„Ja, aber…“

Wie gesagt, der Besuch der Stadtbibliothek war ein erfolgreicher Ausflug, auch wenn Manuel sich anstrengend benahm. Aber auch ein zweiter Schüler forderte von mir und meiner begleitenden Kollegin erhöhte Aufmerksamkeit. Dabei war Sergej zu Beginn noch gar nicht da. Er fehlt immer wieder mal sporadisch für ein oder zwei Tage, dann ist er wieder da. Für eine schriftliche Entschuldigung muss ich regelmäßig und mehrfach nachbohren und auch dann kommt sie nicht immer.

Doch mit 15 Minuten Verspätung sehe ich ihn an einem Fenster der Bibliothek vorbeigehen und in Richtung des Eingangs steuern. „Sergej schon wieder.“, kichert ein Mitschüler. Sergej kommt häufig zu spät zur ersten Stunde, so häufig, dass seine Mitschüler in der Klasse anfangen, darüber spitze Kommentare zu machen. Ich nehme ihn am Eingang in Empfang und melde ihm genau das zurück.

Nun ist der Junge also da, geht in die Leseecke, in der schon der Rest der Klasse sitzt, setzt sich auf den Boden und beginnt, sich mit einem Freund zu behakeln. Immer wieder schubsen sie sich weg. Das bringt ihnen sichtlich Lust, hat aber nichts mit dem Bibliotheksbesuch zu tun. In einer Freiphase, in der die Schüler die Bibliothek selbstständig erkunden können, beginnt Sergej, auf dem Boden Liegestütze zu machen. Ich fordere ihn auf, das zu unterlassen. Kein Problem, es gibt ja noch anderes zu unternehmen. Wenig später will er Sascha am Rucksack auf den Rücken klettern. Ich fordere ihn auf, auch das zu unterlassen. „Ja, aber Sascha hat mir das erlaubt!“, rechtfertigt er sich.

Zurück in der Abschlussrunde. Sergej möchte es scheinbar gerne bequem haben und baut sich aus mehreren Sitzpolstern ein Bett, auf dem er sich anschließend ausstreckt. Leider muss er sich wieder vernünftig hinsetzen. Auch dafür findet er einen Ausgleich. Wenig später schunkelt Sergej Arm in Arm mit einem Mitschüler durch die Räumlichkeiten. Und auch das muss er unterlassen. Dafür schunkelt er nun mit einem anderen Mitschüler weiter: „Aber das haben Sie mir nicht verboten!“, setzt er gegenüber mir an. Ich werde zunehmend ärgerlich: „Ja, aber hat jetzt Sendepause!“ Sergej fühlt sich ungerecht behandelt: „Ich habe nicht ja, aber gesagt!“, gibt er zurück. Da er nun mit niemanden mehr durch die Bibliothek schunkeln darf, sondern wie der Rest der Klasse ein angemessenes Benehmen zeigen soll, deutet Sergej jetzt nur noch an, jemanden den Arm um die Schulter zu legen. Sein Arm hält dabei immer ein paar Zentimeter Abstand zu seinen Mitschülern, denn das ist kein Umarmen, er berührt den Mitschüler schließlich nicht.

Entgegen der Besprechung im Vorfeld des Besuches schiebt Sergej auf dem Rückweg zur Schule sein Fahrrad nicht, sondern rollt auf den Pedalen durch die Gassen. Wiederum fordere ich ihn auf, das zu unterlassen. „Ja, aber ich bin nicht gefahren!“, hält er mir entgegen. „Die Ansage war, dass die Fahrräder geschoben werden.“, erinnere ich ihn. „Ja, aber das ist kein Fahren!“, beharrt er. Damit ist sein Repertoire noch nicht erschöpft. Trotzdem wir uns durch den Stadtverkehr bewegen, schiebt Sergej sein Rad, nachdem er nun absteigen musste, auf der Straße. Und wiederum fordere ich ihn auf, das auf dem Fußweg zu tun. Doch dafür fehlt ihm augenscheinlich die Kraft: „Ja, aber der Bordstein ist zu hoch!“

Der nächste Ausflug findet ohne Sergej statt.

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