Ich!

Vorweg muss ich festhalten: Der Besuch der örtlichen Stadtbibliothek war ein Erfolg. Die Klasse war überwiegend interessiert und neugierg bei der Sache, auch von einer Mutter kam eine positive Rückmeldung, ihrem Sohn habe es sehr gut gefallen. Einige Schüler nutzten die gerade eben erhaltene Leihkarte, um sich sogleich mit Büchern und Zeitschriften einzudecken. So nahm Felix gleich zwei Drittel des Star Wars-Bestandes mit, Alex den Rest.

Während wir dort sind, will Manuel Aufmerksamkeit. Dass er in neuen Situationen stark auf Erwachsene fixiert ist, ist mir schon aufgefallen, als ich am Anfang des Schuljahres meine Fünfer als Klasse bekommen habe. Ich musste ihn regelrecht wegschicken, damit er Kontakt zu Gleichaltrigen aufnimmt, statt nur mir gefallen zu wollen. So ist es auch jetzt, nur dass die Bibliothekarin in Beschlag genommen wird. Manuel hat immer noch eine Frage, immer noch etwas beizutragen und sei es noch so sachfremd. So wissen wir aber alle am Schluss von seinem (angeblichen) Tablet, dem PC, dem E-Book-Reader, dem Smartphone und so weiter. „Oh Mann, du hast auch alles!“, stöhnt der erste Mitschüler. Die Bibliothekarin bemüht sich redlich, dennoch mit ihrer Einführung voranzukommen, damit die Klasse nicht die ganze Zeit auf Stühlen festgenagelt ist.

„Wir haben viele unserer Bücher auch online als E-Books, die man sich auf einem E-Book-Reader ausleihen kann, außer man hat einen Amazon-Kindle, da funktioniert das nicht.“ „Warum nicht?“, will Manuel wissen. „Das ist ein geschlossenes Sytem von Amazon für die eigenen Inhalte und da…“, versucht sie geduldig zu erklären, aber Manuel kann nicht abwarten: „Doch, das geht!“, weiß er es besser, „das kann man dann auf seinen Computer laden und dann umwandeln und dann mit einem Kabel auf…“ Hier bricht die Biliothekarin ab, die Schüler sollen sich schließlich noch in der Stadtbibliothek bewegen können. Wie gesagt, Manuel will Aufmerksamkeit. Und auch später wird er sie knallhart einfordern. Für ein abschließendes Bücherspiel sitzt die Klasse wieder zusammen und macht überwiegend begeistert mit.

Manuel hat eine Lösung und will sie unbedingt ansagen, sein Arm schießt in die Höhe und reckt sich anschließend immer länger. Doch die Bibliothekarin ist ausgerechnet jetzt mit einer Mitschülerin beschäftigt! Manuel beginnt, seine Meldung durch Rufe zu unterstützen: „Hier, hier! Ich hab’s! Hier!“ Die gute Frau lässt sich nicht beirren, bleibt der Mitschülerin zugewandt, während Manuel fast vor Druck platzt. Er steigert sein Verhalten. Jetzt trappelt er mit den Füßen, unablässig trommeln sie auf den Boden ein, die Frau muss ihn doch hören! Allein, es hilft nichts – sie kümmert sich weiter um das Mädchen. Manuel greift ein. Sich nach wie vor meldend steht er auf, geht zu den beiden hin und schiebt sich zwischen Mitschülerin und Bibliothekarin, genau vor ihr Gesicht, so dass das Gespräch unterbrochen wird. Vergebens, sie schickt ihn weg, er ist jetzt nicht an der Reihe.

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