihm rauf und wieder runter. Seine Schuhe sind in einem beklagenswerten Zustand,verdienen kaum noch ihre Bezeichnung. Die Sohlen hängen lose um den Rest drum herum, zwischen ihnen und dem Stoff scheint es keine haltende Naht mehr zu geben.

Jetzt schlägt Sergejs Stunde. Sergej gehört zu denen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, wenn Patrice zuschlug. Sergej ist selbst kein unbeschriebenes Blatt, aber hier gibt er sich unbeirrbar. In der nächsten Pause nimmt er seinen gequälten Mitschüler beiseite, spricht mit ihm, will ihn beruhigen. Erst Schläge abbekommen und dafür noch zu Patrice halten, das rechne ich Sergej hoch an.

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