Schulflucht

Die letzten Wochen des vergangenen Schuljahres waren in Hinblick auf Jana ein Erfolg. Bis auf wenige Ausnahmen kam das Mädchen, das keiner mehr ernsthaft in der Schule erwartete, wieder täglich genau dorthin. Meine Klasse hatte längst vergessen, dass da noch jemand dazu gehörte, so lange war Jana am Stück weggewesen.

Bekanntermaßen herrscht in Deutschland Schulpflicht. Sein Kind aus welchen Gründen auch immer (abgesehen von Krankheiten) nicht zum Unterricht zu schicken ist eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld belegt wird. Man kann sich vorstellen, dass diese Bußgelder das Verhältnis zwischen Schule und Elternhaus nicht gerade verbessern. Konflikte waren also vorprogrammiert. Und doch hatten wir es mit vereinten Kräften der Schule, zweier behördlichen Stellen und letztendlich auch den dann doch zeitweise kooperationswilligen Eltern geschafft, aus Jana wieder eine Schülerin zu machen.

Und die war sie immer noch, als das neue Schuljahr begann. Nach wenigen Wochen begann die wiedererlangte Regelmäßigkeit zu bröckeln. Es ging scheinbar unscheinbar los: Jana fehlte mal einen Tag in der Woche, dann noch einmal den gleichen Tag in der folgenden Woche. Es war der Tag mit Sportunterricht. Dann kamen die ersten Klassenarbeiten. Bei der ersten war sie noch dabei. Bei der nächsten Hauptfacharbeit fehlte sie, bei der übernächsten bei mir ebenfalls. Dann kam sie für einen Tag zur Schule, um anschließend wieder zu fehlen. Es war der Tag für den ersten Nachschreibtermin. Auch an meinem Nachschreibtermin gab es von Jana keine Spur. Genausowenig wie an Tagen, an denen sie jene Fächer hatte, vor deren Klassenarbeiten sie sich drückte. Was Jana nicht wusste: Längst waren die Arbeiten mit einer 6 bewertet worden. 

Bei Jana hatte eine neue Regelmäßigkeit eingesetzt. Nicht länger die des Schulbesuchs, sondern die altbekannte des Fehlens. Und zwar gezielt an solchen Tagen, an denen sie die Fächer hat, in denen ihr die Nachschreibarbeiten drohen. Oder der Sportunterricht. Mal gibt es morgens einen Anruf, sie sei krank, mal nicht. Mal gibt es eine ärztliche Bescheinigung, mal nicht. Als Jana für wieder für einen Tag in der Schule ist, wird sie von der Kollegin zur Rede gestellt. Wenig überraschend ist das Gespräch nicht sehr ergiebig. Jana flüchtet sich ins Kranksein, erzählt von Attesten, die nie bei mir angekommen sind, von Tagen an denen sie krank war, obwohl sie da war. Längst hat das Mädchen den Überblick über sich selbst verloren.

Und ich greife zum Telefonhörer und wähle die Nummer eines zuständigen Amtes.

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