Auf dem Weg – mit Umwegen

Mit Francois war das im letzten Schuljahr so eine Sache gewesen. Seine mangelnde Frustrationstoleranz und die daraus folgenden Wutanfälle haben uns immer wieder beschäftigt. Francois ist ein intelligenter Junge, der unter schwierigen Bedingungen lebt, welche ihm offenkundig nicht nur materiell, sonden auch emotional zusetzen. Aus seinen Fähigkeiten konnte er unter diesen Umständen bisher nicht viel machen. Hausaufgaben hatte er nicht, für Klassenarbeiten wurde auch nicht gelernt. Ganze Aufgaben blieben unbeantwortet, die Blätter schob er wie zur Bekräftigung symbolisch von sich weg, die Ergebnisse waren entsprechend. Aber wehe es kam ein dummer Spruch von einem Mitschüler oder jemand rempelte ihn beim Fußball (was er mit Begeisterung spielt) an… Manchmal mussten sich dann auch die Kollegen von der Pausenaufsicht wegducken, bevor sie ihn dann einkassierten.

Hilfe war also dringend angesagt und wurde von verschiedenen Stellen auch angeschoben, wir bleiben regelmäßig in Kontakt miteinander. Vor den Sommerferien half das so bedingt, aber Hilfe braucht natürlich Zeit zum Wirken.

Nach den Sommerferien hat sich Einiges verändert. Francois macht regelmäßig Hausaufgaben, meldet sich oft, sagt viel Gutes. Auf seine Beiträge ist Verlass. Auch Unterrichtsaufgaben erledigt er gewissenhaft, Flüchtigkeitsfehler berichtigt er emsig ohne zu Murren. Er bemüht sich redlich, sich angesichts seiner drohenden Wutausbrüche zusammenzunehmen. Es läuft zumindest schulisch wirklich gut.

An einem Tag fehlt Francois. Er wurde morgens nicht abgemeldet (was Schulen erwarten) und als er zwei Tage später wieder da ist, bekomme ich keine schriftliche Entschuldigung. Und auch sonst keine Erklärung. Im Unterricht macht er hervorragend mit. Wenig später fehlt er wieder, erneut gibt keine Abmeldung. So etwas kam schon in der Vergangenheit vor, Francois erzählte dann von Hausarbeiten, die er erledigen musste. Ich greife zum Telefon und rufe bei ihm zu Hause an. Es begrüßt mich der Anrufbeantworter. Ich wähle eine bei der Schule hinterlegte Handynummer. Es begrüßt mich diesmal: die Mailbox, mit der ich mich dann auch unterhalte und um einen Rückruf bitte. Schließlich hätten wir auch Erfahrungen damit, dass Kinder morgens das Haus verließen, aber einfach den Weg zu uns nicht finden wollten, gebe ich zur Begründung an. Ich erhalte keinen Rückruf, einen Tag später ist Francois wieder in der Schule und brummelt irgendetwas vor sich hin. 

Dafür erhalte ich einen Anruf einer städtischen Grundschule: Man habe Francois gestern gesehen, er habe jüngere Geschwister zur Schule gebracht.

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