Prioritäten

In der ersten großen Pause finde ich in meinem Fach einen Benachrichtigungszettel aus dem Sekretariat. Janas Mutter hat einen Rückrufwunsch, das passende Kreuzchen ist um den Hinweis „Dringend“ ergänzt. Offen gesagt, mich drängt es gar nicht, denn in dringenden Angelegenheiten zwischen Janas Elternhaus und mir ist der Telefondienst sehr unterschiedlich verteilt.

Jana wiederholt das Schuljahr, nachdem sie im vergangenen Jahr rund die Hälfte aller Schultage nicht anwesend war. In meiner Klasse ging das nach einer kurzen Pause nahtlos weiter, zwischendurch hatte ich die bisherigen Fehltage auf das verbleibende Schuljahr hochgerechnet: Jana drohte, sogar noch häufiger zu fehlen. Wurden die Fehlzeiten früher meistens nachträglich entschuldigt, bleibt das inzwischen aus. Im zweiten Halbjahr fehlt Jana dauerhaft, es gibt morgens keine telefonische Abmeldung und keine ärztlichen Bescheinigungen. Ihr Tisch im Klassenraum ist leer und kann für einen Schüler, der sich einen Einzelplatz gewünscht hat, benutzt werden. Es ist grotesk. Zu Beginn des Schuljahres fragten die Schüler noch manchmal nach ihr, inzwischen sind sie an Janas Abwesenheit gewöhnt.

Alle paar Fehltage macht die Schule eine Meldung an das zuständige Amt, das verhängt ein Bußgeld. Nach so einem Bußgeldbescheid ruft die Mutter in der Schule an, wünscht mich zu sprechen und immer ist es dringend. Diese Art des Umgangs ist weder angenehm, noch ist das Kind deswegen zur Schule zurückgekehrt. Doch nun ist auch das Jugendamt aktiv geworden.

Ein Gespräch selbigem und einen runden Tisch mit allen Beteiligten samt Schulleitung und mir später haben wir mit vereinten Kräften das Mädchen vorläufig wieder in die Schule bekommen. Seit zwei Wochen kommt Jana also wieder regelmäßig zum Unterricht (Sport ist manchmal ein Problem) und an einem Mittwoch fehlt sie plötzlich wieder. Immerhin, die telefonsiche Abmeldung folgt mit etwas Verspätung und inklusive des besagten dringenden Rückrufwunsches.

Dabei hat die Sekrätriatsarbeiterin bereits alles Nötige erklärt bekommen: Am Vortag hatte Janas Vater Geburtstag, es war ein runder. Da hat man abends eben gefeiert, das dauerte recht lange, das Kind kam entsprechend sehr spät ins Bett und Mittwochmorgen war dann an Schule nicht mehr zu denken.  Der Hinweis der Sekretariatsarbeiterin, dass das Kind auch nach Geburtstagsfeiern zur Schule kommen und dafür dann möglicherweise etwas kürzer feiern müsse, erntete am anderen Ende der Leitung Empörung: Es war doch ein runder Geburtstag!

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