Oben auf

Dass Schüler Lernplakate gestalten, gehört seit gefühlten Ewigkeiten zum Unterricht wie die Kreidetafel. Und ja, auch ich lasse ab und an Plakate herstellen, in letzter Zeit im Religionsunterricht. Das Thema sind religiöse Feste und heute wird die inhaltliche Ernte eingefahren. Meine Religionsfünfer haben in Kleingruppen zu ihren Plakaten Vorträge vorbereitet, halten diese, beantworten Rückfragen aus der Klasse, nehmen Feedback entgegen. Das funktioniert bei den einigen Gruppen schon gut eingespielt, aber nicht bei allen. Timothy steht mit leeren Händen da. Sein Arbeitspartner fehlt schon seit zwei Religionsstunden, er hatte zwar Zeit, um seinen Teil am Ergebnis vorzubereiten, aber der ist weg. Irgendwie verschwunden, unauffindbar. In seiner Not hat er sich kurz vor der Stunde an Timur angehängt, dessen Zusammenarbeit mit seiner Gruppe wiederum wie so häufig gescheitert ist und der eigentlich ebenfalls alleine vorstellen sollte.

Das war so nicht geplant, aber nun gut, sollen die beiden Jungen zeigen, ob sie trotz ihrer chaotischen Arbeit Inhalte anzubieten haben. Und ja, sie haben. Der Kurs hört aufmerksam zu und Timothy und Timur geben sich redlich Mühe, der Flut von interessierten Rückfragen Herr zu werden. Und das erkennen ihre Mitschüler, denen das Chaos im Vorfeld nicht verborgen geblieben ist, in ihren Rückmeldungen an. Immer wieder kommt zur Sprache, dass die beiden ja so viel berichten und beantworten konnten, obwohl sie ja gar nicht so richtig vorbereitet waren.

Timur bleibt dennoch vorerst zurückhaltend, denn er weiß, dass ich weiß, dass er das Scheitern seiner Gruppe zu verantworten hat. Auch wenn er das vergangene Woche nach Kräften abgestritten hatte und versuchte, anderen die Schuld zuzuschieben.

Und Timothy? Der kleine Junge, der vor 15 Minuten noch bis zur akustischen Unverständlichkeit kleinlaut war, als ich ihm auf die Schliche kam, hat nun wieder Oberwasser: „Kleiner Geburtsfehler: Dinge die ich einmal gelesen habe, kann ich nicht mehr vergessen!“, macht er dem Kurs klar.

In der nächsten Religionsstunde findet er seine verschwundenen Ergebnisse zwischen den Seiten des Religionsbuches wieder.

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