Aufmerksamkeit!

„Herr Alltagsarbeiter, ich freue mich schon voll auf morgen!“ Sabine hat sich während der Pausenaufsicht an mich dran ehängt. „Was kochen wir nochmal?“, „Ich hab‘ das von letzter Woche zu Hause auch gekocht. Ich hab‘ dann aber Schinkenwürfel statt Oliven genommen.“, „Treffen wir uns dann an der Küche?“, „Das wird bestimmt voll gut.“

Sabine blubbert wie ein Wasserfall und dafür ist mein Kochkurs ein jederzeit willkommener Anlass. Sabine sucht augenscheinlich Aufmerksamkeit bei uns Lehrern. Sabine fällt auf. Ihre Kleidung wirkt nicht immer passend zu ihrer Körpergröße, regelmäßig ist sie etwas zu weit oder zu kurz. Auch ihre langen Haare sind nicht immer gepflegt, insbesondere im letzten Schuljahr standen sie machmal schon morgens struppig vom Kopf ab. Der Eindruck, den sie bei mir hinterlässt, ist für mich schwer zu fassen. Sie wirkt irgendwie grau auf mich.

„Herr Alltagsarbeiter, ich muss erstmal meine Hände waschen.“ Es ist einen Tag später, wir befinden uns im Unterricht, Sabine geht zum Waschbecken, wäscht ihre Hände. „Die Hände sind jetzt ganz nass.“, stellt das Mädchen fest, „Ich brauche ein Handtuch. Jetzt sind sie wieder trocken.“

Sabine beteiligt sich meistens eifrig am Kochen, findet aber auch dabei genug Zeit, mich Feststellungen und Fragen zu löchern. „Gucken Sie mal Herr Alltagsarbeiter, ich habe die Paprika entkernt. Gucken Sie mal, das ist das ganze Kerngehäuse. Herr Alltagsarbeiter, wie schnell können Sie eine Paprika entkernen?“ Ich möchte keinen Entkernungswettbewerb antreten, sondern dass Sabine sich jetzt weiter in ihrer Kochgruppe beteiligt. Heute entsteht ein Chili. Das Gericht ist Sabines Gruppe gut gelungen, doch wenig später kommt jemand auf die Idee, es noch etwas nachzuschärfen. Es ist nach wie vor essbar, wenn auch nun sehr scharf.

„Herr Alltagsarbeiter, probieren Sie mal unser Chili! So ein scharfes Chili haben Sie bestimmt noch nie gegessen!“, setzt Sabine an. „Das ist ganz schön scharf, oder?“ Beim Aufräumen verfolgt Sabine mich durch die Schulküche, sie ist immer noch fasziniert vom Chili: „Aber das war auch ganz schön scharf.“

Kaum bin ich in der anschließenden Pause draußen, habe ich auch schon Sabine wieder im Schlepptau. Es geht um scharfes Chili. Und: „Aber das Rezept ist ja auch falsch. Da war zu wenig Salz dran.“ Ein neues Thema ist eröffnet.

Ich wende mich an ihren Klassenlehrer und frage ihn, ob Sabine zu Hause genug Aufmerksamkeit bekäme.

„Nein.“

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s