Empathie

Ich hatte zu Beginn der Stunde Antworten wie „schlechte Noten“, „Ärger mit den Eltern/Geschwistern“, „Streit mit der besten Freundin“ erwartet. Oder Stichworte wie „Schulden“, „nicht genug zu essen“. Solche Antworten kamen jedenfalls vor einem Jahr, als ich das Thema mit den damaligen Religionssiebern schon einmal durchgenommen habe.

Die Überschrift an der Tafel lautet damals wie heute: „Jeder hat Probleme…“

Dieses Mal sind die Antworten andere. „Krieg“, „Flucht“, „Angst vor dem Tod“ sind nun die Stichwörter meiner Schüler. „Probleme in der Familie“ kommen erst deutlich später und bilden nur das Sprungbrett zurück zum ersten Thema: „Wenn man flüchtet hat man ja auch Angst um seine Kinder.“ Die Klasse hat Redebedarf, genauso wie später meine Religionssechser:

„Man lässt dann ja auch seine Großeltern oder Tante und Onkel zurück und dann weiß man gar nicht, wie es denen geht. Oder ob die noch leben.“

„Von denen sterbe auch welche. Ich hab‘ das im Fernsehen gesehen, da sind Menschen in einem Lastwagen erstickt.“

„Ich hab‘ das heute morgen im Radio gehört, da hat so eine vom Fernsehen einfach Leute die flüchten getreten. Voll asi!“

„Ich glaube das war in Ungarn! Da haben die so einen Zaun gebaut. Das war alles Stacheldraht und die Klamotten von den Leuten waren schon ganz zerissen. Und überall war Polizei und wollte die nicht weglassen, wiel die in so ein Lager sollten. Aber die Flüchtlinge wollten einfach nur weg.“

„Und die haben die Leute dann auch geschlagen.“

„Die haben dann ja auch nichts, wenn die abgehauen sind vor dem Krieg. Obwohl die voll lange unterwegs sind. Aber die wollen ja auch nicht sterben.“

„Ich hab‘ das auch im Fernsehen gesehen! Die Eltern haben sich dann vor ihre Kinder gestellt, um die zu beschützen. Die haben gar nicht an ihr Leben gedacht. Nur an ihre Kinder.“

Das Thema für die nächsten Religionsstunden steht. Und es ist wie verhext. Plötzlich hören die Kinder einander zu, nehmen die Stichworte der anderen auf, warten, bis ich ihre Meldung drannehme. Oft genug lärmen einige von ihnen einfach nur herum, sei es, weil sie keine Strukturen kennen, die ihnen Halt geben oder weil sie einfach mit sich und der Welt unzufrieden sind. Weil sich um manche nicht gekümmert wird, sei es materiell und/oder emotional. Manch einer hat schon in jungen Jahren eine psychologische Begutachtungs- und Behandlungskarriere hinter sich, manch anderer eine Sitzenbleiberkarriere. Das alles trägt nicht zum Selbstwertgefühl und zur Selbstzufriedenheit bei.

Doch eines haben sie heute bewiesen. Im Zweifelsfall sind sie zu deutlich mehr Empathie fähig als alle Facebook- und Realfaschisten zusammen.

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