Wohin geht es?

Francois hat wieder zugeschlagen. Es war eine Nichtigkeit. Jungsgruppen, die Fußball spielen. Man kickt sich gegenseitig den Ball weg, mal die einen, mal die anderen. Doch als Francois den Ball vor den Füßen hat und ein andere den vom Feld schießt, passiert es. Francois springt dem Kontrahenten auf den Rücken, schlägt auf ihn ein, springt ihn wieder an. Er lässt gar nicht ab, auch andere bekommen was ab. Eine Kollegin greift ein, muss seinen Schlägen ausweichen, bis sie Francois aus der Situation herauszerren kann.

„Nein, ich komme nicht mit! Du kannst mir gar nichts sagen! Du bist nicht mein Chef! Was willst du machen? Willst du mich hier wegtragen?!“ Francois brüllt sich aus, wenn er schon nicht weiter prügeln kann. Wie auch bei vergangenen Fällen will er sich anschließend nicht äußern.

Oh Francois! Seit einiger Zeit befindet er sich in einem Antiaggressionstraining. So etwas wirkt natürlich nicht von heute auf morgen, auch nicht von heute auf übermorgen. Aber natürlich machen sich alle, die mit ihm zu tun haben, Hoffnung, dass dieser kleine 11jährige Junge, der so viel Potential hat und immer wieder in Gewalt und Verzweiflung versinkt, dadurch stabilisiert wird. Und doch muss ich eingestehen, dass ich in letzter Zeit den Eindruck habe, dass das Gegenteil der Fall ist. Immer häufiger steht er morgens muffelig vor dem Klassenraum. Während des Schuljahrs hat er den Weg zum Klassenraum gerne genutzt, um schnell noch etwas loszuwerden, Dinge, die er erlebt hat und die ihn beschäftigen. Teilweise waren seine Erzählungen schwer verdaulich. Nun ist er wie gesagt muffelig und brummig, seine manchmal verstrubbelten Haare unterstützen diesen Eindruck noch. Nicht mal eine Reaktion auf mein „Guten Morgen!“ ist drin.

Nicht, dass ich nicht vorgewarnt worden bin – zumindest indirekt, aber ich wusste die Zeichen nicht zu deuten. Wenn ein Junge einem erzählt, dass die älteste Schwester ausgezogen sei, dann ist sie auf den ersten Blick ausgezogen. Aber ein Gespräch mit einer Kollegin, die einst Francois‘ älteste Schwester unterrichtete, weitet den Blick: Offenbar war sie der Stabilitätsanker, diejenige, die sich zu Hause um alles kümmerte und das schloss auch die jüngeren Geschwister mit ein. Damit sie wusste, was anstand, bekam sie jeden Tag von ihrer Mutter eine Nachricht, was sie zu tun habe, während diese abwesend war. Wofür auch immer.

In letzter Zeit hat Francois immer wieder gefehlt. Mal einen Tag, dann zwei, manchmal auch mehr. Er behauptet dann, dass er zu Hause habe helfen müssen. Aufräumen und putzen. Eine schriftliche Entschuldigung bekomme ich nie. Ob das stimmt oder nicht, ob das teilweise stimmt oder ob er diese Behauptung heranzieht, weil er keine Lust auf die Schule hatte? Ich weiß es nicht genau, von zu Hause bekomme ich keine Erklärung, die weiterhilft.

Wie gesagt, vor einigen Wochen ist seine Schwester ausgezogen. Und seit einigen Wochen kommt er muffelig zur Schule gebrummelt. Und schlägt zu.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s