Leidenschaften entdecken

Im Nachmittagsunterricht der siebten Klassen war das mit Stefan so eine Sache. Er hat sich für den Computerkurs entschieden, indem die Schüler das Tippen mit zehn Fingern erlernen. Doch schon in der ersten Stunde seines Durchganges gerät er mit dem Kollegen dort heftig aneinander. Es sieht nicht so aus, als kämen die beiden halbwegs friedlich über die nächsten Wochen und so spricht  mich Stefans Klassenlehrerin an: „Du Alltagsarbeiter, hast du in deinem Kochkurs noch einen Platz frei?“ Ich habe. „Das ist gut, ich schicke dir einen Schüler von mir, Stefan, das geht einfach mit dem Computerarbeiter nicht.“ Wenn man im Lehrerzimmer die Ohren aufsperrt, haben so einige Kollegen manchmal ihre liebe Mühe mit Stefan, seine Klappe scheint schon sehr groß zu sein.

Eine Woche später sitzt ein neuer Schüler bei mir in der Schulküche, das Geld für die zu verkochenden Lebensmittel hat er dabei. Schnell ist für ihn eine Kochgruppe gefunden und los geht es. Stefan kocht sich in den folgenden Stunden emsig durch den Nachmittag, rührt und probiert, freut sich über die Gerichte, die vor seinen Augen entstehen, geht herum, interessiert sich für die Ergebnisse anderer, hilft zur Not mal nach. Auf dem Schulhof fragt er regelmäßig was wir dem als nächstes kochen werden. Im Kochkurs wird auch gebacken und während einmal der Kuchen im Backofen aufgeht, entdeckt Stefan die indischen Gewürze aus meinem Wahlpflichtkurs, der ebenfalls kocht. Eines der Gewürze sind Koriandersamen. Er nimmt einen in den Mund, knabbert darauf herum, schmeckt, was passiert, erforscht den entstehenden Geschmack auf seiner Zunge.

„Was isst du denn da?“ Eine Mitschülerin ist kurz neugierig, aber Koriandersamen sind ihr dann doch nicht geheuer. Stefan insistiert: „Probier‘ mal, schmeckt voll interessant!“ Inzwischen ist der Kuchen fertig, die Schüler essen zur einen Häfte ihre Ergebnisse und laufen zur anderen Hälfte in alle Richtungen des Gebäudes davon, um ihren Klassenlehrern und MItschülern auch ein Stück zu bringen. Stefan setzt sich neben mich auf einen Tisch und guckt mich an:

„Wissen Sie was? Ich werde Koch.“

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